16. Parteienforschung in Bayern

Anfang 1967 schloss ich mein Studium der Soziologie, Politikwissenschaft und Psychologie ab und begann als Wissenschaftlicher Assistent am Institut für politische Wissenschaft an der Freien Universität meine Forschungsarbeiten über die CSU und die Geschichte Bayerns nach 1945. Bevor ich über einige Abenteuer während meiner empirischen Parteienforschung berichte, über Schwierigkeiten und dramatische Situationen, über Spitzel und Anwerbungsversuche, über Unterstellungen und Diffamierungen, muss ich in ein paar Bemerkungen Grundsätzliches zu den Zwecken und Aufgaben der Parteienforschung im Nachkriegsdeutschland voranstellen. Ich forschte nicht in der Stille wohlgeordneter Archive und gut betreuter öffentlicher Bibliotheken, sondern unternahm wissenschaftliche Expeditionen in politischen Landschaften, die von der Parteienforschung erst erkundet werden mussten. Nach dem Sieg der Alliierten über Nazi-Deutschland und während der deutschen Teilung ging es um die Neuetablierung eines demokratischen Parteiensystems. Parteienforschung war, so wie ich und andere prominente Parteienforscher sie verstanden und betrieben, Demokratieforschung. Es ging nicht darum, Mächtigen und Prominenten, Mitgliedern und Sympathisanten, Gegnern und Feinden gefällige Darstellungen und Interpretationen zu liefern, sondern um die wertbezogene Beobachtung, Transparenz und Unterstützung demokratischer Prozesse. Zu den Kernfragen zählte, ob es gelingen würde, in der neuen Bundesrepublik Deutschland auf Dauer eine Parteiendemokratie nach westlichem Muster zu etablieren.

Damals waren die Parteiarchive selbst für hochrangige Vertrauenspersonen noch verschlossen und der Wissenschaft erst recht schwer zugänglich. Es waren die Jahre der Außerparlamentarischen Opposition (APO), der Studentenunruhen und des Terrors der Roten Armee Fraktion (RAF), als ich meine Forschung über die Christlich Soziale Union betrieb. Ich kam von der Freien Universität Berlin und nicht von einem bayerischen Lehrstuhl für bayerische Landesgeschichte. Heute vergisst die viel jüngere Forschergeneration allzu leicht jene politischen Rahmenbedingungen und Umstände zur Zeit des Kalten Krieges und des geteilten Deutschlands. Die Forschungssituation stellte sich damals ganz anders dar als heute. Die Stiftungen und Forschungseinrichtungen der Unionsparteien, die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Hanns-Seidel-Stiftung, waren gerade erst gegründet worden und noch im Aufbau begriffen. Gleiches galt für die Friedrich-Naumann-Stiftung. Das Archiv für Christlich- Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung wurde erst 1976 gegründet. In der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung gab es noch kein Archiv für Christlich-Soziale Politik und noch keinen Fundus an Unterlagen zur Geschichte der CSU. Die CSU hatte bis zum Jahre 1970 niemals Parteitags- und Kongressberichte vorgelegt und nur einmal, im Jahre 1954, ein eigenes Jahrbuch der Partei herausgebracht. Der Union-Kurier, eine Beilage zum Bayernkurier mit organisationspolitischen Nachrichten für Parteimitglieder, wurde erst 1967 ins Leben gerufen Regelmäßige und fortlaufende Organisationsberichte gab es nach heutigen Maßstäben nur in rudimentärer Form. Auch fehlten die Hilfsmittel heutiger Kommunikations- und Informationstechnik. Es gab noch kein FAX, keinen PC, kaum digitale Speichermöglichkeiten. Wissenschaftliches Recherchieren hieß, auf kostspieligen Informationsreisen, die oft wochenlang dauerten, handschriftlich aufzuzeichnen, was einem in die Hände kam. Günstigenfalls durften ein paar Blätter kopiert werden. Sozialwissenschaftliche Parteienforschung war also nicht „historiografische“ Forschung in professionellen Archiven und gut geführten Forschungsabteilungen von Stiftungen, so wie wir sie heute vorfinden.

Spannende Feldforschung vor Ort

Parteienforschung war in erster Linie langwierige, aufregende Feldforschung vor Ort. Ich musste über viele Jahre monatelang nach Bayern reisen und in den Geschäftsstellen der CSU-Bezirksverbände und in der Landesleitung vorsprechen, um an Datenmaterial heranzukommen. Erhielt ich Zugang zu Aktenbeständen, stand ich in dem einen oder anderen Fall vor neuen Problemen, weil zum Teil desolate Archivverhältnisse herrschten. Die dezentrale Archivierung von Parteiakten war lange Zeit als eine lästige Organisationsarbeit angesehen worden, die nebenher und ohne ausgefeilte Systematik, geschweige denn nach zentralen Vorgaben betrieben wurde. Jeder Bezirksverband erledigte die Archivierung nach eigenem Gutdünken und Bedarf. Auch die Vernichtung von Akten lag im Belieben von CSU-Bezirksverbänden. Die Akten des Bezirksverbandes München, zu denen mir Prinz Konstantin von Bayern den Zugang vermittelt hatte, lagen in der Widenmeyerstraße in einer Badewanne. Sie waren nach einem Umzug dort einstweilen deponiert worden. Einen Gutteil der Aktenbestände aus der Gründungszeit zwischen 1945 und 1948/49 hatte der erste Landesvorsitzende der CSU, Dr. Josef Müller, in seiner Wohnung in der Münchner Gedonstraße 4 „privatisiert“ und unter Verschluss gehalten.

Parteien, insbesondere die CSU, waren damals aus verständlichen Gründen äußerst sperrige Forschungsgegenstände. Die Grenzgänge zwischen Westberlin und Bayern erschwerten die Forschung noch zusätzlich. Zur hochorganisierten und kommunikationstechnisch gut ausgestatteten Partei wurde die CSU nach zaghaften Ansätzen erst seit Mitte der 1960er Jahre. Dabei hatten die Kampagnenfähigkeit und die Wahlagitation bei Weitem den Vorrang. Die zur Mobilisierung der Partei erarbeiteten statistischen Daten waren schon aus strategischen Gründen streng vertraulich und nur für den inneren Gebrauch bestimmt. An solche Materialien heranzukommen, war für Parteienforscher so gut wie unmöglich. Parteienforschung war – daran dürfte sich allerdings nicht viel geändert haben – bei aller Zweckrationalität sozialwissenschaftlicher Methodik gerade unter damaligen Verhältnissen ein hoch empfindlicher und eminent politischer Vorgang. Wer damals innere Verhältnisse, Entscheidungsstrukturen, Gruppenbildungen, Gegner- und Seilschaften, Vorstandswahlen, Arbeitsgemeinschaften, taktische Koalitionsbildungen und erst recht Finanzverhältnisse untersuchen wollte, musste hohe Hürden überwinden und Abwehrmaßnahmen unterlaufen. Türen gingen zu, Auskünfte wurden verweigert. Dem Forscher wurden politische Absichten unterstellt.

Eine charakteristische Episode: Der Bezirksvorsitzende der CSU Oberbayern und damalige Landwirtschaftsminister Alois Hundhammer hatte mich auf meine Bitte hin, mir für meine Analysen der Entwicklungsgeschichte der CSU in Oberbayern Einsicht in parteiinterne Materialien zu gewähren, ins Landwirtschaftsministerium zu einem Gespräch eingeladen. Er zeigte sich für mein Forschungsprojekt zunächst aufgeschlossen. Plötzlich fragte er mich, als wolle er sich noch einmal vergewissern, von welcher Universität ich komme. Als ich ihm wahrheitsgemäß antwortete, von der Freien Universität Berlin zu kommen, richtete er sich im großen Sessel hinter seinem Riesenschreibtisch wie ein Prophet aus dem Alten Testament auf – er trug einen imposant langen, eckig gestutzten Kinnbart – und sagte barsch zu seinem Geschäftsführer des Bezirksverbandes Oberbayern: „Herr Mintzel kriegt nichts, was nicht gedruckt ist!“ Er brach das Gespräch abrupt ab. Allein schon die Nennung der Freien Universität Berlin ließ sofort die Zugbrücke hochgehen.

Dr. Dr. Alois Hundhammer, 1900–1974; langjähriger Vorsitzender des Bezirksverbandes Oberbayern der CSU, 1946–1950 bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus, 1957–1969 Staatsminister für Landwirtschaft und Forsten; aus: Historisch-politische Schriftenreihe des Neuen Presseclubs, München, Bayerische Profile, Heft 1, München 1965

Dr. Dr. Alois Hundhammer; Legende auf der Rückseite: „Der Vorsitzende des Katholischen Männervereins, Staatsminister Dr. Hundhammer, begrüßte die deutsch-französische Aussöhnung“; Photo Stadler, Bad Aibling

Verständlicherweise wurden unausgesprochen oder laut Fragen nach der Parteizugehörigkeit oder nach dem politischen Standort des Forschers gestellt. Der Vorweis eines wissenschaftlichen Grades und Status‘ reichte keinesfalls aus. Über Jahre hinweg musste durch kontinuierliche Kontaktpflege erst ein Vertrauensverhältnis zu Schlüsselpersonen aufgebaut werden, um an harte Informationen zu gelangen und aktuelle Daten zu erhalten. Es bedurfte unter Umständen verdeckter Methoden, der zeitweisen Übernahme der politischen Sprache der beobachteten Partei und der landsmannschaftlichen Rückversicherung, um am Ende ein empirisch gut abgesichertes Forschungsergebnis zu erzielen.

Eine überaus große Rolle spielte, dass ich ein gebürtiger Bayer aus Franken war und mich in der Geschichte der bayerischen Traditionszonen gut auskannte. Meine zum Teil intimen Kenntnisse lokaler Verhältnisse und „landsmannschaftliche“ Verbindungen erleichterten mir den sozialen Prozess des sozialwissenschaftlichen Recherchierens eminent. Einem „Preußen“, zumal einem aus Berlin, hätte man nichts anvertraut. Über Beschlüsse von Parteigremien und Geschäftsstellen hätte ich niemals so tief in das Innenleben der CU eindringen können wie über einzelne Schlüsselpersonen. Der erste Landesvorsitzende der CSU stammte aus Oberfranken. Nach dem Krieg hatte es in den Jahren 1947/48 hintergründige pressepolitische Drähte der Seniorchefs der Mintzelschen Buchdruckerei zum „Ochsensepp“ gegeben, wie Josef Müller genannt wurde. Die US-Militärregierung hatte die Mintzelsche Buchdruckerei beschlagnahmt und das Wiedererscheinen des „Hofer Anzeigers“ untersagt. Ich gehörte zu den wenigen, denen Müller gestattete, in seiner Kanzlei uneingeschränkt Akten auszuwerten. Ich durfte tagelang in seinem „Parteiarchiv“ arbeiten und fand in ihm einen auskunftsfreudigen Parteipatriarchen. Müller war in den dramatischen Gründungs- und Aufbaujahren der CSU ein scharfer Gegner der erzkonservativen und fast fundamentalistisch katholischen CSU-Parteigranden Alois Hundhammer und Fritz Schäffer gewesen, die ihm den Parteivorsitz streitig gemacht hatten. Andere Schlüsselpersonen neben dem schon genannten Prinz Konstantin von Bayern waren Leo Wagner, der langjährige Vorsitzende des CSU-Bezirksverbandes Schwaben, der schwäbische Landtagsabgeordnete Dr. Richard Keßler sowie leitende Angestellte in der CSU-Landesleitung, die ihren Sitz in der Lazarettstraße hatten. Wagner war von 1963 bis 1975 Parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe in Bonn und gehörte zum Establishment der Union. Später wurde er verdächtigt, konspirative Verbindungen zum Staatssicherheitsdienst der DDR unterhalten und Informationen geliefert zu haben. Nach dem Fall der Mauer (1989) und der Vereinigung beider deutscher Staaten (1990) kam heraus, dass Wagner in der Kampfabstimmung über eine Kanzlerschaft des CDU-Politikers Rainer Barzels Verrat am Kandidaten der Union geübt hatte. Die Staatssicherheit der DDR hatte ihn bestochen.

Am 9. August 1977 schloss ich mein Manuskript zur CSU ab. Anfang Oktober 1977, als Hanns Martin Schleyer ermordet wurde, erschien das fünfhundert Seiten starke Buch in einer Auflage von 1200 Exemplaren auf dem Markt. Innerhalb der ersten vierzehn Tage nach seinem Erscheinen wurden 604 Exemplare verkauft. Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse war drastisch: Auf der einen Seite mein überaus großer Kraftakt der Niederschrift, auf der andere Seite die terroristischen Aktionen der Roten Armee Fraktion und ihrer palästinensischen Helfer.

Dokumentarischer Anhang

Aus meiner Korrespondenz mit Dr. Josef Müller, 1972/73; ich gehörte zu den wenigen, denen er Zutritt zu seinem umfangreichen Parteiarchiv gewährte und eine uneingeschränkteAuswertung gestattete.

Brief von Dr. Josef Müller, 24. März 1972

Brief von Dr. Josef Müller, April 1973

 

15. Westberlin – ein Brennpunkt der studentischen Protestbewegung

Großdemonstrationen gegen den Vietnamkrieg

Der Eintritt der USA in den Vietnamkrieg (1963) und die grausamen Auswüchse der US-amerikanischen Kriegsführung lösten an vielen Universitäten heftige Proteste aus. Westberlin, wo wir wohnten und studierten, wurde zu einem der großen Brennpunkte antiamerikanischer Protestaktionen und Großdemonstrationen. Die Anti-Kriegsbewegung, die 1965 in den USA ihren Anfang nahm, verbreitete sich rasch auch in Westeuropa. Aus verschiedenen Gruppierungen formierte sich eine internationale Studentenbewegung, die sich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre infolge der Eskalation des Vietnamkrieges radikalisierte. An den Westberliner Hochschulen, insbesondere an der Freien Universität, kam es zu schweren, teils gewaltsamen Auseinandersetzungen mit den Führungsorganen der Universitäten, mit der Polizei und mit Westberlins politischer Führung. Den Höhepunkt der studentischen Revolte gegen den Vietnamkrieg bildete der vom Sozialistischen Studentenbund organisierte Internationale Vietnamkongress, der am 17./18. Februar 1968 im Auditorium der Technischen Universität Berlin stattfand. An dieser Konferenz nahmen 44 Delegierte aus vierzehn Staaten und schätzungsweise 5000 weitere Personen teil. Zu den prominenten Sprechern und Aktivisten aus Kultur und Wissenschaft gehörten Peter Weiss, Erich Fried, Ernest Mandel, Gaston Salvatore und Giangiacomo Feltrinelli. Aus Westberlin war der Studentenführer Rudi Dutschke einer der Hauptakteure. Die Konferenz endete mit einer Großdemonstration von rund 12.000 Teilnehmern, die Ho-Chi-Minh-Rufe skandierten. Obwohl ich zu dieser Zeit zum SDS bereits auf Distanz gegangen war und mich nicht mehr an Demonstrationen beteiligt hatte, nahm ich aus politischem Interesse als Zuhörer am Internationalen Vietnamkongress teil. Die Stadt brodelte, es herrschte eine explosive Stimmung. Die große Mehrheit der Berliner Bevölkerung hatte nicht das geringste Verständnis für den Widerstand gegen den von den USA geführten Vietnamkrieg. Sie sah seit der Blockade Berlins  von 1948 und nach der gerade erlebten Bedrohung durch die Kuba-Krise in den USA ihre Schutzmacht und einen Garanten der Fortexistenz des freien Berlins. Bevölkerung und Studentenbewegung standen sich aggressiv gegenüber. Provokationen und Gegendemonstrationen schaukelten sich zu gewaltsamen Auseinandersetzungen hoch. An der Freien Universität Berlin war der Lehrbetrieb weitgehend lahmgelegt. Das ostasiatische Institut, Inge Lus Arbeitsplatz in der Universität, wurde besetzt, auf dem Dach des Gebäudes die rote Flagge gehisst und das Lehrpersonal ausgesperrt. Wir beide wurden Augenzeugen der studentischen Aktionen und Demonstrationen. Ich drehte mit meiner Kamera einen Dokumentarfilm über diese Vorgänge. Trotz aller Turbulenzen versuchte ich meine wissenschaftliche Arbeit mit eiserner Konzentration, Disziplin und Zielstrebigkeit fortzusetzen. Der Kontrast zwischen meinem empirisch-analytischen CSU-Projekt, das ich 1967 begonnen hatte, und den Berliner Ereignissen konnte nicht krasser sein.

Alf Mintzel, Heinrich Albertz nach seinem Sturz, karikierende Portraitskizze, Kugelschreiber, 7. Juni 1972

Heinrich Albertz (1915–1993) war ein evangelischer Pastor, Mitglied der SPD, 1966/67 Regierender Bürgermeister von Westberlin. Er billigte und unterstützte den harten und scharfen Polizeieinsatz gegen die studentischen Protestdemonstrationen, bei denen am 2. Juni 1967 der Student Peter Ohnesorg von einem Polizeibeamten rücklings erschossen wurde. Die Protestdemonstrationen hatten sich gegen den Besuch des Schahs von Persien und dessen Frau gerichtet. Noch in der Nacht zum 3. Juni 1967 ließ Albertz verlauten: »Die Geduld der Stadt ist am Ende«. Im Herbst 1967 wandelte sich seine Haltung zum Polizeieinsatz. Er habe, so bekannte er nun, in jener Nacht des 2. Juni »objektiv das Falsche getan«. Sein Gesinnungswechsel und andere Faktoren führten noch im Herbst zu seinem Sturz.

konkret EXTRA BLATT, Titelseite, wohl 3. Juni 1967 (undatiert)

2. Juni 1967: die sogenannten Prügelperser beim Schah-Besuch waren Auslöser für den folgenden Gewaltexzess; konkret EXTRA BLATT, wohl 3. Juni 1967 (undatiert), S. 2

FU-Spiegel 58, offizielle Studentenzeitschrift der FU Berlin, Sonderdruck, wohl 3. oder 4. Juni 1967 (undatiert), S. 1

FU-Spiegel 58, offizielle Studentenzeitschrift der FU Berlin, Sonderdruck, wohl 3. oder 4. Juni 1967 (undatiert), S. 4

Der endgültige Bruch

Als in Berlin und anderswo an den Universitäten 1967/68 die sog. APO-Zeit angebrochen war, hatte ich mein Soziologie-Studium bereits abgeschlossen. Die linken ›Kinderkrankheiten‹, Orthodoxie und eine linke Form der Inhumanität, entfremdeten mich den linken Eiferern, obwohl ich die Revolte gegen den Biedersinn der Adenauer-Ära gut verstehen konnte. ›Abschied von der autoritären Demokratie?‹ Diese Frage beschäftigte mich genau wie die anderen. Die linken Aktivisten nahmen mir jedoch übel, dass ich mich mit der CSU beschäftigte. Zu politischen Seismographen-Gruppen wie den sog. Linkskatholiken hatte ich ein verbindliches intellektuelles Verhältnis. Dagegen blieb mein Verhältnis zu den katholisch- konservativen Machern und Apologeten ambivalent.

Am 13. August 1966, dem 5. Jahrestag des Berliner Mauerbaus, vollzog ich mit einer stillen Aktion den Bruch mit der sozialistischen Studentenschaft und ihren Aktivisten. Es war am Tage unseres Umzugs von der Zehlendorfer Hammerstraße 34 nach Lichtenrade im äußersten Süden Westberlins. Ich verbrannte im Garten des Häuschens, in dem wir seit Februar 1964 gewohnt hatten, alle Materialien, die ich als Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes an der Freien Universität Berlin in meinen Händen gehabt hatte: Mitgliederlisten, Beschlüsse, Protokolle, Korrespondenzen, Plakate, universitätsamtliche Dokumente, die den SDS betrafen. Damit entzog ich alle Verbandsunterlagen einem späteren Zugriff, sodass meine Mitgliedschaft und Aktivität in der Geschichte des SDS nicht vorkommen. Ich war letztendlich zu keinem bekennenden ›68er‹ und Aktivisten der ›APO-Zeit‹ geworden. Ich war, wie linksradikale Aktivisten es damals abfällig nannten, ein bürgerlicher ›Seminar-Marxist‹ gewesen. Ich hatte nicht an ›Go-Ins‹ und ›Sit-Ins‹ teilgenommen und die Ereignisse aus der Distanz beobachtet. Als Demonstrationen die Freie Universität und die Berliner Öffentlichkeit erschütterten, hatte ich meine in den ersten Studentenjahren angenommene marxistische Weltsicht bereits wissenschaftstheoretisch auf den Prüfstand gestellt und zu korrigieren begonnen. Eine profunde Kenntnis des Theoriegebäudes von Karl Marx und späterer marxistisch-theoretischer Positionen war im Berliner Lehrbetrieb unerlässlich für die Auseinandersetzungen. Man konnte sich nicht in ein bequemes konservatives Gehege zurückziehen. Meine linke, akademisch-theoretische Vergangenheit war dem schwierigen trial and error geschuldet, das die Welterfahrung eines jungen Menschen ausmacht. Letzte Gewissheiten, insbesondere religiös-konfessioneller Art, blieben mir fremd. Ich war, um es mit Max Weber zu sagen, religiös unmusikalisch, obwohl mich das Phänomen ›Religion‹ als Sozialwissenschaftler in seinen menschheitsgeschichtlichen Ausprägungen und als evolutionäre Gegebenheit immer interessierte. Mein genuines Interesse an der Wissenschaft und meine berufliche Entscheidung für sie bewahrten mich vor einem wilden Protestaktionismus. Nur das Attentat auf Rudi Dutschke brachte mich am 12. April 1968 auf die Beine. Die Empörung war zu heftig, sie brauchte ein Ventil – die Großdemonstration.

Mitte der 60er Jahre setzte ich mich intensiv mit der modernen Wissenschaftslehre auseinander. Ich las Karl R. Popper, Max Weber, Ernst Topitsch, Carl Hempel, Hans Albert und andere. Poppers Werk über ›Die offene Gesellschaft und ihre Feinde‹ wurde für mein Denken und Handeln maßgebend. Seine Empfehlung, in der gesellschaftspolitischen Praxis eher auf vorsichtige, im Notfall wieder korrigierbare Einzelschritte zu gehen und auf den ›piece-meal-approach‹ statt auf den ›großen Wurf‹ zu setzen, schien mir zumindest für unsere westlichen liberalen Demokratien der humanere Weg der Gesellschaftsgestaltung. Ich befasste mich mit dem Werturteilsstreit in der Sozialwissenschaft und wurde skeptisch gegenüber den Ismen. Max Weber stand später im Zentrum meiner Lehrtätigkeit. Ein Übriges bewirkten meine empirischen Forschungen, vor allem meine Untersuchungen der Entwicklungsgeschichte der CSU und Bayerns. Diese Wende in meiner politischen und wissenschaftlichen Biografie schlug sich 1966/67 in meinen zahlreichen Bücherkäufen nieder. Ich datierte meine Käufe, so dass ich den Zeitraum dieser Wende genau belegen kann. Es kam übrigens nicht ganz von ungefähr, dass ich just in dem Jahr, in dem ich mich vom SDS distanzierte, mit dem Rauchen aufhörte. Ich war seit Mitte der 1950er Jahren zu einem notorischen Vielraucher geworden, dem es nicht gelungen war, sich von dieser Sucht zu befreien. Mitte des Jahres 1966 hörte ich von einem Tag auf den anderen auf zu rauchen und rührte niemals mehr eine Zigarette an.

Freigeist und ›freischwebender Intellektueller‹

Meinem Rückzug aus dem studentischen Verbandsleben folgte im Jahre 1967 der Austritt aus der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der ich 1959 zu Beginn meines Studiums der Rechtswissenschaften in Hamburg beigetreten war. Ich war im Bezirk Berlin-Tempelhof im SPD-Kreisvorstand gewesen und hatte mich als Beisitzer eine Weile vor Ort engagiert. Parteiarbeit hatte mich aber nicht zufriedengestellt. Ich wollte mich von engeren politischen Organisationsbindungen lösen und von programmatischen Verbindlichkeiten und Festlegungen befreien. Mir schwebte im Grunde die Rolle eines ›freischwebenden‹ Intellektuellen und Wissenschaftlers vor, der sich in seinem normativen und analytischen Denken relativ unabhängig sieht und der sich einer festen gesellschaftlichen Zuordnung entzieht. Diese Selbstverortung entsprach in etwa dem Konzept der sozial freischwebenden Intelligenz Karl Mannheims, der ihr 1929 die Charakteristika ›ungebunden, kritisch und sensibel‹ zugeschrieben hatte. Es sollte sich allerdings erweisen, dass meine soziale Herkunft aus einer alten protestantischen Buchdrucker- und Verlegerfamilie und meine familiäre Sozialisation einen fränkischen ›Kulturprotestanten‹ hervorgebracht hatten. Meine ›basic personality‹ trug, wie es damals in APO-Kreisen beschimpft wurde, viel ›bürgerlichen Scheiß‹ mit sich herum. Der Bruch mit dem SDS, der Austritt aus der SPD und das Kappen von politischen Banden verschafften mir ein Stück weit neue innere Handlungsfreiheit in Bezug auf meine sozialwissenschaftlichen Forschungsinteressen. Ich musste keine Zugehörigkeit mehr verbergen oder gar lügen. Bei meiner Erforschung der CSU und ihrer Politik konnte ich ungeniert den gebürtigen Bayern aus Franken hervorkehren und auch zum Beispiel dialektal an Gegebenheiten anpassen, wenn es meiner Forschung förderlich war,. Mit der Zeit erwies sich aber meine Selbstbestimmung als Freidenker und ›freischwebender Intellektueller‹ als problematisch.

Kampfblatt der ›Roten Zellen‹, Westberlin, Dezember 1970; verso Aufruf zur Massendemonstration: »Amerika ist in die Fußstapfen von Nazi-Deutschland getreten. Amerika ist in Wirklichkeit heute in der Welt das Hindernis Nr. 1 für den Fortschritt der Menschheit.«, JK der Roten Zellen PL/PI

Persönlicher Kontakt zu Mitgliedern der RAF: Horst Mahler und Jan-Carl Raspe

Ich greife im Folgenden bis in die siebziger Jahre vor, weil zu der Zeit, als ich mich fast ausschließlich mit der Erforschung der CSU und der Nachkriegsgeschichte Bayerns befasste, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich und Italien von Gewalttaten terroristischer ›Stadtguerrillas‹ heimgesucht und erschüttert wurden. Die Jahre von 1972 bis 1977, von der sogenannten ›Mai-Offensive‹ der ›Baader-Meinhof-Bande‹ bis zum sogenannten ›Deutschen Herbst‹ des RAF-Terrors, erlebte ich in Westberlin zum Teil aus nächster Nähe. Ich kannte einige Mitglieder der späteren Roten Armee Fraktion nicht nur flüchtig, sondern aus persönlichen Begegnungen und aus Konfliktsituationen besonders heikler Art. Hier begnüge ich mich mit einem Stenogramm der Ereignisse und Vorgänge und konzentriere mich auf die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen. Weitere biografische Informationen über die genannten Personen finden sich reichlich anderswo.

Mit Horst Mahler (geboren 1936), dem späteren Mitbegründer der Roten Armee Fraktion, war ich von 1962 bis 1966 als Vorsitzender des SDS an der Freien Universität Berlin eng verbunden. Mahler war stets gut gekleidet. Er trat nur im gut gebügelten Anzug auf und trug dazu eine passende Krawatte. Er war ein Kontrasttypus zu den Kommunarden wie Fritz Teufel und Rainer Langhans. Bei deren öffentlichen Auftritten musste ich immer an Max und Moritz denken. »Dieses war der dritte Streich, und der nächste folgt sogleich«. Ich amüsierte mich über diese Bürgerschrecke. Sie sprachen meine unbotmäßige und provokative Lust an. Bei Mahler verhielt es sich anders. Niemand hätte ihn seiner äußeren Erscheinung nach für einen gehalten, der sich der Westberliner ›Stadtguerilla‹ anschließen würde. Er schien eine Figur des Establishments zu sein. Mahlers Eloquenz, politisch-ideologische Versiertheit und sein imponierendes Auftreten machten ihn im Berliner Landesverband zu einer Art ›grauen Eminenz‹, deren Wort galt. Er befürwortete, rechtfertigte und initiierte politische Aktionen. In meiner Zeit als Vorsitzender schaltete er sich wiederholt als ›Berater‹ und ›Agitator‹ in laufende Verbandsaktivitäten ein, beispielsweise in die inhaltliche Gestaltung der von mir an der Freien Universität organisierten und thematisch vorbereiteten Pressekonferenzen des SDS. Mahler war Befürworter und Hauptakteur in der Organisation einer Gegendemonstration zur antikommunistischen Massenveranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der SPD am 1. Mai, für die ich mit ihm Tage zuvor vor den Siemens-Werken Flugblätter verteilte. Die Arbeiter und Angestellten gaben uns, nebenbei bemerkt, mit ihren Beschimpfungen eine kräftige Lektion. Selbst ein politisch Blinder konnte sehen, dass die Arbeiterklasse aufgehört hatte, ein ›historisches Subjekt‹ zu sein. Aber Mahler beschwor beredt dieses ideologische Phantom. Am Himmel über Westberlin kreisten sowjetische MIG 15 und durchbrachen die Schallmauer. Die Fensterscheiben klirrten. Aber Mahler schien sich an den Drohgebärden der Sowjetmacht nicht zu stören. Gemessen an Mahlers rhetorischen und politisch-ideologischen Fähigkeiten hielt ich mich für ein politisches ›Leichtgewicht‹, um nicht zu sagen für ein ›Greenhorn‹, das aus idealistischen und politisch-generationsspezifischen Gründen zum SDS gestoßen war. Ich sah mich jedenfalls Mahler nicht gewachsen und von ihm wiederholt zu Dingen und Taten veranlasst, die ich eigentlich nicht mittragen wollte. Zwischen uns beiden gab es heftige theoretische und politisch-praktische Kontroversen. Mich beängstigte die zunehmende Radikalisierung seines Denkens und Handelns, insbesondere, dass er zusehends Positionen vertrat, die von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) eingenommen wurden. Mahler nahm an einer Veranstaltung der ›Völkerfreundschaft‹ in der DDR teil. Daraufhin beantragte ich Mahler wegen verbandsschädigenden Verhaltens auszuschließen, wurde aber energisch zurechtgewiesen und zurückgepfiffen. Ausschlussverfahren seien sozialdemokratische Praktiken, nicht Methode und Stil des SDS. Der SDS schließe niemanden aus, sondern diskutiere die Dinge so lange, bis die Ansichten geklärt seien. Man dürfe vor der Berichterstattung der bürgerlichen Presse nicht zurückweichen. Mahler setzte sich mit seinen radikalen Ansichten durch, ich nahm meinen Ausschlussantrag zurück. Mit meiner Abkehr vom SDS endete 1966 vorerst unser Kontakt.

Anfang Juni 1972 spürten die Fahnder die RAF-Mitglieder Andreas Baader, Holger Meins und Jan Raspe in Frankfurt/Main auf. Wenige Tage später wurde Gudrun Ensslin in Hamburg festgenommen. Horst Mahler wurde Baaders Strafverteidiger und begann selbst Militante um sich zu scharen, die das ›System‹ mit Waffengewalt bekämpfen wollten. Mahler wurde in Prozessen gegen prominente APO-Aktivisten wie Beate Klarsfeld, Rudi Dutschke, Peter Brand (den Sohn des damaligen Bundeskanzlers) und gegen Mitglieder der Berliner Kommune Fritz Teufel und Rainer Langhans ein Staranwalt der linksradikalen Szene. All diese Namen werden dem heutigen Leser wenig sagen, weil das Jahr 1968 und die Folgejahre zu einer Legende verblasst sind.

Ein letztes Mal trat ich mit Mahler 1975 in Kontakt, diesmal um seinen juristischen Rat einzuholen. Als ich kurz vor der Veröffentlichung meiner ersten großen Studie über ›Die CSU‹ 1975 in eine brenzlige Situation geraten war, weil CSU-Generalsekretär Gerold Tandler mit einer einstweiligen Verfügung das Erscheinen des Buches zu verhindern drohte, konsultierte ich Horst Mahler in seiner Anwaltspraxis. Ich wollte wissen, wie ich Tandlers Drohung erfolgreich abwehren könnte. Er beriet mich gut. Ich solle die Behauptung Tandlers zurückweisen, bestimmte von mir geschilderte Vorgänge und Schlussfolgerungen entsprächen nicht den Tatsachen oder seien zumindest fehlerhaft, und die Beweislast umkehren. Die Landesleitung der CSU müsse nachweisen, wo ich möglicherweise geirrt hätte und dies mit entsprechenden Dokumenten belegen. Das funktionierte. Danach brachen die Kontakte zu Mahler endgültig ab. Ich hatte damals nicht den Eindruck, als stünde er kurz davor, in den Untergrund abzutauchen, und war überrascht, als ich davon hörte. Er ließ sich, wie später bekannt wurde, einen zünftigen Rauschebart wachsen und beteiligte sich an Terroraktionen. Mahlers späterer Seitenwechsel ins rechtsradikale Fahrwasser war nach meiner Ansicht nicht vorauszusehen, hatte jedoch eine innere Logik. Er mauserte sich theoretisch von einem Linkshegelianer zu einem Rechtshegelianer. Heute sehe ich seine Persönlichkeit noch sehr viel schärfer. Mahler war eine autoritäre Persönlichkeit, und dies in so extrem ausgeprägter Weise, dass er immer zu wissen glaubte, welches historische Subjekt vom Weltgeist ausersehen war, den Gang der Geschichte zu bestimmen. Theodor W. Adorno hatte damals geglaubt, dass zwischen den autoritären Persönlichkeiten der Studentenbewegung und den autoritären gesellschaftlichen Strukturen, die von der Außerparlamentarischen Opposition bekämpft wurden, ein innerer Zusammenhang zu erkennen sei. Horts Mahlers autoritärer Charakter, an dem ich mich gerieben hatte, kippte gewissermaßen vom linksextremen Syndrom ins rechtsextreme. Er wandelte sich zu einem rechtsradikalen Kämpfer und Antisemiten.

Jan-Carl Raspe als regelmäßiger Student: Anwesenheitsliste 30. Nov. und 7. Dez. 1964; Namen der Kommilitonen sind aus Datenschutzgründen unkenntlich gemacht

Jan-Carl Raspe (1944–1977) gehörte an der Freien Universität Berlin zu meinen ersten Studenten. Er stammte aus einer Fabrikantenfamilie, wuchs in Ost-Berlin auf, wechselte Anfang der 1960er Jahre nach Westberlin und lebte dort bei Verwandten. Er studierte nach bestandenem Abitur (1963) an der Freien Universität Berlin zunächst Chemie und wechselte dann ins Fach Soziologie über. Als Student der Soziologie lernte ich ihn persönlich kennen. Er nahm an meiner Einführung in Methoden und Techniken des sozialwissenschaftlichen Arbeitens teil. Im Jahre 1967 trat er dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund bei. Später wurde er Mitglied der ›Kommune 2‹. Raspe radikalisierte sich, fand zu den Gesinnungsgenossen, die als ›Stadtguerilla‹ ihren Kampf gegen das kapitalistische System im Untergrund fortführen wollten, und wurde zu einem führenden Mitglied der ersten Generation der Roten Armee Fraktion. Seine technischen Fähigkeiten ermöglichten es ihm, Bomben herzustellen. Er war 1972 an fünf Bombenschlägen beteiligt, bei denen vier Menschen ums Leben kamen und über fünfzig verletzt wurden. Ihm wurde des Weiteren mindestens ein Banküberfall zur Last gelegt. 1972 wurde er zusammen mit Andreas Baader und Holger Meins in Frankfurt am Main verhaftet. Am 28. April 1977 wurde er in dem sogenannten Stammheim-Prozess nach fast zweijähriger Verhandlung zu lebenslanger Haft verurteilt.

Vom 5. September bis zum 19. Oktober 1977 ereigneten sich eine Reihe von dramatischen Terroraktionen: RAF-Terroristen des ›Kommandos Siegfried Hausner‹ überfielen am 5. September den Personenwagen von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, erschossen dessen Fahrer und drei Sicherheitsbeamte und verschleppten Schleyer. Am 6. September schickten die Entführer ein Foto Schleyers und stellten das Ultimatum, bis zum nächsten Tag unter anderem die RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe im Austausch gegen Schleyer freizulassen. Am 13. September wurde die Lufthansa-Maschine ›Landshut‹ mit 86 Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern von zwei Männern und zwei Frauen auf dem Flug von Mallorca nach Frankfurt am Main entführt. Auch hier verlangten die palästinensischen Entführer in einem Ultimatum die Freilassung der »Genossen der RAF aus westdeutschen Gefängnissen« und die »palästinensischer Genossen aus dem Gefängnis in Istanbul«. Die ›Landshut‹ flog währenddessen über Rom, Zypern, Bahrein, Dubai bis nach Aden im Süd Jemen, von dort aus am 16. September nach Mogadischu. Am 17. September landete nach Einbruch der Dunkelheit eine Sondermaschine der Lufthansa mit einem GSG-Kommando an Bord in Mogadischu und stürmte nach Mitternacht die ›Landshut‹. Drei der Entführer wurden getötet, Passagiere und Besatzung in Sicherheit gebracht. Nachdem die Austauschforderung der Terroristen erfolglos geblieben war, begingen am Morgen des 18. Oktober 1977 Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe mit einer ins Stammheimer Gefängnis eingeschleusten Pistole Suizid.

Ich hatte Raspe als einen schlanken, ja hageren, schmalgesichtigen Studenten wahrgenommen, der sich leicht nervös verhielt. Als ich die Studentengruppe zum Abschluss meiner Lehrveranstaltung einmal zu mir nach Hause eingeladen hatte, nahm er in unserem großen, alten Thonet-Schaukelstuhl Platz. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen, zerbröselte zwischen Daumen und Zeigefinger die Kippen und wippte unablässig mit den Kufen, die den Aschenbecher zu streifen und umzukippen drohten. Meine Frau beobachtete sein Verhalten mit Unbehagen. Er kam wohl aus einem gutbürgerlichen Milieu und wirkte eher schüchtern. Raspe war, so wie wir ihn erlebten, keiner, der aufmüpfige Reden hielt, geschweige denn ein auftrumpfender ›Revoluzzer-Typ‹. Wie es kam, dass er sich später radikalisierte, kann ich nicht sagen. Nach Abschluss seines Diplomexamens im Fach Soziologie zog Raspe mit seiner Freundin Marianne Herzog zusammen. Beide gehörten zur ersten RAF-Generation. Ihre Wohnung diente der Baader-Meinhof-Gruppe als konspirativer Treffpunkt und als Zufluchtsort. (Der Spiegel 31/1972; http://de.wikipedia.org/wiki/Jan-Carl_Raspe; http://de.wikipedia.org/wiki/Marianne Herzog)

Das geplatzte Seminar in Kiew über den ›Aufbau des Sozialismus‹

Einen anderen politisch äußerst heiklen Vorgang sollte ich ebenfalls nicht verschweigen. Von sowjetischer Seite erging 1964 oder 1965 an den (Bundes-)SDS eine Einladung zu einem Seminar in Kiew über den ›Aufbau des Sozialismus‹. (Zwar fehlen mir hierzu die einschlägigen dokumentarischen Materialien, die ich am 13. August 1966 verbrannte, auf meine Verhandlungen in der sowjetischen Botschaft und ihr Scheitern wies Kurt Leo Shell 1966 jedoch in seinem Buch ›Berlin. Bedrohung und Bewährung‹ in einer Fußnote hin.) Die SDS-Führung schlug für die Teilnahme daran auch Mitglieder des Westberliner SDS vor, was in den Verhandlungen wegen des Vier-Mächte-Status’ Berlins Komplikationen mit der sowjetischen Seite mit sich brachte. Mit aus heutiger Sicht entsetzlich blauäugiger Naivität glaubte ich tatsächlich, den sowjetischen Machthabern in Ostberlin eine Entscheidung in unserem Sinne abringen zu können. Was mich antrieb, waren natürlich Neugier und das große Interesse daran, einmal hinter den ›Eisernen Vorhang‹ schauen zu können. Als sei es eine Einladung zu einer bildungsbürgerlichen Informationsreise, führte ich in der Sache für den Westberliner SDS die Gespräche in der sowjetischen Botschaft in Ostberlin und bestand auf der gleichberechtigten Teilnahme der Westberliner Studenten. Natürlich scheiterte ich, da diese Entscheidung dem Vier-Mächte-Status Berlins entgegengestanden hätte.

Später war ich froh, dass die Verhandlungen über die Teilnahme Westberliner Studenten  geplatzt  waren, denn sicher führte die sowjetische Seite etwas im Schilde.  Wäre die Teilnahme an dem Seminar zum Aufbau des Sozialismus in Kiew zustande gekommen, hätte das auf eine geheimdienstartige Zusammenarbeit hinauslaufen sollen. In lebhafter Erinnerung blieb mir, wie ein KGB-Offizier mir am Beispiel einer kleinen Zündholzschachtel beizubringen versuchte, wie man in Kassibern Informationen verstecken konnte. Ich hatte dazu schon konkrete Erfahrungen in der Zeit der Nürnberger Kriegsprozesse gesammelt und war daher darüber eher amüsiert als erstaunt. Der sowjetische Geheimdienst hatte uns sicher für blauäugige Esel gehalten, die er im Kalten Krieg beliebig benutzen wollte.

Weder Sympathisanten noch Gegner rechneten damals damit, dass der Sowjetkommunismus 1989/90 untergehen würde. Die Koryphäen unter den Deutern weltgeschichtlicher Entwicklungen hatten kapitalistische Gesellschaften und sowjetkommunistische Geschäfte in einem evolutiven Wettbewerb gesehen, dessen Ausgang je nach Standort und ideologischer Sicht gegensätzlich vorhergesehen wurde. Ich hielt die Einladung für besonders interessant, versprach sie doch einen Blick hinter den Eisernen Vorhang. Es waren mehr Neugier und ein sensationelles Gefühl als sozialistische Überzeugung, die mich antrieben. Im Grunde fühlte ich mich entlastet und befreit, als Mitte der 1960er Jahre die geplante Exkursion nach Kiew am Vier-Mächte-Status der besonderen Einheit Berlin scheiterte. Manche meiner intellektuellen und tatsächlich durchgeführten Exkursionen glichen eher Blindflügen in eine unbekannte Wirklichkeit statt hellsichtigen Erkundungen.

Antiautoritäre Kinderladen-Bewegung, 1968–1975

In den 1960er Jahren nahm die Zahl von Studierenden zu, die schon vor dem Abschluss ihrer Examina und vor dem Einstieg in ein Berufsleben Ehen schlossen und Kinder bekamen. Auch wir hatten ja von 1964 bis 1967 eine Studentenehe geführt, unser Verantwortungsgefühl für die nächste Generation gebot es uns jedoch, erst dann Kinder in die Welt zu setzen, wenn die beruflichen und damit die finanziellen Voraussetzungen für eine Familiengründung gegeben waren. Dies war 1967 nach bestandenem Examen mit der Übernahme der Stelle eines wissenschaftlichen Assistenten am Institut für politische Wissenschaften gegeben.

Unsere drei Töchter kamen alle in Westberlin zur Welt: Anne Katharina am 13. April 1968, Theresa Florentine am 1. Oktober 1971 und Caroline Isabel am 6. September 1975. Erst in den siebziger Jahren wurde es üblich, dass die Väter der Geburt beiwohnten. So durfte ich nur Carolines Geburt als einen aufregenden, aber doch wunderbaren Vorgang erleben. Anne wurde einen Tag nach der großen Demonstration gegen den Anschlag auf Rudi Dutschke geboren. Rund 35.000 Studenten waren am 12. April 1968 durch die Innenstadt gezogen. Die politische Stimmung war hoch aufgeheizt, es herrschten Aufruhr und Gewalt. Anne wurde zu einem Kind der APO-Zeit, der antiautoritären Erziehung, der Kinderladen-Bewegung und der sogenannten sexuellen Revolution. Wir wurden Mitglied und Mitträger einer privaten Kinderladen-Initiative, die in der Darmstädter Straße in Berlin-Charlottenburg einen Krämerladen gemietet hatte, und beteiligten uns an den endlosen Diskussionen über die richtigen Erziehungsmaximen und ihre praktische Anwendung. Die Gruppe machte alle akademischen und theoretischen ›Kinderkrankheiten‹ dieser Zeit mit, Inge Lu und ich bezogen dabei allerdings keine Extrempositionen. Betreuung und Versorgungsdienste wurden unter den Eltern aufgeteilt. Auch ich wurde wöchentlich zum Kinderdienst verpflichtet. Theresa weigerte sich vehement einen Kinderladen zu besuchen, sie wollte zu Hause bleiben und nach eigenen Ideen spielen. Als Caroline ins Kindergartenalter kam, hatten sich in der antiautoritären Kinderladen-Bewegung die Verhältnisse beruhigt. Caroline besuchte von 1979 bis 1981, bis zu unserem Umzug nach Passau, einen Kinderladen in der Wexstraße, der von einer Eltern-Kind-Gruppe privat geleitet wurde. Dieser Kinderladen wurde von einer ausgebildeten Kindergärtnerin geführt, die von einer jungen Frau in Ausbildung und einer Mutter oder einem Vater in der Betreuung unterstützt wurde. Auch diese Kinderladen-Initiative verlangte selbstverständlich eine aktive Beteiligung aller Eltern, wir konnten die Kinder nicht einfach abgeben und allein der Kindergärtnerin überlassen. Meistens brachte ich Caroline dorthin, weil die Wexstraße auf dem Weg zu meiner Dienststelle gut zu erreichen war. Das Institut für politische Wissenschaft lag unweit vom Volkspark in der Babelsberger Straße. Ich stieß nachmittags, wenn es meine Arbeit erlaubte, dazu und machte beim Spiel mit den Kindern mit. Einmal in der Woche trafen sich die Eltern abends im Kinderladen, um über die aktuellen Fragen der Führung und Betreuung zu sprechen und Beschlüsse zu fassen. Die finanzielle Unterhaltung der Läden und die Bezahlung der Betreuer kostete uns eine beträchtliche Summe Geld.

Die ›Berliner Freiheiten‹ der antiautoritären Erziehung waren heiß umstritten und in konservativen Kreisen verpönt, insbesondere in Bayern. Berliner Kinder erlaubten sich Frechheiten, die dort als Ausdruck einer fehlgeleiteten Erziehung angeprangert wurden. Unsere drei Töchter hatten bei unseren Besuchen in Bayern rasch herausgefunden, mit was und wie sie dort Erwachsene schockieren konnten und machten sich einen Spaß daraus, mit ›Berliner Freiheiten‹ ihre Großeltern und andere Verwandte zu ärgern. Wenn wir auf Autoreisen von Berlin zu den Großeltern nach Würzburg fuhren, trichterten wir unseren Kindern am Grenzdurchgang von der DDR nach Bayern jedes Mal ein, dass wir in ein anderes Land kommen, in dem andere Sitten herrschen. Sie dürften sich nicht nackt ausziehen, keine ›zotigen Knaller‹ loslassen, nicht vorlaut Gespräche stören, sie müssten zum Gruße die rechte Hand reichen, die Großeltern artig begrüßen, zu Fremden höflich sein, ihre Kleidchen sauber halten, in der Mittagsruhe nicht stören und was sonst noch Kinder in Bayern zu beachten hätten. Meine Mutter und mein Vater störten sich an Berliner ›Unsitten‹. Inge Lus Eltern waren hingegen toleranter. Heute beobachte ich amüsiert, wie meine Töchter ihren Kindern ähnliche Verhaltensregeln mit auf den Weg geben, wenn sie die Großeltern in Bayern besuchen.

14. Leben und Studieren im Kalten Krieg

Wechsel nach Westberlin, Herbst 1961

Das Jahr 1961 wurde für Inge Lu und mich zu einem lebensgeschichtlichen Wendejahr. Prof. Dr. Alfred Hoffmann, der Doktorvater meiner Verlobten, war in diesem Jahr auf einen Lehrstuhl für Sinologie an die Freie Universität Berlin berufen worden. Für Inge Lu bedeutete der Weggang ihres Lehrers, dass auch sie zum wiederholten Male Universität und Wohnort wechseln musste. Damals war das Studium der Sinologie an deutschen Universitäten noch sehr unterschiedlich und wenig kompatibel gestaltet. Studierende mussten sich auf einen Schwerpunkt festlegen. Inge Lu hatte einen sprach- und kulturwissenschaftlichen Zugang gewählt, der jedoch wenige Berührungspunkte mit den gesellschaftlichen und politischen Vorgängen im China Maos hatte. Inge Lus Vater hatte von 1928 bis 1930, von der Rockefeller-Stiftung unterstützt und finanziert, als Neurologe in Peking und danach kurze Zeit in Japan gearbeitet und geforscht. Er war in den 1950er Jahren davon überzeugt, China werde sich bald öffnen und in den Rang einer Weltmacht aufsteigen. Wer die chinesische Sprache und Schrift lerne, werde in absehbarer Zeit zu einer gefragten Fachkraft werden, der sich eine großartige Welt eröffne. Er griff in den 1950er Jahren mit seiner Sicht der Entwicklung Chinas weit voraus und übertrug Eindrücke seiner ostasiatischen Berufsjahre und seine geopolitischen Zukunftserwartungen als berufliches Wunschprojekt auf seine Tochter. Inge Lu war mehr den Wunschvorstellungen ihrer Eltern gefolgt als eigenen Neigungen. Sie wäre lieber Dolmetscherin für Englisch und Französisch geworden oder Psychologin. Solche Berufswünsche hatten ihre Eltern aber für zu bieder und anspruchslos gehalten. So lernte Inge Lu wunschgemäß altchinesische Sprache, Schrift und Literatur, konnte aber nach mehreren Semestern nicht einmal das moderne Zeitungschinesisch lesen, das mit ein paar Tausend Schriftzeichen auskommt. Trotz hoher Arbeitsdisziplin und großer Ausdauer sollte Inge Lu später an den akademischen Realitäten dieses Faches scheitern.

Der Umzug nach Westberlin war folglich kein freiwilliger, sondern ein von den Verhältnissen an deutschen Universitäten fremdbestimmter Vorgang. Ich zog mit nach Berlin, weil ich nach den vielen Jahren getrennter Ausbildungswege nicht schon wieder ›Strohwitwer‹ werden wollte. Außerdem gehörte ich den sogenannten ›Weißen Jahrgängen‹ der Kriegskinder an, die vom Dienst in der Bundeswehr befreit waren. Viele junge Männer zogen nach Westberlin, um ihrer Wehrdienstpflicht zu entgehen. Uns hatten also keine politischen Motive geleitet, in die Vier-Mächte-Stadt zu ziehen und am Berliner Brennpunkt des Kalten Krieges die besonderen weltpolitischen Verhältnisse kennen zu lernen. Im Gegenteil, wir erschraken, als am 13. August 1961 die Medien meldeten, Ostberlin werde durch eine Mauer vom Westen der Stadt abgeriegelt. Wir fragten uns, ob es bei so viel politischer Verunsicherung und zunehmender Schärfe des Ost-West-Konfliktes noch ratsam sei, dorthin zu ziehen. Doch während Inge Lus Vater wegen der Zuspitzung der Weltlage in der Südschweiz einen Atomschutzbunker in sein Ferienhaus einbauen ließ, begaben wir uns in die Gefahrenzone Westberlin.

»Der Westen behält die Oberhand. An der deutsch-deutschen Grenze lässt der britische General John Hackett im August 1985 den dritten Weltkrieg beginnen und mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion enden.« Thilo Bode: Der Westen behält die Oberhand, in SZ Nr. 165 , 21. 07. 1976, S. 7; Copyright Süddeutsche Zeitung GmbH, München; mit freundlicher Genehmigung von Süddeutscher Zeitung Content.

Dort standen uns von 1961 bis 1981  extrem turbulente Jahre bevor: Die tagtäglichen Folgen des Mauerbaus, der Schießbefehl und seine Opfer, die Kuba-Krise von 1962 und die unmittelbare Gefahr eines Atomkrieges auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre die ›Außerparlamentarische Opposition‹ (APO) und die Unruhen an der Freien Universität, in den 1970er Jahren die Terroraktionen der ›Roten Armee Fraktion‹ (RAF) und nicht zuletzt private Ereignisse, unsere Eheschließung 1964 und unsere Familiengründung mit den Geburten unserer drei Töchter. Außerdem wechselte ich kurz nach Beginn meines Studiums unter dem Eindruck des Berliner Studienangebotes meine Studienfächer. Ich schrieb mich im Hauptfach Soziologie ein und belegte Politische Wissenschaft und Psychologie als Nebenfächer. Von meinen fünf absolvierten juristischen Semestern wurden mir drei anerkannt.

Mit Fleiß und Glück in die Wissenschaft

Mein wissenschaftlicher Werdegang, der seit 1962 fast bruchlos von Examen zu Examen und von Position zu Position stetig aufwärts ging, war nicht allein ein Ergebnis von Intelligenz, Fleiß, Risikobereitschaft, Zielorientierung und Durchhaltekraft. Eine Reihe von glücklichen Zufällen und richtigen Entscheidungen half mit, angestrebte Ziele zu erreichen. Eben in Westberlin angekommen schlenderte ich vor Beginn des Wintersemesters 1961/62 in der Garystraße durch die Räume der Freien Universität und nahm die Informationstafeln in Augenschein. Dabei entdeckte ich die Ausschreibung eines Förderungsprogrammes für wissenschaftlichen Nachwuchs, das von der US-amerikanischen Ford Foundation finanziert wurde. Kurz entschlossen bewarb ich mich. Dreißig Mitbewerber mussten sich in zwei Gesprächsrunden einem Auswahlverfahren stellen. Ich gehörte zu den vier Glücklichen, die im Januar 1962 aufgenommen wurden. Neben meinem Studium arbeitete ich im Rahmen dieses Förderungsprogramms von 1962 bis 1966 an dem Forschungsprojekt ›Berlin – Hauptstadtanspruch und Westintegration‹ mit. Die große Studie, in der ich das Kapitel über die Berliner Parteien und Gewerkschaften übernommen hatte, erschien 1966 im Westdeutschen Verlag. Dieser Beitrag war meine erste wissenschaftliche Publikation und mein Einstieg in die politikwissenschaftliche Parteienforschung. Allerdings verzögerte sich hierdurch der Abschluss meines Diplomexamens bis zum Ende des Wintersemesters 1966/67. Ich bestand im Fach Soziologie mit dem Prädikat ›gut‹. Als die prominente Soziologin Prof. Dr. Renate Mayntz-Trier die Absolventen bei der Aushändigung der Urkunden danach fragte, was sie nun beruflich vorhätten, brauchte ich nicht selbst zu antworten. Ehe ich mich dazu äußern konnte, sagte mein Professor Otto Stammer (1900–1978) zu meinem Erstaunen: »Herr Mintzel wird bei mir wissenschaftlicher Assistent«. Etwas Besseres hätte ich mir nicht wünschen können. So kehrte ich am 1. April 1967 in das Institut für politische Wissenschaft zurück und setzte in der Abteilung Parteien- und Verbändeforschung meine Arbeit fort. Ich nahm mein Dissertationsprojekt zur Geschichte der CSU in Angriff und konnte es unter exquisiten institutsinternen Arbeitsbedingungen abschließen. Im Jahre 1974 wurde ich am Otto-Suhr-Institut bei Otto Stammer mit ›summa cum laude‹ promoviert. Mein erstes Mammutwerk über die CSU wurde 1975 mit Mitteln des Instituts für politische Wissenschaft in dessen Publikationsreihe publiziert. Auch das hatte ich nicht voraussehen können.  In den Jahren von 1962 bis 1978 war ich von der Position einer wissenschaftlichen Hilfskraft bis zum Assistenzprofessor aufgestiegen und wurde 1978 am Otto-Suhr-Institut im Fach Politische Wissenschaft habilitiert. Von 1962 an finanzierte ich mein Studium selbst, so dass ich von meinen Eltern unabhängig war, die mir das Studium nur unter der Bedingung  finanzieren wollten, dass ich einer Burschenschaft beiträte.

Extremer Politisierungsschub

Unser Studium an der Freien Universität Berlin hatte in meinem Denken und Handeln einen extremen Politisierungsschub mit sich gebracht. Nach dem Wechsel zu den Fächern Soziologie und Politikwissenschaft besuchte ich bei den Professoren Otto Stammer, Hans-Joachim Lieber und Peter Furth, die Politische Soziologie lehrten, Seminare über gesellschaftliche und politische Eliten, über die Gesellschaftslehren und Revolutionstheorien von Auguste Comte, Michail Alexandrowitsch Bakunin, George Sorel, Pierre-Joseph Proudhon, Karl Marx, Wladimir Jljitsch Lenin, Rosa Luxemburg und anderen und übernahm Referate zu den anarchistischen Gesellschaftslehren und zur Klassentheorie von Karl Marx. Ich arbeitete mich tief in diese für mich bis dahin unbekannten Schriften und theoretischen Fragestellungen ein. Sie gehörten zum Kanon der Gesellschaftslehren des 19. und 20. Jahrhunderts. Ich wurde nach monatelanger intensiver Lektüre der Schriften von Karl Marx zu einem ›marxistischen Klassentheoretiker‹, dessen Ausarbeitungen als Hilfsmittel für Prüfungen die Runde machten.

Des Weiteren lernte ich Kommilitonen kennen, die in politisch-soziologischen Seminaren mit viel Wissen und auf hohem theoretischen Niveau an den Diskussionen teilnahmen. Etliche gehörten dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund an. Im Laufe des Jahres 1962 wurde ich zu Veranstaltungen des SDS eingeladen. Ein wichtiges Motiv für meinen Beitritt war der Unvereinbarkeitsbeschluss der SPD-Führung, die sich nach der Bad Godesberger programmatischen Wende vom SDS getrennt hatte. In der ersten Hälfte der 1960er Jahre glich der SDS an der Freien Universität Berlin nach meinen Erfahrungen einem linken Intellektuellen-Club. Dieser war mitnichten eine linksradikale Kaderschmiede von und für Jungrevolutionäre und schon gar nicht Zelle einer Stadtguerilla. Sein Charakter als Intellektuellen–Club zeigte sich auch darin, dass von den damaligen akademischen Wortführern später eine auffallend große Anzahl auf Professuren an deutschen Universitäten und Hochschulen berufen wurden. Aus dem Berliner Kreis, dem ich angehörte, kann ich auf einen Schlag neun mir aus persönlichen Diskussionen bekannte Namen nennen (Bernhard Blanke, Klaus Dörner, Wilfried Gottschalch, Harald Kerber, Klaus Meschkat, Urs Müller-Plantenberg, Wolfgang Nitsch, Claus Offe und Ulrich K. Preuß). Die Liste ließe sich fortsetzen. Sie alle zählten sich selbst zum sogenannten undogmatischen Flügel der Studentenbewegung und grenzten sich von den radikalen Aktivisten der zweiten Hälfte der 1960er Jahre ab. Einige von ihnen waren bezeichnenderweise 1967 Mitbegründer des Berliner ›Republikanischen Clubs‹, der ein linksintellektueller Debattierklub war. Ulrich K. Preuß, später Professor für Staats- und Verfassungsrecht, löste ich 1963/64 im Vorsitz an der Freien Universität Berlin ab. Doch schon am 13. August 1966, am 5. Jahrestag des Berliner Mauerbaus, beendete ich meine Mitgliedschaft abrupt. Das hatte zur Folge, dass ich späterhin aus sämtlichen Mitgliederlisten des SDS verschwand. Ich hätte meine SDS-Vergangenheit verschweigen können. Niemand hätte es gemerkt. Mir ist durchaus bewusst, dass ich mir mit diesem Blogeintrag eine öffentliche Blöße gebe.

Der Schrecken einer atomaren Apokalypse, 1962

Die wichtigsten politischen Vorgänge in Form von chronologischen Stichworten aufzuzählen, um anzudeuten, was wir erlebten, bringt Gewicht und Drama weltpolitischer Ereignisse nicht angemessen zum Ausdruck. Wir waren gerade ein knappes Jahr in Westberlin, als im Oktober 1962 der Kalte Krieg zwischen der Sowjetunion und den USA und ihren militärischen Machtblöcken einen höchst gefährlichen Höhepunkt erreichte. In der so genannten Kuba-Krise, die zugleich den Viermächte-Status Berlins bedrohte, standen sich die Supermächte in der Karibik und in Berlin militärisch direkt gegenüber. Sie waren zum atomaren Schlag und Gegenschlag bereit. In Berlin-Mitte gingen an beiden Seiten der Demarkationslinie Panzer in Stellung. Nur Zufälle waren es, die eine atomare Apokalypse verhinderten. Wir waren in den Tagen vom 22. bis zum 28. Oktober 1962 in höchster Gefahr. Ein menschlicher Fehler, ein Irrtum, ein zufälliger Knopfdruck hätten ein globales Inferno auslösen können. Wir konnten nur ahnen, welcher Bedrohung wir tatsächlich ausgesetzt waren, weil die Nachrichten über die militärischen Vorgänge nur bruchstückhaft und generalisierend an die Öffentlichkeit gelangten. Wir verfolgten am Radio tagelang und fast im Stundentakt höchst gespannt die Meldungen. Alle Diskussionen drehten sich um die Frage, was geschehen würde.

Am 14. Oktober hatte die US-amerikanische Luftaufklärung entdeckt, dass die Sowjetunion auf Kuba atomare Basen errichtet hatte und weitere sowjetische Schiffe nach Kuba unterwegs waren, um diese Basen mit atomar bestückten Raketen auszubauen. Die US-Militärmaschinerie wurde in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Am 22. Oktober informierte John F. Kennedy in einer Rede die amerikanische und globale Öffentlichkeit über die Konfrontation. Er forderte darin zugleich Nikita Chrustschow auf, den Aufbau von Raketen zu stoppen. Am 24. Oktober wurden die Verbündeten der NATO alarmiert. Fraglich war, inwieweit die sowjetische Seite für ihren Abzug zur Bedingung machen würde, den Vier-Mächte-Status Berlins zu beenden. Die USA befürchteten, dass die sowjetische Regierung den Abzug der ehemaligen Alliierten aus Westberlin fordern würde. Diese Koppelung machte die Kuba-Krise zugleich zu einer neuerlichen Berlin-Krise. Die höchst explosive Situation war tagelang nicht im Griff. Die USA schickten eine Armada von Kriegsschiffen in die Karibik, wo auch sowjetische U-Boote kreuzten. Letztere hatten atomare Sprengköpfe an Bord, was den US-Militärs nicht bekannt war. Erst am 28. Oktober 1962 bahnte sich eine Wende an. Chrustschow befahl den sowjetischen Transportschiffen abzudrehen und leitete den Abzug aus Kuba ein. Doch hielten westliche Strategen den Vier-Mächte-Status Berlins weiterhin für gefährdet. Sie beharrten auf drei Grundsätzen: Der Vier-Mächte-Status müsse unangetastet, die Zufahrtswege nach Westberlin für den Verkehr von und nach Westberlin offen und die politische Einheit Westberlin erhalten bleiben. Von der Durchsetzung dieser Grundsätze hing unser Leben in Westberlin fundamental ab. Im Jahre 1963 besuchte der amerikanische Präsident John F. Kennedy Westberlin und bekräftigte, von Hunderttausenden bejubelt, in seiner berühmten Rede den Selbstbehauptungswillen der Berliner. Wir erlebten den Besuch Kennedys in Dahlem, wo er in der Garystraße am Gebäude des Instituts für politische Wissenschaft vorbeifuhr.

Inge Lu und ich waren folglich gerade zu dem Zeitpunkt nach Berlin umgezogen, in dem der Kalte Krieg in seine gefährlichste Phase getreten war und eine Weltkatastrophe herbeizuführen drohte. Die Bevölkerung der ›Insel‹ Westberlin befürchtete, vom Westen abgeschnitten und vom Osten geschluckt zu werden. In der Stadt vibrierten höchste Anspannung und Nervosität. Unwillkürlich erinnerten uns die Vorgänge an die Ängste der letzten Kriegsmonate 1945. Wir fragten uns natürlich immer wieder, ob es klug gewesen war, nach Westberlin gegangen zu sein. Inge Lu erlitt nach den Aufregungen einen sogenannten ›Berlin-Koller‹. Sie fühlte sich am falschen Ort, in einem ummauerten Steinmeer, einem politischen Gefängnis, aus dem man nur auf wenigen Fluchtwegen entrinnen konnte. Ringsum Mauern und Stacheldraht, nur wenige garantierte Durchgangswege, schikanöse Grenzkontrollen der DDR-Volkspolizei, Willkür und Angst. Bei mir hingegen begann mit dem Wechsel zur Soziologie und mit der Aufnahme in das Förderungsprogramm der Ford Foundation mein Lebensweg in die Sozialwissenschaft.

Auschwitz-Prozess und Vietnamkrieg

Nachdem die Kuba-Krise entschärft worden war, wirkten sich zwei weitere Großereignisse ganz verschiedener Art auf unser politisches Leben aus: außenpolitisch 1963 der Eintritt der USA in den seit 1955 tobenden Vietnamkrieg, innenpolitisch der 1. Frankfurter Auschwitz Prozess (1963–1965). Der Auschwitz-Prozess der auf Betreiben des hessischen Generalstaatsanwaltes Fritz Bauer 1963 zustandegekommen war, konfrontierte das geteilte Deutschland erstmals massiv und bis in den politischen Alltag hinein mit den im kollektiven Gedächtnis weitgehend verdrängten Verbrechen der Nazi-Diktatur. Der Prozess wurde zu einem Wendepunkt bei der Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Es standen zweiundzwanzig Angeklagte vor Gericht, darunter SS-Offiziere und Wachleute der Konzentrationslager. Mehr als 300 Zeugen sagten in dem zwanzig Monate dauernden Prozess aus, darunter 181 Auschwitz-Überlebende. Die Berichte der KZ-Opfer ließ den Zuhörern das Blut in den Adern gerinnen.

Mich betraf der Prozess als Sohn eines ehemaligen Nationalsozialisten, der von 1947 bis 1949 am Nürnberger Militärtribunal als Verteidiger von NS-Verbrechern gewirkt hatte, ganz direkt. Ich hatte damals als Jugendlicher, als son of the attorney, Hitlers Geheimdienstchef Walter Schellenberg persönlich kennengelernt und von meinem Vater einiges über die Gräueltaten gehört, ohne hierdurch in einer konkreten Weise politisiert worden zu sein. Jetzt erlebte ich als Student der Soziologie und Politikwissenschaft in doppelter Weise die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und die Widerstände gegen eine Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Das Lügen und Leugnen und das sich gegenseitig deckende Vernebeln auf der Anklagebank, die Widerstände in der deutschen Justiz gegen eine rasche und gründliche Aufklärung der Verbrechen und die weit verbreitete Forderung, unter die NS-Vergangenheit einen Schlussstrich zu setzen und Täter nicht mehr zur Rechenschaft zu ziehen, weckten meinen Gerechtigkeitssinn, der eine harte Bestrafung der Schuldigen forderte. Er riss mich hinein in die Auseinandersetzungen in und außerhalb der Freien Universität Berlin. Ich ärgerte mich über Konrad Adenauers leichtfertige und beschönigende Worte, wonach es in der Bundesrepublik Deutschland keinen nennenswerten Antisemitismus und Rechtsradikalismus mehr gebe. Ich hatte in den 1960er Jahren im protestantischen Franken mit eigenen Augen gesehen, dass in Wohnungen noch NS-Flaggen, NS-Wimpel, Nazi-Orden und andere Devotionalien an den Wänden hingen und eine stramme NS-Ideologie die politischen Gespräche bestimmte. Es gab in fränkischen Mittelstädten, beispielsweise in Neustadt an der Aisch oder in Bad Windsheim rechtsradikale und neonazistische ›Nester‹. In diesen Bereichen gewann die 1964 neugegründete Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) in erschreckendem Maße an Boden. In Bayern zog sie in der Landtagswahl 1966 mit 7,4 Prozent der Stimmen in den Bayerischen Landtag ein. Mein Vater hatte zwar inzwischen seine persönliche NS-Vergangenheit ad acta gelegt und als Wähler seinen Frieden mit der Zweiten Demokratie Deutschlands geschlossen, meinte jedoch wie viele andere der nationalsozialistischen Väter-Generation, es müsse endlich ein Schlussstrich gezogen werden, um eine gesellschaftlich-politische Befriedung zu gewährleisten und die Demokratie der Bundesrepublik Deutschland dauerhaft zu stabilisieren. Dies war auch Tenor und Absicht der Adenauer-Regierung. Adenauer hielt im Bundeskanzleramt an seinem schwer belasteten Staatssekretär Hans Globke (1898–1973) fest, der Mitverfasser und Kommentarautor der Nürnberger Rassengesetze (1935) gewesen war. Der Auschwitz-Prozess stellte die Schlussstrich-Politik grundsätzlich infrage, bewirkte ein Umdenken und stärkte institutionelle Vorkehrungen gegen eine Politik des Verdrängens und Vergessens. Die Zwanzig-Jahre-Frist für NS-Verbrechen wäre noch während des Prozesses abgelaufen, wäre sie nicht auf öffentlichen Druck hin bis 1969 verlängert worden.

Die Hochzeit, 19.03.1964

Anfang des Jahres 1964 waren wir fest entschlossen, unsere „wilde Ehe“ endlich nach dem Muster bürgerlicher Ordnung in eine legale übergehen zu lassen. Seit unserer ersten Begegnung im Jahre 1953 waren elf turbulente Jahre ins Land gegangen. Wir hatten Schillers berühmter Ermahnung aus dem Lied von der Glocke ›Drum prüfe, wer sich ewig bindet‹ alle Ehre gemacht. Es war genug der Prüfung! Die freizügige Berliner Atmosphäre entsprach ohnehin nicht unserer gutbürgerlich-romantischen Vorstellung von Liebe und Ehe. Ende 1963, Anfang 1964 suchten wir in Zeitungsinseraten nach einer Wohnung, fanden in Berlin-Zehlendorf ein kleines Haus mit 1000 Quadratmetern Garten und erledigten die Formalien. Der 20. März war im Standesamt schon längst ausgebucht, viele hatten den Tag des Frühlingsbeginns gewählt. So schlossen wir am 19. März um zehn Uhr vormittags im Standesamt Berlin-Zehlendorf die Ehe.

Häuschen in Berlin-Zehlendorf, Hammerstraße 34, gemietet für 250 DM monatlich, Frühjahr 1964; Wohndauer Februar 1964 bis August 1966. Die Kontraste konnten kaum krasser sein zwischen fast ländlicher Wohnidylle im Süden Westberlins und ›Frontstadt-Leben‹ in der Viermächte-Stadt.

Es wäre ja verwunderlich gewesen, wenn unser Hochzeitstag nicht mit kuriosen Ereignissen begonnen hätte. Als wir gerade das Häuschen verließen, um zum Standesamt zu hetzen – wir waren spät dran –, lieferte die Berliner Müllabfuhr gerade unsere erste Tonne. Wir rannten aus dem Garten und bedeuteten den Müllmännern, die Tonne vorn in den Garten zu stellen, wir müssten eilig zum Standesamt. Nachdem wir mit dem Bus am Rathaus Zehlendorf angekommen waren, stürmten wir in einen Blumenladen, um den Brautstrauß zu kaufen. Die Floristin fragte, zu welchem Termin sie den Strauß binden solle. »Sofort!« Die völlig verdutzte Blumenfrau stellte in Windeseile einen Strauß zusammen. Und schon eilten wir weiter. Unsere Trauzeugen, beide befreundete Studierende, standen schon vor der Tür. Die Beamtin des Standesamtes vollzog das skurrile Zeremoniell. Auf dem Weg zum Ausgang gab ich Inge Lu einen leichten Klaps auf den Po. Das war mein persönlicher ›höchstamtlicher‹ Vollzug. Meine Tochter klärte mich vor dem Hochladen dieses Blogeintrags darüber auf, dass ein solches Verhalten heute als machohaft empfunden werde.

Hochzeit am 19. März 1964: Inge Lu und Alf Mintzel vor dem Standesamt Berlin-Zehlendorf

Danach luden wir unsere Trauzeugen zu einem gemeinsamen Mittagessen im Europa-Center ein. Prosaischer konnte es nicht ablaufen. So viel Nüchternheit bildete nach elf Jahren ›Liebesleid‹ und ›Liebesfreud‹ den legalen Höhepunkt eines sogenannten unvergesslichen Tages im bürgerlichen Leben. Eine kirchliche Trauung kam für uns kirchenferne Geschöpfe nicht in Frage, ebenso wenig ein anachronistisches weißes Brautkleid. Inge Lu trug ein schickes Kostüm.

Die große Familienfeier fand drei Tage später, am 22. März 1964, in Würzburg im neu erbauten Hause Schaltenbrand statt. Die Dynamik der familienpolitischen Konstellation wollte es, dass sich in den großen Räumen die Verwandten in zwei Gruppen aufteilten, in die der Schaltenbrands und in die der Mintzels. Die Eltern Schaltenbrand schenkten uns eine Hochzeitsreise in den Tessin und einen kostenfreien Aufenthalt in der ›Casa Lu‹, dem neu erbauten Estate der Schaltenbrands am Lago Maggiore. Als wir dort unsere Flitterwochen verlebten, drohten Wassermassen sintflutartiger Regengüsse ins Haus einzudringen.

Inge Lu beendete um 1966/67 ihr Sinologie-Studium, nachdem sie erfahren hatte, dass das Thema ihrer Doktorarbeit in Australien bereits behandelt worden war. Es gab damals in diesen Fächern noch keine systematische internationale Kommunikation, geschweige denn eine digitale, die ein solches Desaster hätte abwenden lassen. Inge Lu resignierte und gab nach einem fast zehnjährigen, höchst anstrengenden Studium auf. Sie hatte somit nicht einmal ein kleines Diplom, das man hätte vorzeigen können und entschied sich in dieser beruflich aussichtslosen Situation dafür, mit mir eine Familie zu gründen und sich in die traditionelle Rolle der Hausfrau, Ehefrau und Mutter zu fügen. Ihre Entscheidung hatte für unser weiteres gemeinsames Leben insofern einen Vorteil, als hierdurch die Rollenverteilung in vorgegebenen Rahmenbedingungen geklärt war. Außerdem – und das will ich nicht als konventionelle Dankesfloskel verstanden wissen –, wusste meine Frau aus ihrem Elternhaus, welche Strapazen und Risiken Wissenschaftler in der Regel ertragen und durchstehen mussten, bis sie, wenn überhaupt, auf eine ordentliche Professur berufen wurden. Ihre Bereitschaft, mir den Rücken freizuhalten und ihre Rolle anzunehmen, stabilisierte unsere Beziehung, während um uns herum in den 1960er und 1970er Jahren die Ehen vieler junger Nachwuchswissenschaftler gefährdet waren, weil die Durststrecken zu lang und die beruflichen Chancen unberechenbar waren und zudem die Emanzipationsbestrebungen der Frauen stärker wurden.

13. Vom politikfernen Kunststudenten zum politisch interessierten Staatsbürger

Die Würfel waren gefallen, die Entscheidung für ein Studium an der Universität getroffen. Von 1960 bis 1975 zeichnete und malte ich nicht einmal mehr im Sinne eines Hobbys. Im Sommer 1960 saß ich zum letzen Mal an Monotypien und schuf eine Serie von Illustrationen zu Gedichten von Thomas Stearns Eliot (1888–1965). Überwältigt von der suggestiv polyfonen Sprachmelodie seiner Gedichte las ich Eliots Langgedichte ›The Waste Land‹ (1922), ›The Hollow Men‹ (1925) und ›Ash-Wednesday‹ (1930) viele Male in der englischen Originalsprache, übersetzte sie und verlor mich in ihren Sprachbildern. Wie die Gedichtzyklen von Eliot, Pound, Benn und anderen, die ich so sehr schätzte, herrscht in ihnen eine düstere Stimmung vor.

Mit dem Studium der Rechtswissenschaften, das ich im Sommersemester 1959 an der Universität Hamburg aufnahm, begann eine Zeit des Hineintastens in eine akademische Welt mit vielfältigen wissenschaftlichen Angeboten. Meine Neugier beschränkte sich nicht auf die kanonisierten Lehrangebote des klassischen Jurastudiums. Von Anfang an lockten mich Vorlesungen in anderen Fächern, so die des prominenten Soziologen Ralf Dahrendorf über seinen Entwurf einer soziologischen Revolutionstheorie, des Weiteren Vorlesungen über Tiefenpsychologie und zeitgeschichtliche Themen. Das richtige Fachgebiet zu finden, sollte für mich eine der schwierigsten Fragen der Berufs- und Selbstfindung werden. Mir schwebte in hochgestimmten Momenten vor, in den diplomatischen Dienst zu gehen. Ich bewarb ich mich gleich zu Beginn des Jurastudiums bei der Fulbright-Stiftung um einen Studienplatz in den USA. Im Sommer 1960 absolvierte ich einen Kurs des US-amerikanischen Salzburg Seminars auf Schloss Leopoldscron. Für den diplomatischen Dienst wäre ich allerdings nicht geeignet gewesen, denn ich verhielt mich als einer, der die Welt in ihrem Getriebe ergründen wollte, selten diplomatisch. In den Jahren 1959 bis 1962 durchlief ich noch einmal eine Phase des Suchens und Findens. Mir stand noch ein weiterer Wechsel des Studienfaches bevor. Die heutigen Studienbedingungen an Hochschulen ließen einen solchen Luxus des Fächerwechsels nicht mehr zu.

›Säkulare Fußwaschung‹, Johann Albrecht (Alf) Mintzel, Lüneburger Heide, Wilsede, Sommer 1961; Photographie Inge Lu Schaltenbrand

Der Universitäts- und Wissenschaftsbetrieb vollzog sich bis Anfang der 1960er Jahre noch in den Formen überkommener Bildungstradition. Noch wurden Seminare nicht gestört, noch hielten sich kritische Initiativen studentischer Gruppen an die Regeln eines geordneten Studienablaufes. Die Entwicklung zur Massenuniversität hatte zwar schon eingesetzt, aber sich füllende Hörsäle und begrenzte Personalressourcen hatten noch keine Reformrufe ausgelöst. Ich sah mich in dieser Zeit als Student von den Verhältnissen (noch) nicht hochschulpolitisch herausgefordert. Dagegen begannen mich die aktuellen politischen Vorgänge in der Bundesrepublik, in Europa und in anderen Teilen der Welt zu beschäftigen. Aus dem bis 1959 politikfernen Kunststudenten wurde mit Beginn des Universitätsstudiums ein politisch interessierter Staatsbürger, der insbesondere den parteipolitischen Verhältnissen und Entwicklungen sowie den deutschlandpolitischen Vorgängen wachsende Aufmerksamkeit schenkte. Mein Augenmerk richtete sich auf die neuen Gefahren des Ost-West-Konfliktes und des Kalten Krieges im geteilten Deutschland. Ich verfolgte in Printmedien die Diskussionen über das Godesberger Programm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, machte mich mit diesem Programm vertraut und trat Ende 1959, allerdings ohne mich parteipolitisch zu engagieren, aus politischer Überzeugung in Hamburg in die SPD ein. Die programmatische Öffnung der SPD hin zu bürgerlichen und katholischen Wählerkreisen kam meiner gefühlten konservativ-bürgerlichen Herkunft entgegen. Ich empfand meinen Eintritt als einen mutigen Schritt, entstammte ich doch einem national-konservativ geprägten Familienmilieu, in dem die ›Sozis‹ immer noch als zweifelhafte Kandidaten angesehen wurden. In der Bundestagswahl 1957 hatte ich, zum ersten Mal wahlberechtigt, noch völlig aus dem Bauch heraus CDU gewählt. Die deutschlandpolitischen Verhältnisse, die in der Frage nach einer Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands ihren zentralen Bezugspunkt hatten, weckten in mir einen diffusen Patriotismus. Dafür müsse man doch etwas tun. Man müsse den ›Brüdern und Schwestern in der sowjetische Besatzungszone‹, wie damals die Nichtanerkennung der DDR in eine politische Formel gegossen wurde, seine Verbundenheit zeigen. Also trat ich 1959 an der Universität Hamburg dem ›Arbeitskreis für Wiedervereinigung‹ bei, übernahm Funktionen in der Öffentlichkeitsarbeit und organisierte zur Weihnachtszeit sogenannte Mahnwachen am Dammtor, um die Öffentlichkeit patriotisch aufzurütteln. Alle Bundesbürger sollten zur Weihnachtszeit Kerzen an ihre Fenster stellen und patriotisch leuchten lassen. Angesichts der damaligen realpolitischen Verhältnisse war dieses Engagement mehr Ausdruck eines naiven Idealismus und letztendlich Zeitvergeudung. Mit dem Weggang von Hamburg und dem Wechsel an die Universität Würzburg (1960) ging meine Mitarbeit in diesem Arbeitskreis zu Ende. Ich engagierte mich vorerst nicht mehr politisch, konzentrierte mich ganz auf mein Studium und absolvierte mit Erfolg die vorgeschriebenen Übungen zum Bürgerlichen Gesetzbuch, zum Strafrecht und zum Öffentlichen Recht. Erst nach meinem Wechsel an die Freie Universität Berlin erlebte ich in den Jahren von 1962 bis 1966 einen neuen Politisierungsschub mit turbulenten und brisanten Begleiterscheinungen.

Inge Lu und ich hatten von 1954 bis 1960 in verschiedenen Städten gelebt. Erst ab dem Sommersemester 1959 studierten wir immer an der gleichen Universität. Zum Wintersemester 1960/61 gingen wir nach Marburg und zogen zum ersten Mal als Untermieter in zwei Zimmer unter einem Dach ein. Wir begannen, wie es damals hieß, in ›wilder Ehe‹ zu leben. Das galt selbst in Studentenkreisen noch als ungewöhnlich und sittenwidrig. Vermieter fürchteten den Kuppeleiparagrafen des Strafgesetzbuches. Sie konnten angezeigt und verurteilt werden. Wir hatten glücklicherweise ein Vermieterpaar gefunden, das in einer ›Onkelehe‹ lebte und sich nicht daran störte, dass wir in ihrem Haus in zwei nebeneinander liegenden Zimmern wohnten. Inge Lus Eltern hielten das jedoch für nicht gesellschaftsfähig. Sie wünschten, dass wir unsere heimliche Verlobung  von 1957 legalisierten, uns nach konventionellem Muster verlobten.

Studentenleben, Inge Lus Kochkunst auf dem Zimmerboden, Marburg, Adalbert Stifter-Weg; Photographie Alf Mintzel

Angstträume und politische Bedrohungen

Meinen nächtlichen Träumen schenkte ich, wenn sie klare, ausdrucksvolle Bilderfolgen enthielten, stets besondere Aufmerksamkeit. Denn sie verrieten, so schien es mir, auf einer unterschwelligen, doch hochwachen Bewusstseinsebene Wichtiges über mein In-der-Welt-Sein gerade auch an existenziellen Wendepunkten. Ich will das am Beispiel eines Angsttraumes verdeutlichen.

23. bis 30. Oktober 1959, Wilseder Heide; Erholungstage mit Inge Lu in einer Kleinbauernkate; lange Spaziergänge und Wanderungen. Von Hamburg aus lag für gemeinsame und billige Kurzferien die Lüneburger Heide am nächsten. Wir wanderten mehrere Male durch den düsteren Totengrund, in dem Wachholderbüsche geisterhafte Gestalten bildeten. Von der nächsten Höhe, vom Wilseder Berg aus, genossen wir den herrlichen Rundblick. An einem Abend sahen wir die Sonne zweimal untergehen. Nach dem ersten Untergang, der an Bilder Caspar David Friedrichs erinnerte, holte eine Luftspiegelung die Sonne noch einmal zurück. Sie stand als bleiche Scheibe am Abendhimmel und versank ein zweites Mal hinter dem Horizont. Die weit verstreut wachsenden Wachholderbuschgruppen hatten in der herbstlichen Jahreszeit, in der es schon früh dunkel wurde, etwas Spukhaftes an sich. Die Wilseder Heide lag wie eine Gespensterwelt vor uns. –

In der Nacht vom 26. zum 27. Oktober 1959. Bruchstückhafte Erinnerungen an die Trauminhalte, Kernhandlung jedoch wegen ihrer ›ungeheuren‹ Bilder und ihrer Bedeutungsschwere nach dem Aufwachen aufgezeichnet (fast wortgetreue Wiedergabe meiner Niederschrift):

Inge Lu und ich wandern durch eine offene, hügelige Landschaft, die in ein herbstlich fahles Licht getaucht ist. Die Landschaft liegt weit ausgebreitet vor uns. Wir nähern uns kleinen Waldstücken, einzelne Bäume stehen nahe am Weg. Anfangs überwiegen in der Landschaft kräftige grüne Farben. Der Boden ist meist mit vergilbten Gras bewachsen. Nach einer Weile treten wir in eine Ebene hinaus, die sich vor uns bis an den Horizont erstreckt. Die Waldungen weichen Büschen, die Ebene ist fast geschlossen mit Gras bedeckt. Wir setzen unsere Wanderung fort. Plötzlich stehen wir vor einem Gebäude. das aus der Nähe wie eine Mühle aussieht. Der Blickwinkel wechselt, wir sehen nicht das ganze Gebäude. Nur sein unterer, runder Teil ist sichtbar. Nach oben scheint sich das Gebäude zu verjüngen. Eine schmale hölzerne Außentreppe führt zu einer Tür empor. Wir steigen die Treppe hoch und treten ein. Auch der Innenraum gleicht dem einer alten Mühle: Holzböden, Gebälk, Innentreppen, Dämmerlicht. Die Treppen führen hinauf und hinab zu anderen Stockwerken. Von einem Triebwerk ist nichts zu sehen. Ein Mann steht schemenhaft an einer Öffnung, durch die Licht hereindringt. Einige Winkel des Raumes sind hell ausgeleuchtet, der größere Teil liegt jedoch in Zwielicht getaucht. Der Mann stellt ein paar Fragen. Ich beantworte sie, weiß aber nach dem Aufwachen nicht mehr, was er gefragt hat und was ich geantwortet habe. Ich erinnere mich nur daran, dass er etwas über das Dritte Reich gesagt hat. Von was er redet, fasse ich als eine falsche Anschuldigung auf. Der Mann beginnt mir oder uns bösartig Vorwürfe in Bezug auf das „Dritte Reich“ zu machen. Sein Augen funkeln, er misst uns mit scharfem Blick. Ich verhalte mich ruhig und beobachte argwöhnisch, ohne ängstlich zu sein, sein Verhalten. Worauf wollte er hinaus? Ich konnte es nicht erkennen. Inge Lu steht irgendwo im Raum und sieht sich neugierig um. Sie kehrt mir den Rücken zu, tritt an eine Luke und sieht hinaus. Sie scheint ohne Furcht zu sein und verhält sich wie ein Kind, das die Gefahr nicht erkennt. Plötzlich greift der Mann zu einer grünen Flasche – mehrere Weinflaschen liegen und stehen verstaubt und ohne Inhalt auf dem Holzboden herum. Er hebt drohend seinen Arm und will die Flasche gegen Inge Lu schleudern. Ein lebensbedrohlicher Augenblick. Es steht außer Zweifel, er will Inge Lu tödlich treffen. Doch: ich sehe keine Flasche fliegen, ich höre kein Glas zersplittern. Plötzlich hält er in seiner Bewegung inne. Ruhe, Stillstand. Etwas war geschehen. Inge Lu bewegt sich langsam auf die Treppe zu, die nach unten führte. Ihre Bewegungen gehören nicht ihr. Es ist anscheinend der Mann, der sie steuert und zwingt, zur Treppe zu gehen und hinabzusteigen. Ich bin der Situation nicht gewachsen, weiß nicht, was der Vorgang zu bedeuten hat.

Johann Albrecht (Alf) Mintzel, Traumbild ›Ungeheuer‹, Kugelschreiber-Skizze, 1959

Inge Lu geht Stufe für Stufe die Holztreppe ins untere Stockwerk hinab. Dunkelheit verschluckt alle Dinge. Ich folge Inge Lu nicht nach unten, sondern bleibe oben stehen und schaue ihr nach. Von meinem Standort aus können meine Augen nicht verfolgen wie sie hinabsteigt. Plötzlich sehe ich, wie sie in einen Nebenraum eintritt. Schon auf der Schwelle beginnt sie sich aufzulösen, ihr zitronenfarbenes Kleid und dann ihre ganze Gestalt werden unsichtbar. Nun erst stürze ich ans Treppengeländer und begreife, dass der Mann bösartig ist. Sein Blick ist giftig, seinen Handlungen bedeuten den Tod. Er hat auf den ersten Blick nichts Merkwürdiges an sich, er ist einfach und lässig gekleidet, trägt eine Hose und einen Pullover. Sein Gesicht trägt allerdings die Charakterzüge eines engstirnigen, parteitreuen Bürgers, der nicht ›aufgestiegen‹ ist.

Ich stürze ans Geländer. Im Raum Dämmerlicht. Inge Lu ist verschwunden. Er ist es gewesen, der sie hat verschwinden lassen. Er ist die Ursache, und ich habe das Gefühl, er will mich ebenfalls zu seinem Opfer machen. Ich versuche alle meine geistigen Fähigkeiten zu schärfen und zu konzentrieren und verwickle ihn in ein Gespräch. Es gelingt mir seine Undurchsichtigkeit zu analysieren. Ich lenke das Gespräch, ich durchschaue ihn, ich täusche ihn, ich verwirre ihn. Er verrät seine Schwächen. Ich verstehe seine Existenz. Er verkörpert das Bösartige, er verkörpert Hass, er ist der Tod. Er geht seiner Aufgabe nach, einer unabänderlichen Aufgabe. Doch ich will Inge Lus Leben zurück haben. Deshalb täusche ich Verständnis für seine Tat vor und versichere ihm, dass ich ihn verstünde. Er könne sich mir anvertrauen. Da alle Menschen ihn hassen und seine Bedeutung und Unveränderlichkeit nicht wahrhaben wollen, ist er von so viel menschlichem Mitgefühl überrascht. Er lässt sich übertölpeln. Er schenkt mir Vertrauen und verschont mich vorerst. Das hat zur Folge, dass er mich aus seinen Augen lässt und mich nicht mehr unablässig kontrolliert. Als er einmal von mir völlig abgelenkt zu sein scheint, rühre ich mich vom Platz, beginne die Seitenräume zu erkunden und wage einen Blick nach unten. Schemenhaft erkenne ich seine Helfer. Es sind junge Leute. Sie erkennen meine Absicht, zeigen durch ihr Verhalten, dass sie auf meiner Seite stehen, und lenken den Tod weiterhin von mir ab. Ich steige hinab in die dämmrigen unteren Stockwerke und rufe nach Inge Lu. Plötzlich erscheint sie und tritt hervor. Hastig führe ich sie nach oben. Ich hake bei ihr unter, zerre sie hinaus ins Freie. Wir steigen die äußere Holztreppe hinunter und laufen, Arm in Arm, ohne uns umzusehen in die Weite. Die abendliche Sonne strahlt schräg über die Landschaft. Von dem, was sich ereignet hat, ist auf unserem Spaziergang nicht die Rede. Ich frage Inge Lu nicht nach ihrem Aufenthalt dort unten, was ihr Verschwinden im unteren Stockwerk bedeutet hat. Wir plaudern, als sei nichts Merkwürdiges vorgefallen.

Nach einer Weile drehen wir uns um. Was wir sehen, erschreckt uns zutiefst. Mitten in der Landschaft steht ein riesengroßer Krebs auf der Erde. Er ruht auf seinen rundlichen Schwanzflossen und reckt seinen gepanzerten Leib in die Höhe. Er sieht wie ein Baum aus, der eine Krebsgestalt angenommen hat. Von seinem riesigen Panzer gehen überall riesige Arme aus, an deren Enden kolossale Zangen hängen. Aus Seitenarmen entspringen kleine Zangen, dazwischen hängen lange zangenlose, peitschenähnliche Gebilde, vielleicht Tentakeln. Die Arme bewegen sich wie Glieder eines riesigen Krans, insektenhaft, langsam. Während sich die Glieder in einem Aktionsradius von mehreren Hundert Metern überall hin und hochhinaus bewegen, ragt der runde Panzerleib völlig regungslos senkrecht in die Luft. Menschen, die in die Nähe des Ungetüms kommen, nimmt es mit tödlicher Sicherheit in seine Zangen, die sich unabhängig voneinander und unablässig in verschiedenen Richtungen bewegen. Vom Kopf des Ungetüms ist nichts zu sehen. Die Menschen, die sich wie Winzlinge unter dem Koloss ausnehmen, scheinen die tödliche Gefahr zu spät für eine Flucht zu bemerken. Sie können nicht entkommen. Die Farben der feucht glänzenden Arme und Zangen changieren vom Stahlblau zum Graublau bis ins Blauschwarz. Erst als ich zurückblicke, werden Inge Lu und ich gewahr, dass die vermeintliche Mühle dieser Krebs war, in dessen Innern jener Mensch (Mann) gewesen ist. Der Krebs war anscheinend sein Hauptwerkzeug, mit dem er Menschen bedrohte und umbrachte.

Die Niederschrift gibt den Ablauf des Geschehens nur annähernd wieder, was es erschwert, ihn zu deuten, und dies erst recht nach so langer Zeit. Für mich handelte es sich trotzdem immer um einen Schlüsseltraum, dessen innere Bildwelt mich nachdenklich machte. Welche Botschaften enthielt er über mich? Was sagte er über meine und Inge Lus damalige Lebenssituation aus? Der Traum, der deutlich in zwei Teile gegliedert war, brachte im ersten Teil, dessen bin ich sicher, mythische Elemente ins Bewusstsein, die er im zweiten Teil vage in eine Beziehung zur Geschichte des Dritten Reiches setzte. Es war die Verkörperung des Todes, der Inge Lu nach unten gelenkt hat. Ich denke an Eurydikes Abstieg in die Unterwelt, an den Versuch Orpheus‘, sie aus dem Hades ins Leben zurückzuholen. In den unteren Stockwerken, in der Unterwelt, befinden sich junge Menschen, die mir dabei helfen (wollen), den Mann zu täuschen und von seinen dunklen Absichten abzubringen. Mir gelingt es, Inge Lu aus der Unterwelt zu befreien und aus dem Gebäude in Sicherheit zu bringen. Warum schweigen wir über das, was (dort unten) vorgefallen ist?

Die alte hohe Mühle wurde, nachdem wir nach draußen gelangt und weggelaufen waren, ›im Rückblick‹ zu einem gefährlichen Riesenkrebs, zu einem überdimensionalen Ungeheuer, das mit seinen vielen scherenbestückten Greifarmen jeden fasste, der in seinen Aktionskreis geraten war. Für was oder wen stand dieses Traumbild? War es die nationalsozialistische Diktatur, die mit ihren Massenorganisationen nach den Menschen griff? War es die sowjetische Despotie? Jedenfalls war es eine höchst bedrohliche Situation. In meinem Traum blickten Inge Lu und ich zurück in die jüngste historische Vergangenheit. Oder nach vorne?

Die feinen Unterschiede (Pierre Bourdieu)

Die Zeiten waren vorbei, in denen ich im Morgengrauen oder in später Abendstunde wie ein Dieb zu meiner heimlichen Verlobten schleichen musste. Ich hatte inzwischen abgeliefert, das Abitur bestanden und drei Semester Rechtswissenschaften hinter mich gebracht. Ich hatte erste akademische Erfolge aufzuweisen.

Am Zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1960 empfingen mich die Eltern Schaltenbrand freundlich zu Kaffee und Kuchen. Die Familienrunde bot eine entspannte Atmosphäre. Weihnachtliche Düfte. Gemütlichkeit. Gespräche und Geplauder. Der Patriarch saß zufrieden in seinem großen edelstählernen Wippsessel und nahm schweigend an den Gesprächen teil. Mutter Schaltenbrand lehnte in ihrem grünen Ohrensessel und nippte an ihrer Kaffeetasse. Da geschah das völlig Unerwartete. Inge Lus Vater setzte mit einem kurzen Räuspern zu einer ›Ansage‹ an. Das war so seine Art, erst zu Hüsteln, bevor er etwas Wichtiges mitteilte. Die Augen richteten sich auf ihn, wir hielten im Reden inne. »Alf«, sagte er mit sonorer Stimme, »morgen feiern wir Eure Verlobung. Komm am Nachmittag zu uns hoch. Wir werden zusammen eure Verlobung feiern.« Diese ›Ansage‹ und der patriarchalische Beschluss verblüfften mich. Ich war sprachlos und fügte mich halb erfreut, halb verwundert in die Entscheidung des Patriarchen. Keine Jubelschrei, kein begeistertes Danke für diese Großmut, mich endlich als künftigen Ehemann Inge Lus zu akzeptieren, doch eine angenehme Genugtuung nach all den Widerständen und persönlichen Verletzungen. Ich nahm allerdings wahr, dass in der Art und Weise dieses Beschlusses etwas nicht stimmte. Die ›höchste Instanz‹ hatte die Handlungshoheit übernommen und kraft ihrer Autorität entschieden, dass Inge Lu und ich uns nun offiziell und in einem rechtlich verbindlichen Sinn als Verlobte betrachten durften. Unsere heimliche Verlobung von 1957 wurde legalisiert. Diese autoritative Überrumplung war zwar gut gemeint und bestätigte den fundamentalen Sinneswandel, der inzwischen in der Einschätzung meiner Person eingetreten war. Doch lag in diesem hoheitlichen Akt ein Pferdefuß versteckt. Die Eltern Schaltenbrand hatten meine Eltern weder in ihren Plan eingeweiht, noch spontan zur Feier eingeladen. Es wäre nur ein kurzer Weg von Straße zu Straße gewesen. Ich sah in diesem Ausschluss eine Missachtung meiner Eltern. Diese reagierten mit gemischten Gefühlen auf den Vorgang, doch begrüßten sie die Verbindung und wünschten Glück, denn sie hatten sich nie gegen unsere Beziehung gestellt.

Vater und Tochter: Inge Lu und Georges Schaltenbrand im Garten des Hauses Zeppelinstraße 43, Würzburg, um 1960; Photographie Alf Mintzel

Aus der gesellschaftlichen Perspektive einer betuchten großbürgerlichen Professorenfamilie war die zögerliche Anerkennung unserer Verbindung verständlich. Die Töchter sollten eine gute Partie machen, in ebenbürtige und möglichst prominente, weltläufige Gelehrten- oder Diplomatenfamilien einheiraten. Auch den beiden Söhnen waren großartige Karrieren zugedacht, der ältere sollte ein Stararchitekt werden, der jüngere ein berühmter Schriftsteller und Dichter. Die elterlichen Hoffnungen waren darauf gerichtet, den großbürgerlichen Status zu erhalten und die Meriten der Familie zu mehren. Mit Geringerem gab man sich erst gar nicht ab. Der Vater, eine international anerkannte Koryphäe der Neurologie, erhoffte sich, ein wirksames Mittel gegen Multiple Sklerose zu entdecken und dafür den Nobelpreis für Medizin zu erhalten. Die Familie Schaltenbrand war immer noch dem Geniekult des 19. Jahrhunderts zugetan. Ihre Ansprüche waren überhöht und äußerten sich in einer kalten Überheblichkeit gegenüber dem ›minderen‹ Volk. Der Umgang mit ›kleinbürgerlichen‹ Schulkameraden und Kameradinnen war unerwünscht. Die Eltern rümpften die Nase, wenn die Tochter des Milchhändlers ins Haus kam. Ihre Zuschreibung ›kleinbürgerlich‹ bedeutete zugleich spießig, was sie weit ausdehnten. Darunter fielen auch Gymnasiallehrer, Oberregierungsräte und Leitende Regierungsdirektoren wie mein Vater, sogar Professoren, wenn sie sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet, aber ihr Spießertum nicht abgelegt hatten. Wer in seiner Wohnung keine Werke der modernen Klassik, Originale versteht sich, an der Wand hängen hatte, war ›nicht auf der Höhe‹. Die ›feinen Unterschiede‹, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930–2002) sie treffend nannte, wurden subtil zur Geltung gebracht. Die ›Herrschaften‹, wie sie ehrerbietig genannt wurden, regelten und kontrollierten alles, jedenfalls versuchten sie es. Dieses großbürgerliche Regelwerk war allerdings störanfällig. Die Söhne zeigten sich widerborstig, sie entzogen sich den Leistungsanforderungen und opponierten gegen das Elternhaus. Inge Lu hatte einen mutigen Eigensinn entwickelt und riskante Reisen zu mir nach Hannover unternommen. Sie unterlief die Kontrollen und erprobte eigene Wege ins Erwachsenwerden. In den Augen der Eltern Schaltenbrand musste ich mich erst noch ›beweisen‹. Einen Pluspunkt hatte ich allerdings auf Schaltenbrands Charakterliste: Inge Lus Vater, höchste Kontrollinstanz, Navigator und Taktgeber war der allmächtige, allwissende und in den Köpfen stets allgegenwärtige Vater mit fast gottgleichem Status. Er stammte aus einer international versippten Industriellenfamilie, maß einen Meter und 92 Zentimeter und wirkte schon dadurch übergroß und mächtig. Er hielt mich, wie aus seinen alten Notizen hervorgeht, aufgrund seiner Analyse meiner Handschrift und seiner Beobachtungen für sehr intelligent. Ich hatte es sehr schwer, gegen diese ›Herrschaften‹ anzukommen.

Jahre später, nachdem ich in der Sozialwissenschaft erfolgreich Fuß gefasst hatte und gut vorankam, entspannte und wandelte sich die Beziehung zu Inge Lus Eltern. Georges Schaltenbrand wurde zu einem liebevollen Großvater für unsere drei Töchter, seine einzigen Enkelkinder. Die drei Geschwister Inge Lus gründeten zum Leidwesen des Patriarchen keine Familien. Ich hegte gegenüber Georges Schaltenbrand einen großen Respekt. Er war für mich als Wissenschaftler ein Vorbild. Ich begegnete ihm vornehmlich auf rationaler Ebene im wissenschaftlichen Gespräch, und dies am Schluss fast in Augenhöhe. Meine Hochachtung galt dem gelehrten Schwiegervater. Inge Lus Mutter aber stammte aus einer reichen Hamburger Großkaufmannsfamilie, hatte die herrischen Allüren einer despotischen Schlossherrin, die glaubt, ihrem ›Gesinde‹ alles an den Kopf werfen zu können. Dennoch arrangierte ich mich eines Tages auch mit ihren Eigenheiten.

12. Doppelleben zwischen Kunst und Schule

Im Spätsommer 1956 ergriff mich plötzlich der Wunsch, zur Schule zurückzukehren und das Abitur nachzuholen. Ich hätte mir zu Beginn des Studiums nicht vorstellen können, jemals wieder in eine Schule zurück zu wollen. Das Kunststudium begeisterte mich, und ich brachte es zu Ergebnissen, die hoffen ließen, in diesem Metier weiterzukommen. Es gab also keinen aktuellen Anlass, dieses abzubrechen. Und doch war etwas in meinem Kopf in Gang gekommen, das vom Kunststudium wegstrebte. Es brauchte Zeit, bis der Wunsch zu einem festen Entschluss reifte. Was trieb mich zu einer erneuten Wende an? Ein starker Impuls ging, dessen bin ich absolut sicher, von dem Mythenforscher Joseph Campbell (1904-1987) aus, dessen Buch „Der Heros in tausend Gestalten“ ich in den Jahren 1956/57 verschlang. Das Motiv der Heldenreise beeindruckte mich tief. In den Proben, die ein Held auf seiner langen Reise von Station zu Station bestehen muss, um eine neue Freiheit zu gewinnen, erkannte ich meine eigene Lebensreise wieder.

Eine ehemalige Waldorfschülerin, die an der Werkkunstschule studierte, brachte mich auf den Gedanken, mich an einer Waldorfschule zu bewerben. Ich hatte von meiner Absicht erzählt, das Abitur nachzuholen und über die Schwierigkeiten berichtet, diesen Plan umzusetzen. Der Weg über eine Abendschule war mir versperrt, weil hierzu eine abgeschlossene Berufsausbildung erforderlich war. Als Schulabbrecher ohne Beruf hatte ich keine Chance. Auch das an der Werkkunstschule begonnene Studium war kein Ersatz, weil ich noch keinen Abschluss hatte, der als Beruf hätte gewertet werden können. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt so gut wie keine Ahnung von der Anthroposophie und ihren staatlich anerkannten Privatschulen. Ohne Vorurteile bewarb ich mich im August 1956 in die Oberstufe der Freien Waldorfschule Hannover. Offenbar hatte ich im Vorstellungsgespräch überzeugend vermittelt, dass ich nun doch einen akademischen Lebensentwurf anstrebte. Die Schulleitung hatte sich allerdings vertraglich abgesichert. Sie konnte aus schwerwiegenden pädagogischen Gründen das Vertragsverhältnis beenden. Denn das „Waldorf-Experiment Mintzel“ konnte fehlschlagen. Und tatsächlich stand mir, wie sich bald herausstellen sollte, eine schwere persönliche Krise bevor.

Die elfte Klasse, in die ich aufgenommen wurde, beäugte neugierig den Neuling. Wer ist dieser schmächtige, ausgehungerte junge Mann? Er ist schon volljährig, lebt allein auf einer Bude in Hannover-Linden. Alle anderen wohnen noch zu Hause in ihren Familien. Er kommt von der Werkkunstschule, hat wohl schon viel erlebt. Ist er wirklich ein Künstler? Die Klasse ist mir gewogen, sie nimmt mich in ihre Gemeinschaft auf. Komme ich ohne Frühstück in die Schule schenken mir Klassenkameradinnen ihre Pausenbrote, und Klassenkameraden helfen mir in Fächern, in denen ich mir schwer tue,

Meine Rückkehr an die Schule fiel mir anfangs mental und psychisch schwerer, als mein Auftritt in der Klasse vermuten ließ. Bis weit in das Jahr 1957 hinein besuchte ich sowohl die Werkkunstschule als auch die Waldorfschule. Erst am Ende des Sommersemesters 1957 ließ ich mich an der Werkkunstschule exmatrikulieren. Bis dahin kam vor, dass ich vierzehn Tage lang ohne Entschuldigung an der Staffelei saß, weil mich die Malerei wieder in ihren Bann gezogen hatte. Um zu überleben musste ich nach wie vor an den Wochenenden in den Continental-Werken in Hannover-Stöcken Kessel reinigen. Am Montag kam ich dann rußverschmutzt in die Schule. Zweifel plagten mich, ob ich diese Belastungen aushalten würde, und fraglich war, inwieweit Schulleitung und Lehrkräfte mein Doppelleben dulden würden.

Alf Mintzel, Sterbender Zentaur, 1956, Öl auf Leinwand, 65 cm x 95 cm

Im Herbst 1957 geriet meine seelische Verfassung in einen Notzustand. Mich ergriff eine unfassbare Unsicherheit. Mich plagten wieder schwere Zweifel, ob meine Entscheidung richtig war, das Studium der Malerei und Grafik abzubrechen und das Abitur nachzuholen. Meine Versagensängste kehrten zurück. Die Erinnerungen an meinen Bruder Hein und an das Schuldesaster, das ich an bayerischen Gymnasien erlitten hatte, lösten immer noch Albträume aus. Nachmittage wurden zur Hölle. Kopfschmerzen drückten stundenlang auf mein Hirn, als wollten sie die Schädeldecke aufsprengen. Ich war handlungsunfähig, konnte nichts unternehmen, musste mich aufs Bett legen und warten, bis die Schmerzen nachließen. Es hätte ja alles wiederum als Zeichen einer Leistungsschwäche und Unfähigkeit gedeutet werden können. Auch hatte sich in der Beziehung zu einem Lehrer wieder ein Autoritätskonflikt entwickelt. Er war mir als persönlicher Betreuer zur Seite gestellt worden, hatte jedoch eine allzu knöcherne und oberlehrerhafte Art, „mein Bestes“ zu wollen. Diesmal aktivierte der Autoritätskonflikt nicht wie früher meine aufmüpfige und rebellische Handlungsbereitschaft. Stattdessen ergriff mich lähmende Verzweiflung und Resignation.

Aus dieser desaströsen Lebenssituation konnte ich ohne sachkundige fremde Hilfe nicht herausfinden, daher suchte ich in Hannover das „Psychotherapeutische Institut für das Land Niedersachsen“ auf, das auf meinem Schulweg lag, und fand in der Nervenärztin Frau Dr. med. Ursula Zenke eine Therapeutin, die mir in zehn Sitzungen aus dem Schlimmsten heraus half. Sie gab mir in den Gesprächen Handlungsanweisungen auf den Weg, die schrittweise zu einer erfolgreichen „Realitätsanpassung“ zu führen schienen. Die Gespräche führten zurück in meine Kindheit, in die Kriegs- und Nachkriegszeit, thematisierten meine Stellung und Rolle in der Familie, das Verhältnis zu meinem Vater und meine aktuellen Verhaltensweisen. Die Ärztin diagnostizierte vier zentrale (Schmerz-)Punkte meiner Leidensgeschichte: die frühe Überforderung meiner kindlichen und jugendlichen Kräfte in der Kriegs- und Nachkriegszeit, die Rolle meines Vaters als prügelnde Erziehungsinstanz, den elenden Tod meines Bruders und die extrem knapp bemessenen Mittel für meinen Hannoveraner Lebensunterhalt. Nach mehreren Sitzungen wandte sich die Therapeutin am 18. Dezember 1957 an meinen Vater und fügte ihrem Schreiben eine ärztliche Bescheinigung bei. Beides bekam ich erst nach dem Tod meines Vaters zu Gesicht.

„Sehr geehrter Herrr Regierungsdirektor! Ihr Sohn Albrecht hat mich im November 1957 aufgesucht, um sich zu erkundigen, ob es eine Hilfe in seinen seelischen Schwierigkeiten gäbe. Ich habe wegen der auffallenden Ratlosigkeit, die Ihr Sohn ausstrahlte, sofort eine eingehende Untersuchung durchgeführt, und ich muß ehrlich sagen, daß ich verwundert bin, daß Ihr Sohn so lange mit seiner schweren neurotischen Störung, die doch schon seit dem achten Lebensjahr in dem dauernden depressiven Davonlaufen für die Umwelt sehr auffällig geworden ist, ohne Behandlung geblieben ist. Vor allen Dingen war ich auch von dem tragischen Schicksal, das ja der jüngere Bruder sicherlich aufgrund der gleichen Störung genommen hat, sehr beeindruckt. Auch unter Berücksichtigung dieser Tragik habe ich dann sofort eine Behandlung eingeleitet, und ich habe den Eindruck, daß Ihr Sohn Albrecht doch besten Bemühens ist, eine bessere Realitätsanpassung zu bekommen, und daß er sich Schritt für Schritt sozialisieren wird. Für die Durchführung einer seelischen Behandlung bei Ihrem Sohn wäre es natürlich auch sehr wesentlich, wenn ich einmal hörte, wie eigentlich Ihr Sohn in der elterlichen Familie steht. Außerdem müßte ich die Kostenfrage für die seelische Behandlung klären. Ihr Sohn meint, daß er in einer Krankenkasse ist. Ich habe dafür eine ärztliche Bescheinigung ausgestellt. Bei der gesamten seelischen Situation Ihres Sohnes konnte man ihn nicht ohne eine Behandlung lassen. Er selber wird ja keine Kosten dafür aufbringen können. Ich habe den Eindruck, daß er doch unter geldlich sehr eingeengten Verhältnissen lebt. Falls die Kasse nicht die Kosten für die Behandlung übernehmen sollte, bitte ich baldmöglichst um eine Mitteilung. Mit vorzüglicher Hochachtung gez. Dr. med. Ursula Zenke Nervenärztin, Hannover.“

Die Antwort meines Vaters kennzeichnete seinen Unwillen und seine Abwehr. Ich fand sie erst in seinem Nachlass. Er könne keine psychische Störung entdecken, die eine psychotherapeutische Behandlung notwendig mache. Er begründete seine Meinung mit einem Hinweis auf Inge Lus Vater, Professor Georges Schaltenbrand, der eine international anerkannte Koryphäe der Neurologie sei und bisher nichts gegen meine Beziehung zu seiner Tochter eingewandt habe. Dieser hätte sich doch dazu geäußert, falls sich bei mir eine gravierende neurotische Störung gezeigt hätte. Die Blindheit meines Vaters war wohl auch darauf zurückzuführen, dass ich mich ihm mit meinen Problemen niemals anvertraut hatte. Wir Geschwister hatten es vermieden, viel aus unserem Innenleben preiszugeben. Jeder litt schweigend vor sich hin.

Pädagogische Wende

Nach den anfänglichen massiven Schwierigkeiten lernte ich an der Waldorfschule Hannover eine zutiefst humane Pädagogik kennen, die auf die individuellen Eigenarten und Fähigkeiten eines jeden Schülers einfühlsam einging. Auch störrische und schwierige Kandidaten wurden nicht kurzer Hand abgekanzelt, hängen gelassen und entmutigt, wie ich das früher auf der Kadettenanstalt des bayerischen Gymnasiums erlebt und erlitten hatte, sondern geduldig und emphatisch gefördert. Das oberste Prinzip war nicht das einer strikten Auslese nach hochgesteckten kognitiven Leistungskriterien, sondern individuell unterschiedliche Fähigkeiten und Leistungspotenziale von Stufe zu Stufe zur Entfaltung zu bringen. Dabei wurde auf kreative Fähigkeiten besonders geachtet. Ich spürte den anderen pädagogischen Geist und fühlte mich in besonderer Weise angenommen, Meiner Arbeitsweise entsprach zudem der sogenannte Epochenunterricht, in dem der Stoff einzelner Fächer über mehrere Wochen schwerpunktmäßig geboten und erarbeitet wurde. Die von Rudolf Steiner begründete kreativ-tänzerische Kunstform „Eurythmie“, ein Zusammenfließen von Bewegung und Sprache, machte ich aus Freude an der Bewegung mit. Die Esoterik des anthroposophischen Menschenbildes blieb im Unterrichtsbetrieb der Waldorfschule Hannover weit im Hintergrund und störte mich nicht. Aus meinen Textfragmenten aus dem Jahr 1957 geht hervor, dass ich damals Wiedergeburt und Inkarnation für mögliche übersinnliche Geschehnisse hielt. „Alles wandelt sich“, so schrieb ich nieder. „Mein Geist schweift umher, von dort hierher, von hier dorthin. Er bemächtigt sich dieser und jener Glieder. Es wird weiterhin eine endlose Kette von Tod und Geburt sein, Geburt freilich nicht nochmals der alten Verhältnisse, sondern eines Neuen. Unsere Lebensreise vollzieht sich auf einem inneren dunklen Weg, in Tiefen, wo finstere Widerstände überwunden und lange verlorene und vergessene Kräfte wiederbelebt werden. Ich war ein Suchender und bin es noch.“

Es war die Waldorflehrerin Frau X, die mir die positive Wende ermöglicht hatte. Ihre Pädagogik veränderte mein Verhältnis zur Schule und zu Lehrern. Frau X gehörte der NS-Generation der Frauen an, die bitter an den Begleiterscheinungen und Folgen der NS-Zeit und des Zweiten Weltkrieges zu leiden hatten. Als Hitler und seine Generäle 1939 Deutschland in den Zweiten Weltkrieg führte, war sie achtzehn und am Ende des Krieges dreiundzwanzig Jahre alt gewesen. Sie war in das Erwachsenenalter eingetreten, als die wehrdienstfähigen Männer ihrer Generation an den Fronten im Westen und Osten und weit weg von Europa zu Hunderttausenden ihr Leben für den Führer und ein nationalsozialistisches Großdeutschland gelassen hatten. Der vermeintliche Heldentod hatte die Alterskohorten der Wehrpflichtigen schrecklich dezimiert. An der Heimatfront waren die wartenden Frauen in der Wirtschaft und Rüstungsindustrie arbeitsverpflichtet worden. Frau Dr. X war, wie sie Jahrzehnte später zugab, ein begeisterte Anhängerin Hitlers gewesen. Im „Bund Deutscher Mädchen“ (BDM) hatte sie an dessen Veranstaltungen mitgewirkt. Erst am Kriegsende und in der Nachkriegszeit dämmerte ihr, welchem Verbrecher sie gefolgt war. Sie litt unter dem Männermangel der Nachkriegszeit und blieb unverheiratet. 1957 übernahm sie die Klasse, in die ich aufgenommen worden war, als Klassenleiterin. Das war für mich eine entscheidende Wende. Ohne die Hilfe dieser Frau hätte das „Waldorf-Experiment Mintzel“ schon nach kurzer Zeit scheitern können. Ihrem pädagogischen Engagement und ihrer herzlichen und couragierten Zuneigung verdanke ich, alle inneren und äußeren Widerstände überwunden und mein Ziel erreicht zu haben.

Aus meinen Notizen vom 18. Mai 1957 ging hervor, dass ihr Verhalten nicht ganz im Einklang mit waldorfpädagogischen Grundsätzen und Leitlinien gestanden haben könnte: „Frau X [so bezeichnete ich sie in meinen Niederschriften] kam in der Pause zu mir und sagte, ich möge nach dem Unterricht ein Buch abholen, das ich ihr geliehen hatte. Da sich gerade niemand [im Lehrerzimmer] aufhielt, ließ sie mich schnell hereinkommen, eilte zu ihrem Schrank und förderte daraus ein Paket Brot, eine Tüte Knäckebrot, Senf, Butter usw. ans Tageslicht. Es passte nicht alles in meine Tasche. >Ziehen Sie die Bibel heraus<, sagte sie, >machen Sie Platz<, und im Augenblick war meine Tasche mit Essen überfüllt. […] Zu Hause besah ich die Dinge näher und bemerkte beim Herausnehmen der Knäckebrottüte ein Geräusch wie von Geld. Ich nahm das Knäckebrot heraus und entdeckte auf dem Boden der Tüte zwei Markstücke und eine angebrochene Zigarettenschachtel, in der sich noch vier Glimmstengel von einer guten Sorte befanden.“

So sorgte Frau X dafür, dass Spannungen zwischen meiner Lebensführung und den Schulpflichten meine Schullaufbahn nicht gefährdeten. So viel Aufmerksamkeit und liebevolle Zuwendung war mir früher von keinem Lehrer geschenkt worden. Daraus entwickelte sich ein lebenslange Freundschaft.

Im Februar 1959 bestand ich das Abitur. Es war kein anthroposophisches Sonderabitur. Die Waldorfschule musste das Abitur unter staatlicher Aufsicht und nach staatlichen Vorgaben durchführen. Wegen der strengen Auflagen und um ihres Rufes wegen durften am Ende der 12. Klasse, die noch nach Regeln der Waldorfpädagogik geführt wurde, nur die leistungsstarken Schüler in die 13. Klasse aufrücken. Die Schulleitung wollte sicher gehen, dass ihre dem staatlichen Schulamt gemeldeten Abiturienten die Prüfungen bestanden. Die Auswahl war unerbittlich und löste bei Schülern und Eltern Protest aus, schließlich hatten die Eltern über viele Jahre den Besuch der Waldorfschule bezahlt. Ich gehörte zu denjenigen, die zugelassen worden waren. Zum ersten Mal in meiner albtraumhaften Schullaufbahn hatte ich das gute Gefühl, die Hürde nehmen und das gewünschte Ziel erreichen zu können, obgleich in letzter Minute eine schmerzhafte Komplikation auftrat: In der Nacht vor der schriftlichen Prüfungsarbeit im Englischen hatte mich ein Weisheitszahn so gewaltig geschmerzt, dass ich am frühen Morgen zum Zahnarzt gehen und ihn ziehen lassen musste.

Geholfen hatte mir nicht zuletzt auch ein Gönner, dessen Namen ich nie erfuhr. Er hatte im letzten halben Jahr vor dem Abitur meinen Lebensunterhalt finanziert, so dass ich am Wochenende nicht mehr in den Continental-Werken arbeiten musste und mich ganz auf die Abschlussprüfungen vorbereiten konnte. Eine „fremde“ Person hatte an mich geglaubt und gehofft, dass aus mir noch etwas werden könnte.

Nach dem bestandenen Abitur hoffte ich nicht mehr von Versagensängsten gequält zu werden, doch sie verfolgten mich mein Leben lang, machten meine Nächte schwer, schlichen sich gerade auch in Erfolgsmomenten ein. Viele Dutzend Male scheiterte ich im Traum in einem Fach an einer Abiturfrage. Ich sehe mich im Traum, wie ich verzweifelt eine Aufgabe zu lösen versuche, aber die Lösung nicht finde. Ich stiere auf das Blatt Papier, mir fällt nichts ein. Die Zeit läuft ab.

Alf Mintzel, Drei Zentauren in südlicher Landschaft, 2. Kompositionsgedanke, 29.2.1956, Federzeichnung mit Tusche und Bleistift, 20 cm x 35 cm

Kunstakademie oder Universität?

Warum ging ich nach dem Abitur, das ich mit großer Anstrengung nachgeholt hatte, nicht nach Hamburg auf die Kunsthochschule? Warum begann ich im Mai 1959 in Hamburg Rechtswissenschaften zu studieren? Ich bin sicher, dass ich an der Kunsthochschule aufgenommen worden wäre. Ich hätte genug qualifizierte Arbeiten unterschiedlicher Machart einreichen können. Hatte ich mir nicht mehr zugetraut, in der Freien Malerei und Grafik voranzukommen und später einmal Bedeutendes hervorzubringen? Meine künstlerischen Fähigkeiten und ästhetischen Bedürfnisse wollte ich zwar weiterhin pflegen, aber nur im Sinne einer schönen und anerkannten Nebentätigkeit, als Hobby.

Es stellte sich 1959/60 heraus, dass meine Annahme nicht zutraf, allein von ureigenen, selbstgesetzten Zielvorstellungen geleitet zu sein. Erst später, als Soziologe, erkannte ich, wie tief Milieu, Vorbilder, spezifische Erziehungsmaximen und gesellschaftlichen Strukturen unsere vermeintlich autonomen Entscheidungen und inneren Befehle prägen und spezifische individuelle und überindividuelle Konflikte hervorrufen. Unser Handeln folgt sehr viel mehr verinnerlichten Normen, als wir wahrhaben wollen, und dies gerade auch in Entscheidungssituationen wie der Wahl eines bestimmten Fachstudiums. Die Tücke gegenseitiger Verwicklungen liegt ja eben gerade darin, dass wir im Moment unseres Verwickeltseins nicht oder nicht scharf genug wahrnehmen, wie verwickelt wir gegenseitig sind. Was sich als unsere ureigene sachliche Entscheidung ausnimmt, ist gerade in lebensgeschichtlich entscheidenden Situationen Ergebnis unterschwelliger psychisch-mentaler Wechselbeziehungen in der Familie. Die von meinen Eltern eingeimpften Imperative bestimmten letztendlich meinen Weg in die Universität und die Wahl meines Studienfaches. Mit dieser Wahl konnte ich meinen Vater besänftigen. Er hatte ja schon kurz nach meiner Geburt meinen Weg in einen akademischen Beruf vorbestimmt. Ich, der „notorische Versager“, würde keine mentalen Prügel mehr beziehen, weil ich nun funktionierte, wie es sich meine Eltern und designierten Schwiegereltern gewünscht hatten.

11. Studium der Freien Malerei und Grafik, 1955-1957

„Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir herauswollte – Warum war das so schwer?“
(Hermann Hesse: Demian)

Nach dem Schockereignis des Jahres 1954 stand mein Entschluss unumstößlich fest: Raus aus der Familie! Raus aus dem elterlichen Haushalt! Ich brach die Schule ab, bestand an der Werkkunstschule Hannover die Aufnahmeprüfung und das Probesemester und suchte im Studium der Freien Malerei und Grafik nach einem anderen Weg der Lebensgestaltung. Mein Bruder hatte seine Niederlagen mit dem Leben bezahlt, ich schwang mich auf und begab mich auf einen abenteuerlichen Weg der Selbstfindung. Ich hatte Glück im Unglück. Die Flucht nach Hannover zur Werkkunstschule war kein zweiter Irrweg, Zeichnen und Malen waren keine plötzlich entdeckten Fähigkeiten, ich hatte mich damit schon über viele Jahre beschäftigt. Nun hatten mich eine unbändige Lust und Neugier gepackt, auf künstlerischem Wege eine neue Freiheit zu gewinnen. Dass ich Talent dazu hatte, bezweifelten in meiner Umgebung selbst die nicht, die in mir einen Nichtsnutz sahen, einen kleinen verwilderten Abenteurer, der auf keinen grünen Zweig mehr zu kommen schien.

Alf Mintzel, Selbst beim Malen, 1955, Tintenzeichnung

Mein Vater war meinen künstlerischen Träumen nicht abgeneigt. Er stimmte meinem Entschluss zu, die Schule zu verlassen und die Werkkunstschule Hannover zu besuchen, unterstützte mich allerdings nur mit einem monatlichen Betrag in Höhe von 107 Deutschen Mark. Davon waren 74 Mark für den Lebensunterhalt vorgesehen – inklusive Malutensilien wie Leinwände, Farben, Stifte und anderes mehr. Das war viel zu wenig. Ich musste monatlich mit Gelegenheitsarbeiten mindestens das Doppelte hinzuverdienen, um über die Runden zu kommen. An Wochenenden fuhr ich zum Continental-Reifenwerk, das in Hannover-Stöcken seinen Standort hatte, und arbeitete dort von Samstagnachmittag bis Sonntagmittag in der sogenannten industriellen Reinigung. Ich schabte zusammen mit Arbeitern in den noch erhitzten Kesseln die Gummireste aus. Wir kamen rußverschmiert aus der Fabrik. Ich war spindeldürr, wog nur knapp über fünfzig Kilogramm, aus dem blassen schmalen Gesicht stachen zwei Augen hervor. In der kalten Jahreszeit trug ich einen schwarzgefärbten ausgedienten Soldatenmantel und eine ebenso gefärbte Pelzmütze aus Hasenfell. Letztere hatte ich 1950 von meinem Großvater übernommen. In der Zeit des ungarischen Aufstandes, im Herbst 1956, wurde ich in der Straßenbahn angesprochen und gefragt, ob ich vom Aufstand käme. Offensichtlich hinterließ ich den Eindruck eines grimmig dreinschauenden Revolutionärs. 1956 hielt ich in meinem Tagebuch meine generelle Einschätzung der politischen Weltlage und der gesellschaftlichen Systemkonkurrenz zwischen West und Ost fest, die im Nachhinein von einer gewissen Hellsichtigkeit zeugen: „Die Idee eines Welthumanismus wird uns und kommende Generationen mehr und mehr bewegen, ja bewegen müssen. Die Lösung, sofern eine solche überhaupt möglich sein wird, liegt in ferner Zukunft. Der Sozialismus, zumindest in seiner heutigen Form, dürfte sich eines Tages als Irrtum herausstellen, da er die Realität verkennt.“ (Notiz vom 03.02.1956)

Der Saufheilige, Damenbesuch und Bruder Hunger

Vom Herbst 1955 bis zum Frühjahr 1959 wohnte ich in Hannover-Linden in der Badenstedterstraße 10 in einem alten Backsteinhaus, das vom Bombenkrieg verschont geblieben war. Zur Werkkunstschule ging ich etwa dreißig Minuten zu Fuß. Einen Fahrschein der Straßenbahn konnte ich mir selten leisten. Das große graue Gebäude der Schule lag in der Köbelingerstraße rings umgeben von Ruinen der ehemaligen Altstadt. Der Wiederaufbau hatte gerade erst begonnen. Das Gebäude der Werkkunstschule, das einsam aus den Trümmerfeldern herausragte, war selbst nur notdürftig restauriert worden.

Meine Vermieter führten in der kleinen Dachwohnung im vierten Stock eine damals sogenannte Onkelehe. Es handelte sich also um eine Witwe, die unverheirateter Weise mit einem Mann zusammenlebte. Sie verließen am frühen Morgen die Wohnung, gingen ihrer Arbeit nach, kehrten am Abend erschöpft zurück und waren auf meine monatliche Mietzahlung angewiesen. 35 Deutsche Mark waren damals viel Geld. Einmal in der Woche kam die Tochter der Vermieterin, eine junge, flotte Frau, und putzte mein muffiges Zimmer. Mein kleines Dachzimmer war das erste, direkt am Wohnungshaupteingang gelegene Zimmer, das von der Hauptwohnung durch eine Zwischentür getrennt war. Ich hatte zur Hauptwohnung nur zu bestimmten Zeiten Zugang. Die Vermieter sperrten, wenn sie morgens zur Arbeit gingen, die Zwischentür ab, so dass ich kein fließendes Wasser hatte, das nur in der Küche floss. In meinem Zimmer standen auf einer Anrichte eine Waschschüssel und ein Krug. Bevor meine Vermieter am frühen Morgen die Wohnung verließen, holte ich aus der Küche frisches Wasser, mit dem ich über den ganzen Tag über auskommen musste. Die primitiven sanitären Anlagen spendeten nur kaltes Wasser. Heißes musste auf dem Küchenherd zubereitet werden. Am Morgen musste ich mich, wenn überhaupt, mit einer Katzenwäsche begnügen. Bis zum Abend war das wenige frische Wasser aufgebraucht. In der Waschschüssel blieb eine graugeschäumte Brühe zurück. Es gab kein Bad, keine Dusche, geschweige denn eine Waschmaschine. Meine schmutzige Wäsche sandte ich etwa alle drei bis vier Wochen nach Hause. Meine Mutter schickte sie gewaschen wieder zurück. An der Rückwand meiner Bude stand ein Kohlenofen, den ich im Winter mit Briketts beheizen konnte. Meistens reichte mein Geld dafür nicht aus, so dass ich mich an kalten Tagen ins Bett verkroch. Die Toilette lag außerhalb der Wohnung auf dem Zwischenstockwerk zur nächsten Etage. In dem Außentrakt zum Haus waren Plumpsklos mit hölzernem Deckel eingebaut. Als Klopapier diente geschnittenes Zeitungspapier, das in Bündeln fein säuberlich neben dem Loch auf dem Holzsitz lag. Das Treppenhaus war nicht beheizt und nur mäßig beleuchtet. Wehe dem, der einmal dringend musste! Schicksalhaft füllte sich die Hose. Kurzum, die Zustände waren, gemessen am heutigen Komfort, vorsintflutlich und unappetitlich.

Der Fußboden meines Zimmers hatte einen damals üblichen Linoleumbelag, bräunlich, piefkefarben und mit dem typisch.en Geruch. Die Tapeten waren zart rosafarben und gaben dem Raum eine besonders hübsche Note. Unter der Dachschräge stand ein Eisenbett, das Bettzeug lag meistens unordentlich darauf. In einem Wandschrank unterhalb der Dachschräge bewahrte ich meine Utensilien und Wäsche auf. Auf einem Sims, der die Dachschräge entlang lief, hatte ich bis zu meinem Auszug den Ausschnitt aus einer Lithografie aus der Werkkunstschule gestellt, auf der eine Art Priesterfigur abgebildet war. Ich nannte die kleine „Ikone“, die ich bis heute aufbewahrt habe, meinen „Saufheiligen“. Im Jahr 1958 lag ich einmal krank im Bett, als es klingelte und ein katholischer Geistlicher in schwarzer Amtstracht um ein Gespräch bat. Ich führte ihn, mich für meinen Zustand entschuldigend, in mein Zimmer. Er nahm auf dem einfachen Holzstuhl Platz und versuchte mit allerlei Fragen herauszufinden, was ich treibe und wie es mir gehe. Er fragte, ob ich noch zur Kirche ginge. Er hatte wohl aus meinen Antworten herausgehört, dass ich aus Bayern komme, und daraus geschlossen, dass ich ein Katholik sein müsse. Mit einem Unterton der Ermahnung äußerte er dann: „Nun ja, von Bayern und von zu Hause weg, und schon ist der Kirchgang vergessen“. Ob ich wisse, wo in Hannover-Linden die Kirche liege? Er meinte natürlich die katholische. Ich könne im Kirchenchor mitsingen. In diesem Moment fiel sein Blick auf meine „Ikone“, auf den „Saufheiligen“. Er erkundigte sich, was das Bildchen darstelle. Ich ließ eine Silbe weg und machte aus meinem „Saufheiligen“ einen „Heiligen“. Der Pfaffe meinte, also seien Religion und Kirche doch noch in mir lebendig. Als ich ihm daraufhin offenlegte, dass ich kein Katholik sei, brach er mit wenigen Worten das Gespräch ab, erhob sich und strebte zur Türe. Es muss ihm peinlich gewesen sein, am Ende zu erfahren, dass ich nicht zu seinen Schäflein zählte. Anscheinend hatte er mich mit jemandem verwechselt. Mein „Saufheiliger“ symbolisierte übrigens kein Säuferleben. Dazu hatte ich zu wenig Geld. Die abgebildete menschliche Figur trug wie ich asketische Züge (Notizen & Skizzen, Band 4, 12.07.1997).

In der Nähe zum Fenster der Dachgaube stand meine große Staffelei so aufgestellt, dass möglichst viel Tageslicht auf die Leinwand fiel. Daneben diente ein weiß lackiertes Nachtschränkchen als Auflage für Farben, Pinsel und Terpentinöl. Maler Mintzel saß auf einem einfachen Holzstuhl vor seiner Staffelei. Das Ambiente ähnelte im Genre dem berühmten Bild Carl Spitzwegs, nur war es noch kärglicher und erbärmlicher.

Alf Mintzel; links: Straßenszene, 1955;  rechts: Pariser Straßenszene, Paris 1955; Tuschskizzen

„Damenbesuch“ war nicht erwünscht, und wenn schon einmal eine „Dame“ zu mir in den vierten Stock gefunden hatte, musste sie spätestens um 22 Uhr das Zimmer verlassen. Sonst hätte meinen Vermietern der Kuppeleiparagraf gedroht. Sie drückten aber schon einmal ein Auge zu, wenn Inge Lu Schaltenbrand, meine „Verlobte“, aus Würzburg kam. Inge Lu riss ein paar Mal von zu Hause aus, um mich in Hannover zu besuchen. Sie gaukelte ihren Eltern vor, sie müsse Schuhe zum Schuster bringen, packte ein Paar Schuhe und einen Rock ein und fuhr mit der Eisenbahn zu mir. Inge Lu lebte dann zwei Tage mit mir auf meiner Bude. Wir „pflegten“ unsere abenteuerliche Liebe. Das gut behütete Mädchen aus einem großbürgerlichen Elternhaus hatte Mut! Am 18.04.1957, an meinem 22. Geburtstag, – Inge Lu war zu einem Kurzbesuch nach Hannover gekommen – , notierte ich folgendes Malheur: Mit Inge Lu 2 Liter Chianti [getrunken]. Sie musste nach Mitternacht ans Fenster, um >vorm Mond die Reiher vorbeiziehen zu sehen<“. Und am nächsten Tag: „Frau Seifert vom 1. Stock beschwerte sich, weil die Reiher auf ihrem Fenstersims eingefallen waren. Sie nannte das eine Schweinerei und glaubte, ich hätte die Vögel geschickt – Ein zoologischer Irrtum!“

„Bruder Hunger“, wie ich ihn nannte, begleitete mich fast durch die ganze Hannoveraner Zeit hindurch, auch wenn Inge Lu mich des öfteren, wenn ich wieder einmal am „Existenzminimum“ lebte, mit kleinen Fresspaketen und Geldbeträgen versorgte. In meinen Tagesnotizen und Briefen finde ich zahlreiche Klagen. Ich greife ein paar heraus:

20.03.1957: „Jede freie Stunde habe ich mit Malen verbracht und ein paar leidliche Bilder produziert, dabei aber so viel Geld für Farben und Materialien ausgegeben, dass ich nun abends mit leerem Magen dasitze.“

18.05.1957: „Wie so oft klimpert kein Heller mehr in meiner Tasche. Und der Brotkorb hängt in unerreichbaren Höhen. Meine Mutter hat mir versprochen, zum Wochenende fünf Mark zu schicken, sie hat mich jedoch in Stich gelassen. Bruder Hunger hat sich also als Gast eingestellt und lebt mit mir auf meiner Bude. Das gibt allemal einen recht ernsthaften Dialog. Mein Magen, das heißt, Bruder Hunger knurrt, und da es sich geziemt in der Sprache seines Gastes zu reden, knurrte ich eben auch. Leider ist diese Art von Gesellschaft nicht gerade labend, sie zeigt vielmehr auf einen tiefen sozialen Stand hin. (…). Doch soll man über den anderen nicht nur schlecht reden. Eine gute Seite hat selbst Bruder Hunger, er gibt geselligen Gefühlen wieder neue Impulse. So bin ich gestern Abend zur Familie Krengel gegangen, natürlich gerade zur Abendbrotzeit, um auch gewiss eingeladen zu werden.“

[Ohne Datum; 1957]: „Heute Morgen, als ich aufwachte, klopfte jemand an die Türe. Ohne erst auf mein >Herein!< zu warten, kam er wieder herein, mein Bruder Hunger. Er kam zu mir ans Bett und ließ mich nicht mehr einschlafen. Er redete unaufhörlich auf mich ein. Ich hatte nicht einmal eine Zigarette, um ihn zum Schweigen zu bringen (…)“

30.05.1957: „Am Freitag, den 24. Mai abends in Hannovers Unterwelt abgetaucht und erst am Morgen des 25. wieder an die Sonne gekommen. Der Gang war faszinierend, abstoßend und von >großem geistigen Ertrag<. Hat jedoch mein ganzes Geld verschluckt. Deshalb in den letzten Tagen Hunger und Stillung durch Almosen. Morgens aß ich einige Zwiebäcke, die den größten Hunger stillten und mich von dem Gedanken abbrachten fortzugehen, um irgendwo Essen zu bekommen. Ich setzte mich an die Arbeit (…)“

18.04.1958, [allein in meiner Bude]: „Geburtstag: 23 Jahre. Nichts zum Essen! Warum feiern? Und diese Gedanken!! Noch keine Post von Inge Lu. Was kommt? Memento vivere!“

Im Nachtzug zu meiner Amour fou

Besonders an lebensprallen Sommertagen, wenn am Abend von den Hauswänden die Wärme zurückstrahlte und die Menschen draußen saßen, hielt ich manchmal unsere „Fern-Liebe“, die „paper love per Post“ nicht mehr aus. Mich packte die Sehnsucht nach Nähe so mächtig, dass ich am Wochenende zum Hauptbahnhof in Hannover eilte, mit geliehenem Geld eine Fahrkarte löste und mit dem Nachtzug nach Würzburg fuhr. Der Schnellzug legte die Strecke in etwa fünf-sechs Stunden zurück. Es war noch die Zeit der großen Dampflokomotiven, die fauchend und pfeifend durch die Landschaft fuhren. Lokführer und Heizer standen im Führerhaus, der Heizer schippte die Kohlen aus dem Tender in den qualmenden Feuerrachen. Die langen Wagen des Zuges waren noch voneinander durch Stahlplatten getrennt, über die man außen von einem Wagen zum anderen gelangte. Wer den Wagen wechseln wollte, musste auf den Plattformen Wind und Wetter in Kauf nehmen. Rußpartikel reizten die Augen und bildeten auf weißen Hemden kleine Schmutzflecken. Voll innerer Anspannung trat ich nachts auf den Perron des Wagens, schaute in die Dunkelheit hinein, rauchte eine Zigarette und ließ die Lüfte durch meine Haare streichen. Der Zug hielt nur an den großen Stationen, in Kassel, Bebra und Fulda, dann fuhr er mit stoßend-rhythmischem Fauchen wieder an, nahm rasch Fahrt auf und rollte in die Nacht hinein. Die Schienen waren noch nicht verschweißt. sodass die gleichweiten Nahtstellen einen Takt schlugen, wenn die Stahlräder über sie hinwegfuhren. Ein endloses Tamdada, Tamdada, Tamdada. Die heutigen silbernen Schlangen der Intercity-Züge fahren fast lautlos auf den neuen Schienen. Die raue Romantik der alten Dampflokzeit wird nur noch auf nostalgischen Strecken in Erinnerung gebracht.

Frühmorgens kam ich in Würzburg an. Die Stadt schlief noch. Sonntägliche Stille. Der Main schimmerte im Morgenlicht, auf die Festung Marienberg fielen die ersten Sonnenstrahlen. Ich ging zu Fuß über den Stadtring hoch zur Wittelsbacher Straße und bog weiter oben in die Zeppelinstraße ein. Das Wohnhaus Nr. 43, ein Einfamilienhaus, gehörte Inge Lus Eltern. Inge Lu bewohnte im Hochparterre das linke vordere Eckzimmer. Ich hob kleine Kieselsteine auf und warf sie vorsichtig an ihr Fenster. In der Morgenstille war jeder Wurf ein Wagnis, er konnte unerwünschte Zuschauer alarmieren. Das Klackern der Steine weckte Inge Lu, sie ahnte, wer da unten stand. Sie öffnete das Fenster, gab mir pantomimisch zu verstehen, dass sie herauskommen würde, und verschwand flugs wieder hinter den Vorhängen. Wenige Minuten später stand sie vor mir. Geglückte Überraschung! Unbeschreibliche Wonne! Eine sanfte Umarmung, Küsse, noch immer schüchtern, wie eben jugendliche Küsse der 1950er Jahre waren. Dann nichts wie weg vom Hause, um nicht entdeckt zu werden. Wir wanderten in der Morgenfrische hoch zum Sieboldswäldchen und hinüber zu den Weinbergen zwischen dem Frauenland und Randersacker. Feldlerchen stiegen quirilierend ins Blau. Goldammern begrüßten den anbrechenden Tag mit ihrem hellen Izizizibiii. Wir wanderten leichten Schritts weiter, hielten inne, küssten uns und sprachen über alles, was uns gerade in den Sinn kam. Ein Gezwitscher der Liebe. Die Stadt erwachte, erste Motorengeräusche drangen herauf. Die Glocken der sechsunddreißig Würzburger Kirchen läuteten den Sonntag ein. Wir mussten zurück, damit Inge Lu noch rechtzeitig zum späten sonntäglichen Frühstück erscheinen konnte. Ein paar Straßen von ihrem Elternhaus entfernt ein wehmütiger Abschied. Danach besuchte ich meine Eltern. Meine Mutter versorgte mich mit frischer Wäsche und einer kräftigen fränkischen Mahlzeit. Gegen Abend fuhr ich mit dem Schnellzug nach Hannover zurück – ins Stadium der „Fern-Liebe“, aber mit dem Proviant der wunderbaren frühmorgendlichen Begegnung.

Hubert Elsässer, Johannes Itten, Erich Rhein, Hinnerk Schrader und Jürgen Krengel

Im folgenden Abschnitt erzähle ich detailliert von meinem Studium der Werkkunstschule. Diejenigen, die sich nur wenig für moderne Kunst und deren renommierte Vertreter interessieren, mögen dieses Kapitel getrost überspringen.

Der Besuch der Werkkunstschule brachte eine „ästhetische Wende“ mit sich. Mein Kunstverständnis wandelte sich unter dem Lehrprogramm und den neuen Eindrücken zu einer modernen Auffassung. Ich war in eine konservativ-traditionelle, bildungsbürgerliche Anschauung von Kunst hineingewachsen. Mein Vater, ein guter Zeichner und Kolorist, war der alten Kunst und der akademischen Malerei des 19. Jahrhunderts verhaftet. Anfang der 1950er Jahre war bei uns zu Hause vom „Verlust der Mitte“ die Rede. Der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr hatte mit dieser kunstkritischen Streitschrift 1948 dem bildungsbürgerlichen radikalen Antimodernismus im Nachhinein Argumente geliefert, die auch die NS-Aktionen gegen die „entartete Kunst“ rechtfertigen konnten. Sedlmayrs Anklageschrift gegen die vermeintliche Herabsetzung und Zerstörung des Menschenbildes in der (klassischen) Moderne diente meinen Eltern dazu, die „Kunst der Schmierfinken“ pauschal abzulehnen und zu verspotten. An den Wänden unserer Wohnräume hingen teure Reproduktionen alter Kunst, die Alexanderschlacht von Altdorfer, Watteaus Einschiffung nach Kyrene, der Rembrandt zugeschriebene Mann mit Goldhelm, ein niederländisches Blumenbild und Albrecht Dürers fränkische Landschaftsaquarelle. Ich selbst war in diesem Milieu in den Sog einer stockkonservativen Kunstauffassung geraten und hatte in der Nachkriegszeit beim Zeichnen und Malen stets das „schöne Abbild“ angestrebt. Allerdings muss ich meinem Vater zugute halten, dass er mich schon früh zum Zeichnen und Malen anhielt und diese Begabung förderte. Im ohnehin nur marginalen und wenig anschaulich gestalteten Kunstunterricht am Gymnasium mussten wir irgendwelche Gegenstände abzeichnen oder naturalistische Fantasiebilder malen. Weil ich gut zeichnen konnte und unser Kunstlehrer mich für ein Naturtalent hielt, schickte er mich zu Beginn einer jeden Zeichenstunde zu einer Würstchenbude am Rathenau-Platz, um für ihn frisch belegte Brötchen zu kaufen. Das war das Privileg eines „Begabten“. Während wir über unseren Zeichenblättern saßen, aß er genüsslich seine Semmeln.

In den Jahren 1953/54 versuchte ich meine zeichnerischen Fähigkeiten unabhängig von Schule und Elternhaus über ein bloßes Hobby hinaus weiterzuentwickeln. Ich lernte in Würzburg Hubert Elsässer kennen, der zu dieser Zeit schon fest entschlossen gewesen war, Bildhauer zu werden. Wir trafen uns an vielen Nachmittagen, um miteinander zu zeichnen, wobei wir uns besonders im Porträtzeichnen übten. Unsere Freundschaft hielt bis an sein Lebensende im Jahr 2009 an. Elsässer wurde später in Deutschland mit seinen architekturbezogenen Skulpturen und Altarraumgestaltungen zu einem der bedeutendsten Bildhauern in diesem Bereich. Im Jahre 2004 entwarf er auf meine Anregung hin die Erzplatte auf dem historischen Familiengrab Mintzel im alten Sankt Johannisfriedhof in Nürnberg. Das Grab steht wie alle alten Gräber auf dem einstmaligen mittelalterlichen Pestfriedhof unter Denkmalschutz und gehört zum Weltkulturerbe. Ich werde darin also „ewig“ ruhen können.

Von Beginn meines Kunststudiums an wollte ich, so paradox das klingen mag, kein Kunstmaler werden, sondern Bühnenbildner an großen Theatern, also in ein Fach der angewandten Künste gehen. Mir schwebte eine umfassende Ausbildung vor, umfassend in dem Sinne, auch etwas von Tanz, Choreografie und Theatereffekten zu verstehen. Deshalb schrieb ich mich 1955 zugleich als Gast an der Hannoveraner Akademie für Musik und Theater ein. Diese Begeisterung war in mir vor allem durch den französischen Schauspieler und Pantomimen Jean-Louis Barrault (1910-1994) entfacht worden.

Jean Louis Barrault als Baptiste in „Die Kinder des Olymp“

Alf Mintzel, Brief an Jean Louis Barrault, 12. Aug. 1955

Barraults Auftritte als Pantomime in dem Film die „Kinder des Olymp“ (Les enfants du paradis, 1945) hatten mich so stark mitgerissen, dass ich 1955 kurz vor Beginn meines Kunststudiums einen Brief an ihn schrieb, in dem ich darlegte, ich wolle mein Talent zum Malen und Zeichnen mit dem Theater verbinden. Mein handschriftlicher Brief vom 12. August 1955 versetzt mich noch heute in Staunen über meine Naivität und Courage, mich an den weltberühmten Schauspieler zu wenden. Ich weiß nicht mehr, ob ich den Brief tatsächlich abschickte.

Alf Mintzel, Pierrot mit Tod, 1955, Öl gespachtelt auf Hartfaserplatte

Diese innere Beziehung zu Barrault und zu seiner Rolle als Pierrot fand in einem Ölbild, das ich 1955 mit einer Spachtel ausführte, ihren Ausdruck. Meinen Eltern verschwieg ich diese Kombination, mein Vater hätte ohnehin keinen einzigen Pfennig dazugelegt. Die Ausbildung an der Akademie für Musik und Theater brach ich jedoch schon bald ab. Ich hatte mir zu viel vorgenommen. Was blieb, waren die Liebe zum Tanz und ein verrückter tänzerischer Freistil.

Meine Ausbildung an der Werkkunstschule Hannover  (https://de.wikipedia.org/wiki/Kunstgewerbeschule-_und_Handwerkerschule_Hannover) fiel genau in die Zeitspanne zwischen der ersten und der zweiten Dokumenta in Kassel, zwischen die Jahre 1955 bis 1959. Die heftig geführten Auseinandersetzungen über die angeblichen Gegensätze zwischen gegenständlicher und abstrakter Kunst unter Kunsttheoretikern und bildenden Künstlern näherten sich ihrem Höhepunkt. Ich stolperte unvorbereitet, wenngleich wissbegierig in diese Kontroversen hinein und versuchte mich darin zurechtzufinden. Die Auseinandersetzungen wurden mehr oder weniger offen auch an der Werkkunstschule ausgetragen. Es schien im Jahr der zweiten Dokumenta so, als hätte die „Weltsprache der Abstraktion“ (Grohmann, 1955) endgültig den Sieg über die gegenständlichen Strömungen errungen. Allerdings arbeiteten die meisten Künstler in einem Zwischenbereich und in Nischen. Der Leiter der Abteilung der Freien Malerei und Grafik, Prof. Erich Rhein (1906-1956), verfolgte ein nach beiden Seiten offenes Lehr- und Arbeitsprogramm. Er wollte den schroffen Gegensatz nicht mitmachen, wie überhaupt die meisten Hannoveraner Künstler und Lehrer an der Werkkunstschule sich auf der Nahtstelle zwischen dem Gegenständlichen und Abstrakten bewegten, so auch Gerhard Wendland (1910-1986). Die Verunsicherung war allenthalben zu beobachten. Ich ergriff Partei für das figurative Credo, ohne den möglichen Zugang zur Welt über die Abstraktion grundsätzlich infrage zu stellen. Ich blieb der gegenständlichen Malerei treu.

Ich hatte keine Ahnung, wer der neue Lehrer war, woher er kam und welche Bedeutung ihm in der Kunst des 20. Jahrhunderts zugeschrieben wurde, als er, ein hagerer, großer Mann, als Gastdozent an der Werkkunstschule Hannover vor uns stand. Es muss im Sommersemester 1956 oder im Wintersemester 1956/57 gewesen sein. Wahrscheinlich hatte ihn ein Mitglied des Lehrergremiums zu Beginn des Kurses vorgestellt und etwas über seine Verdienste als Maler, Kunsttheoretiker und Kunstpädagoge gesagt. Es war Johannes Itten (1888-1967), der vor uns stand und einen Kurs über die Farben in der Kunst abhielt. Erst später wurde mir klar, welch wichtiger Mann in der Geschichte der „Klassischen Moderne“ mich in „Die Kunst der Farbe“ eingeführt hatte. Ich bin heute noch stolz darauf, ein Schüler Ittens gewesen zu sein. Ich gehörte zu den wenigen, die aus der Abteilung für „Freie Malerei und Grafik“ kamen. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie Itten uns – ganz entgegen der üblichen Abläufe von „Normal-Kursen“ – vor Beginn einer jeden Sitzung zu gymnastischen Übungen aufstehen ließ. Zur Einstimmung auf die Übungen in der Farblehre sollten wir uns aufrichten, unsere Arme rhythmisch schwingen und kreisen lassen, tief durchatmen und uns auf diese Weise körperlich lockern und in Schwung bringen. Diese Lockerungsübungen sollten sich dann auf den Duktus unserer Arbeit mit Farben übertragen.

Ittens großartiges Werk über die „Kunst der Farbe“ erschien in erster Auflage 1960. Ich bin sicher, dass Itten zur Zeit des Kurses, an dem ich unter seiner Leitung teilgenommen hatte, schon an diesem prächtigen kunsttheoretischen und kunstpädagogischen Werk gearbeitet hatte. Unser Kurs hatte wohl zu den „Vorkursen“ gezählt, in denen Itten seine Farbenlehre darstellte, weiterentwickelte und erprobte. Seine Einführung in verschiedene Aspekte der „Kunst der Farbe“, in die Farbenkontrastlehre, in impressive und expressive Wirkungen von Farben und Farbkompositionen sowie in die Wirkungen von Farbstufungen und Tonwerten öffneten mir die Augen und schärften meinen Blick für Bildbetrachtungen. Ich gewann zuverlässige Kriterien für die Qualität von Bildwerken. Allein schon dieser Kurs bereicherte mein ästhetisches Wissen, Sehen und Erleben in so hohem Maße, dass mein Besuch der Werkkunstschule mitnichten ein Irrweg, sondern ein großer Gewinn war. Ich habe diese nur scheinbar verlorenen Jahre nie bereut und lange davon gezehrt. Diese fruchtbare Passage lässt sich schwerlich in finanziellen Bilanzen, materiellen Bereicherungen und Karrierevorteilen bemessen.

Zu Ittens Farbenlehre gehörte auch eine Farbpsychologie, die sich unter anderem mit der individuellen Wahl von Farbklängen befasst. Jeder Kunstschüler wähle, so Itten, in seinem bildnerischen Schaffen Farbklänge aus, die er für sich stimmig und harmonisch halte. Itten glaubte aus einem subjektiv gewählten Farbakkord, aus seinem Gesamtklang, aus der Stellung der Farben zueinander, aus ihrer Richtung und aus den Mengenverhältnissen auf die psycho-physische Konstitution und Befindlichkeit ihres künstlerischen Urhebers schließen zu können. Er sah in diesen gestalterischen Momente objektive Gegebenheiten und Kriterien für die Beurteilung subjektiver Vorlieben. Er demonstrierte die von ihm behauptete psycho-physische Aussagekraft von Farbakkorden und Farbkompositionen an Schülerarbeiten, die während des Kurses entstanden waren. Die esoterischen Neigungen und gewagten Deutungsversuche von Künstlern im Umkreis des Bauhauses waren mir damals nicht bekannt. Was Itten aus den Farbakkorden künstlerischer Bildwerke herauslas, seine Interpretationen und Deutungen, schien mir plausibel zu sein.

Alf Mintzel, Selbstportrait, 1956, Öl auf Pappkarton

Nach Ittens Kurs begann ich von Neuem Porträts zu malen. Einem Porträtierten Farbe zu verleihen, bedeutet jedes Mal, sich mit seiner Persönlichkeit und Lebenswelt zu befassen. Es geht nicht nur um die äußere, abbildhafte Ähnlichkeit, sondern auch um das, was man nicht sieht, um den individuellen Farb-Charakter. Platt formuliert: Welche Farben und Farbkompositionen entsprechen der „inneren“ Person? Es geht zudem um zwei verschiedene Annäherungen: um die künstlerische Auseinandersetzung mit einem Anderen oder mit der eigenen Person beim Selbstporträt. Wer ist der Andere wirklich? Wer bin ich im Augenblick meiner Selbstdarstellung? Mein Selbstporträt aus dem Jahre 1956, ein hochformatiges Ölbild auf Pappe, war in seiner farbigen und farbkompositorischen Machart höchstwahrscheinlich unter dem Einfluss der Ittenschen psychisch-physischen Farbenlehre entstanden: Ich trete mit hoch aufgerichteter Körperhaltung von links nach rechts ins Bild. Es ist ein beunruhigender Auftritt in einer imaginären Räumlichkeit. Mein skeptisch prüfender Blick ist auf den Betrachter gerichtet. Damals fühlten sich Menschen, die mir begegneten, von meinem stechenden Blick unangenehm berührt. Diese Fremdbeobachtung habe ich wohl intuitiv erfasst und festgehalten. Hinnerk Schrader (1932-1989), der spätere Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig, der zu meiner Zeit noch an der Werkkunstschule Hannover bei Erich Rhein Freie Malerei und Grafik studierte, sagte zu meinen Porträts: „Der Mintzel, der kann malen.“ Hinnerk gehörte damals schon zu den arrivierten Kommilitonen, deren Urteil wir Jüngeren und Anfänger gern hörten.

Alf Mintzel, Mein Bruder Reinald, 1956, Öl auf Holzfaserplatte

Professor Erich Rhein (1902-1956) leitete von 1947 bis zu seinem frühen Tod die Abteilung Freie Malerei und Grafik. Ich erinnere mich an einen kleinen, höchst agilen Mann, der während des Semesters wöchentlich mehrmals am Arbeitsplatz erschien, in dem großen Saal der Abteilung von einer Staffelei zur anderen schritt und mit seinen Schülern deren Arbeitsergebnisse besprach. Wenn er an meine Staffelei trat, blieb es bei wenigen Worten. Nur einmal, so erinnere ich mich, blieb er länger stehen und befasste sich eingehend mit der Machart eines Ölbildes, das ich gerade malte. Es zeigte eine Straße entlang hoher Hausmauern und einen knappen Himmelsausschnitt. Auf dem schmalen, horizontal verlaufenden Gehsteig gingen ein paar Leute. Das war für den eher dekorativ-verspielt arbeitenden Rhein zu öde. Er wollte auf den Farbflächen der hohen Mauern wenigstens ein paar Kratzspuren sehen. Mit dem Pinselende Eingraviertes sollte etwas Leben ins Bild bringen. Seine Empfehlung entsprach aber nicht meiner Bildidee, und so blieb es in diesem Fall bei der etwas „trostlosen“ Malerei. Ein anderes, von mir mit kräftigem Pinselstrich und dynamischem Duktus ausgeführtes Ölbild, ein Halbakt, fand dagegen sein Gefallen. Mehr als von Rhein selbst lernte ich im Grunde von dessen älteren Schülern, denen er sich vornehmlich zuwandte.

Alf Mintzel, Straße in einer Großstadt, 1956, Öl

In den Jahren 1955/56 arbeitete Rhein an der Endfassung seines Lehrbuches über „Die Kunst des manuellen Bilddrucks“, einer „Unterweisung in den graphischen Techniken“. Die von dem Druckermeister Erich Jaeckel geführte Druckwerkstatt bot ihm eine ideale Möglichkeit, sich auf „Die Kunst des manuellen Bilddrucks“ zu konzentrieren, die technischen Probleme durchzuspielen und in Lehrbeispielen aufzuzeigen. Sein Standardwerk zeugt zugleich davon, wie offen er gegenüber den künstlerischen Spielarten seiner Schüler war. Er ließ uns gewähren. Wir durften Techniken und Stile frei wählen und erproben, welche Technik wir gerade bevorzugten. Er unterrichtete nicht doktrinär eine Machart, weder die „abstrakte“ noch die „gegenständliche“. Er sah in den beiden, damals in einen scharfen Gegensatz geratenen großen Strömungen gleichermaßen künstlerische Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten. Ich lernte in seiner Abteilung vor allem die „grafischen Zwischenverfahren“ anzuwenden, insbesondere die Technik der Monotypie und des Linolschnitts. Die theoretische und praktische Ausbildung diesen Techniken vermittelte mir solide handwerkliche Kenntnisse, mit denen ich später bei der Betrachtung von Kunstwerken auf objektive Qualitätsmaßstäbe zurückgreifen konnte. Rhein aß im Dezember 1956 in den vorweihnachtlichen Tagen ungewaschene italienische Weintrauben und ging an den gespritzten Giftstoffen zugrunde.

Mein Kommilitone und enger Freund Jürgen Krengel (http://www.prof-dr-alf-mintzel.de/essay-ueber-den-kuenstler-juergen-krengel/einleitung/) brachte es schon damals zu einer erstaunlichen Fertigkeit. Er schuf großformatige Lithografien von hoher technischer und bildnerischer Qualität.  Sein künstlerisches Schaffen dokumentierte ich erst kürzlich in meinem Essay „Fundsache Stillleben“, den ich zeitnah auf meiner Homepage veröffentlichen werde. Jürgen Krengel hat sich zeitlebens seiner Kunst gewidmet, lebte jedoch äußerst zurückgezogen und machte von seiner Person und seinem Werk nicht viel Aufhebens. So kommt es, dass der bedeutende Künstler bei Wikipedia nicht einmal als Schüler der Werkkunstschule Hannover geführt wird. Auch sonst gibt es im Internet kaum Spuren seines Schaffens.

Alf Mintzel, Halbakt, 1957, Öl

Aus meiner ursprünglichen Absicht, das Handwerk eines Bühnenbildners zu erlernen, wurde nichts. Die Werkkunstschule Hannover war dafür nicht die richtige Ausbildungsstätte gewesen. Es gab keine Kursangebote, die in dieses Metier eingeführt hätten. Insofern hatte ich 1955 blauäugig die falsche Wahl getroffen. Nur einmal wurde ich vor eine bühnenbildnerische Aufgabe gestellt, und diese Aufgabe hatte nicht im Lehrprogramm der Werkkunstschule gestanden. Es war die Verwandlung der großen Räume auf den Stockwerken der Hannoveraner Akademie für Musik und Theater in eine riesige Faschingsbühne. Studierende der Werkkunstschule und der Akademie richteten jährlich zusammen ein mehrtägiges Faschingsfest aus. Die Studierenden der Werkkunstschule fanden sich hierzu mit meterlangen Papierrollen, vielen Farbkübeln und Pinseln ein, um die Akademie in eine Riesenbühne zu verwandeln. Die dekorative Malerei musste großflächig angelegt werden, um die gewünschte optische Wirkung von Kulissen zu entfalten. Es war Hinnerk Schrader, der mir einen breiten Borstenpinsel in die Hand drückte und mich in die großflächige Kulissenmalerei einwies. Zwei Tage lang malte ich wild drauflos und war schon fix und fertig, bevor der Faschingsball begann. Auf dem Fest tobte ich mich bis zur endgültigen Erschöpfung aus. „Da ist ein Verrückter“, sagte mein späterer Künstlerfreund Jürgen Krengel zu Kommilitonen und deutete auf mich. Am Ende der vier Tage und Nächte halluzinierte ich und sah auf dem Heimweg an den dunklen Häuserfronten schwarze lange Flaggen wehen. Das war das Ende meiner „Bühnenmalerei“.

10. Der Selbstmord meines Bruders: „Das Drama von Würzburg“

Die Entwicklung meines um gut drei Jahre jüngeren Bruders Heinrich verlief schrecklich. Es schien, als hätten sich in ihm alle bösen Mächte einquartiert, um ihn ins Unglück zu treiben. Er geriet wie ich in den Jahren zuvor in pubertäre Turbulenzen, schloss sich einer Jugendbande an, beteiligte sich an Einbrüchen und Diebstählen, strauchelte und nahm sich 1954 nach einer ungeheuerlichen Tat kurz vor seinem sechzehnten Geburtstag das Leben. Hein, so war sein familiärer Kosename, endete elend durch das Gift E 605, das damals jedermann im Handel kaufen konnte. Sein unglückliches Leben und elendes Sterben hinterließen in meinem Leben tiefe Spuren. Ich fühlte mich lebenslang schuldig, weil ich ihm in seiner Not nicht hatte beistehen können.

Meine Eltern hatten mir, dem Ältesten in der Geschwisterrunde, die Aufsicht über die Jüngeren übertragen und mich zum verlängerten Arm ihrer zweifelhaften Autorität gemacht. Meine Mutter hatte mich wiederholt beauftragt, Hein von der Straße nach Hause zu holen und ihn, falls er sich widersetzen sollte, zu verprügeln. Das hatte das brüderliche Vertrauensverhältnis zerstört. Hein hatte in der Familie keinen liebevollen Hort, niemand konnte sich wirklich in seine Nöte einfühlen, einen hilfreichen Zugang zu ihm finden. Sein Freitod, um diese euphemistische Bezeichnung zu gebrauchen, war eine auf sich selbst gerichtete Extremisierung von Gewalt, der Untaten vorausgegangen waren.

Heinrich „Hein“ Mintzel, um 1950/51; geb. 19.10.1938, gest. 18.09.1954

Der Schwererziehbare

Hein wurde am 19. Oktober 1938 geboren, am Geburtstag unserer Mutter. Zwei Geschwister wurden vor, zwei nach ihm geboren. Heins Start ins Leben wurde vom Krieg überschattet. Er wurde im September 1944 eingeschult, konnte aber wegen der Kriegsereignisse fast ein Jahr lang nicht zur Schule gehen. Trotzdem wurde die verlorene Schulzeit nach dem Krieg mitgezählt, als sei sie absolviert worden. Hein blieb durch alle Volksschulklassen hindurch ein schlechter Schüler. In seinen Zeugnissen wurden wiederholt sein schlechtes Betragen und seine Faulheit gerügt. In seinem Entlassungszeugnis aus der Volksschule stand: „Fleiß und Aufmerksamkeit des Schülers entbehrten der Stetigkeit. Sein schulisches und außerschulisches Betragen gab zu Tadel Anlass.“ Mein Vater sah in ihm einen Versager und ließ ihn seine Enttäuschung, ja Verachtung deutlich spüren. In seinen Augen war ein Mensch ohne Abitur und Universitätsstudium weniger wert.

Nach dem Umzug meiner Familie nach Würzburg schloss sich Heinrich dort einer Jugendbande an. Die Jugendlichen machten sich einen Spaß daraus, abends im Stadtpark Mädchen aufzulauern und zu bedrängen. In der beim Luftangriff vom 16. März 1945 in Schutt und Asche gelegten Stadt wurden in vielen Straßen die Wohnhäuser wieder aufgebaut, eines nach dem anderen. An den Grundstücken standen Bauwagen, die den Handwerkern tagsüber als Unterkunft dienten und in die über Nacht Geräte eingeschlossen wurden. Die Bauarbeiter, kräftige Biertrinker und Raucher, deponierten darin auch Alkohol und Tabak. Die Jugendbanden brachen auf ihren nächtlichen Streifzügen diese Bauwagen auf und stahlen Bierflaschen und Zigaretten.

Nachdem Hein 1953 die Volksschule abgeschlossen hatte, schoben ihn unsere Eltern in ihrer Ratlosigkeit in das bei Nürnberg gelegene evangelisch-lutherische Erziehungsheim Rummelsberg ab. In diesem Heim, das eigene Werkstätten unterhielt, konnten „Fürsorgezöglinge“ verschiedene Handwerke erlernen. Fanden die Zöglinge keinen Ausbildungsplatz oder wurden sie aus der Werkstatt verwiesen, mussten sie als Knechte in der Landwirtschaft mitarbeiten. In diesen kirchlichen Anstalten war psychische und physische Gewalt gegen Kinder und Jugendliche an der Tagesordnung. Hein ging es dort nicht gut. Die strengen Heimregeln wurden damals brachial durchgesetzt. Schon aus geringen Anlässen zu prügeln, war damals rechtens und gang und gäbe. Was mag meinem Bruder in dieser evangelischen Erziehungsanstalt widerfahren sein? Worüber traute er sich nicht zu sprechen? Mein Bruder wollte nach Hause zurück, riss mehrmals aus und brach seine Lehre ab. In Briefen flehte er meinen Vater an, wieder nach Hause zurückkehren zu dürfen. Noch heute erschüttern mich sein Bitten, Flehen, sein fast völlig gebrochenes Selbstwertgefühl und sein Wille, den Teufelskreis von Willkür, Gewalt, Versagen und Flucht zu durchbrechen. Ein paar Auszüge aus seinen Briefen mögen dies veranschaulichen.

06.01.1954: „Lieber Papa! (…) Ich will jetzt unbedingt aus dem Heim. Du zahlst Dein Geld sowieso umsonst, denn wenn man nicht selbst zur Vernunft kommt, nützt das Heim auch nichts. Durch das Heim ist das nur beschleunigt worden. Wenn man sich mit den anderen abgibt, wird man noch blöder. Wenn nicht, dann wird man immer verachtet. Bis jetzt habe ich Euch noch nichts sagen trauen. Vor dem Essen muß man sich erst um einen Stuhl und einen Teller raufen, denn meistens fehlt etwas, wenn dann einer keinen Stuhl oder Teller hat, dann nimmt er ihn vom anderen. Zum Schluss habe ich dann keinen Teller, weil ich mich ausschließe und nicht überall mitmache. (…) Wenn man was sagt, dann soll man woanders hin oder heim gehen. So bin ich angeredet worden. Im Zimmer singt der eine lauter als der andere (…) Jetzt haben die anderen wieder eine Wut auf mich (…). Wenn ich in der Gruppe etwas sage, bekomme ich eine auf den Mund. Solls einen da gefallen? Es ist auch nicht so, daß man wegen der Lehrstelle im Heim bleibt, denn in der Schlosserei sind 32 Lehrlinge, wenn 20 beschäftigt sind, sind es sehr viele, die neuen Lehrlinge kommen überhaupt nicht an die Arbeit. Wie [als] ich nach Arbeit fragte, sagte der Gehilfe: was kannst du schon, du hast ja noch nie gelernt. Nach Weihnachten ging ich zum Meister und sagte, er soll mich so einteilen, dass ich was lerne. Die Antwort, wenn dir was nicht passt, gehst raus. Auf alle Fälle ist es nicht mehr zu meinem Guten, wenn ich noch länger im Heim bleibe. Natürlich habe ich daheim [in Würzburg] keine Lehrstelle, aber ich kann ja 1 – 2 Monate als Bäcker lernen, da stehen alle Tage ein paar [Stellenangebote] in der Zeitung. Bis ich eine andere Stelle habe, könnte ich vielleicht auch Mama helfen. Wenn ich noch länger im Heim bleiben muss, dann kann ich mich nicht mehr beherrschen. Oft könnte ich sämtliche Sachen zum Fenster raushauen. Bei jeder Gelegenheit wollte ich durchgehen [aus dem Heim flüchten], dann geht alles wieder von vorne an. Dein Hein.“

18.01.1954: „Meine Lieben! (…) Ich glaube. dass mir die Lehrzeit nicht anerkannt werden kann, weil ich noch nicht allzu viel weiß. Deshalb könnt Ihr, wenn es möglich ist, eine Lehrstelle als Elektriker besorgen. (…). Alf möchte so gut sein und das Buch, das Inge Lu von mir hat, auch mitschicken (…). Mit herzlichen Grüßen! Euer Hein.“

02.02.1954: „Meine Lieben! (…) Wie geht es Euch und Tante? Mir geht es zur Zeit nicht besonders gut, ich habe immer Magenschmerzen. In der Werkstatt ist jetzt auch immer Arbeit für mich (…). Ich freue mich auf einen Brief von Euch. Mit herzlichen Grüßen. Euer Hein.“

04.02.1954: „Lieber Papa! Heute muss ich Dich nochmals enttäuschen (…). Nachdem ich aber schon zwei Mal ohne Erlaubnis nicht in der Werkstatt war (weil ich heimgefahren bin), hat mich der Meister heimgeschickt [er meint wohl: aus der Werkstatt verwiesen]. Nun bin ich wieder einfacher landwirtschaftlicher Knecht. Wenn Du jetzt auch aufgibst, ich gebe noch nicht auf. (…) Ich werde jetzt bis April noch in der Landwirtschaft arbeiten. Wenn Du nicht mehr willst, dann kannst Du es mir schreiben. Bei mir ist Hopfen und Malz verloren, da kann man nichts mehr ändern. Schreibe mir bitte sofort. Ich bin es nicht wert, dass Ihr für mich die 115 DM im Monat zahlt. Grüße bitte Mama von mir. Mit herzlichen Grüßen. Dein Hein.“

26.02.1954: „Meine Lieben! (…) Habt Ihr schon eine Lehrstelle für mich in Aussicht oder ist es ganz aussichtslos bis April eine Lehrstelle als Elektriker zu bekommen? Wegen der Lehrstelle mache ich mir große Sorgen! Hoffentlich wird alles klappen. (…) Ich freue mich sehr, wenn ich wieder bei Euch in Würzburg wohnen darf! Mit herzlichen Grüßen an alle. Euer Hein.“

Trostlosigkeit, Hilferufe, Verzweiflung, Wut. Hein hatte keine Chance, aus diesen Missständen im Heim ohne schwerste Blessuren herauszukommen. Am 11. Januar 1954 sandte der Anstaltsleiter Dr. Schaubert an unseren Vater ein Telegramm folgenden Inhalts: „Heinrich heute Morgen ohne Grund entwichen.“ – „Ohne Grund“? Hein hatte in seinem Brief vom 06.01.1954 seine Absicht, aus dem Heim auszureißen mitgeteilt und seine Beweggründe ausführlich geschildert. Wer hätte ihm aber schon geglaubt? Die Aufdeckung von offenem und verschwiegenem Machtmissbrauch, von autoritärer Willkür und möglicherweise auch sexueller Übergriffe wäre damals, wie später eine haarsträubende Missbrauchsaffäre an den Rummelsberger Anstalten ans Tageslicht brachte, so gut wie unmöglich gewesen (http://www.suedeutsche.de/bayern/affaere-an-den-rummels 05.04.2016).

Meine Eltern sahen schließlich wohl ein, dass sein Aufenthalt im Erziehungsheim nicht die gewünschte „Resozialisierung“ brachte, sondern den Jungen zu zerbrechen drohte. Sie holten ihn im Juni 1954 zurück. Er wohnte wieder bei uns zu Hause. Hein und ich teilten uns ein Zimmer als Schlaf- und Arbeitsraum, doch lebten wir mehr nebeneinander als miteinander. Hein der Sündenbock der Familie geworden.

Brüderlicher Sommer

In den Sommermonaten Juli und August 1954 führten uns dann zwei Unternehmungen ein letztes Mal wirklich brüderlich zusammen. Wir arbeiteten beide auf dem Würzburger Kilianifest in einer Wurfbude, um Geld für eine gemeinsame Anhalter-Tour durch Bayern in die Alpen zu verdienen. Wir trampten im August bis nach Garmisch-Partenkirchen, übernachteten häufig in freier Natur oder in Scheunen und genossen das „wilde Leben“ von Trampern. Dabei fielen mir durchaus fragliche und kleinkriminelle Verhaltensweisen Heins auf, etwa sein Diebstahl einer vollen Zigarettenpackung aus dem Fond eines Autos, dessen Fahrer uns mitgenommen hatte. Auf dem Weg zurück wurde ich krank. Hohes Fieber veranlasste mich, in Kaufbeuren ein Krankenhaus aufzusuchen. Hein fand bei einer bäuerlichen Familie Unterschlupf, bei der wir genächtigt hatten. Mein Krankenhausaufenthalt zog sich hin, in einer blutigen Operation wurde ein Teil meiner Nasenscheidewand entfernt, weil die Ärzte dahinter eine Vereiterung vermuteten. Das medizinische Ergebnis: Ich konnte seither besser durch die Nase atmen. Ich hoffte, dass Hein bis zu meiner Entlassung bei der bäuerlichen Familie bleiben könnte. Es kam anders. Unerwartet besuchte mich der Bauer und berichete besorgt über Heins Verhalten. Hein mache sich an die Mädchen heran, stifte Unfrieden und störe bei der Arbeit. Er müsse nach Hause geholt werden. Der im Grunde gutwillige Bauer wollte nicht mehr die Verantwortung für Hein übernehmen. Eigentlich wären nun meine Eltern, allen voran mein Vater, am Zuge gewesen, sich um uns zu kümmern und uns zurückzuholen. Mein Vater weigerte sich jedoch, nach Kaufbeuren zu kommen. An dieser schroffen Weigerung zerbrach sogar die Freundschaft mit seinem besten Jugendfreund, der 1935 mein Patenonkel geworden war. Er hatte es für unverantwortlich und erbarmungslos gehalten, Hein und mich nicht zu besuchen und uns nicht mit nach Hause zu nehmen. Mein Vater hatte wieder nach dem Grundsatz gehandelt, wer seine Söhne liebt, der behandelt sie mit ganzer Härte. Seine finanziellen Kräfte wurden allerdings auch wiederholt durch Sonderausgaben belastet, die unsere Eskapaden mit sich brachten. Wir Söhne waren eine kostspielige Brut, die die Geduld und elterliche Liebe auf harte Proben stellte.

Hein gewann im Mai 1953 beim Jugendbuch-Ausschreiben der Franck’schen Verlagsbuchhandlung den 3. Preis, ein Paar Skier. Er war zu dieser Zeit Schüler der Pestalozzischule Würzburg. Im Beisein seiner Schulklasse und des Rektors der Schule wurden ihm in er Universitätsbuchhandlung Schöningh die Skier überreicht. In seinem kurzen Leben vermutlich das letzte Erfolgserlebnis.

Nichts von all dem, was passiert war, ließ jedoch Heins dramatische Kurzschlusshandlung erwartenen. Doch nach der Rückkehr nach Würzburg nahm das Drama seinen Lauf: Heins größter Wunsch war es in den Jahren 1953/54 gewesen, sich einen Plattenspieler und Schellackplatten kaufen zu dürfen. Er hatte eine Vorliebe für amerikanischen Jazz. Mein Vater hatte jedoch nicht das geringste Verständnis für diesen Wunsch, er war strikt gegen „Negermusik“. Als Hein sich auf kriminellem Wege einen Plattenspieler zu beschaffen versuchte, geriet er in eine für ihn auswegslose Situation. Er irrte in der Stadt umher, rief ein letztes Mal meine Mutter aus einer Telefonzelle an und fand kein Gehör. Meine Mutter soll gesagt haben: „Du brauchst erst gar nicht mehr nach Hause zu kommen!“ Er ging daraufhin, so wurde berichtet, in ein Musikgeschäft, ließ sich ein Schallplatte reichen, verschwand in einer Hörkabine, legte die Platte auf, drehte die Lautstärke hoch und nahm ein Gift ein, das rasch wirkte. „Helft mir!“ schrie er im Todeskampf, so wurden mir seine letzten Worte zugetragen. Doch niemand konnte ihm helfen. Nach einer anderen Version des Hergangs soll meine Mutter ihn inständig gebeten haben, wieder heimzukommen. Was war wirklich geschehen? Ich war zu dieser Zeit nicht in Würzburg, ich war nicht dabei.

Sensationsberichte, Spießrutenlauf und Beerdigung

Berichterstattung in der Münchner Illustrierten

Für meine Eltern und uns Geschwister wurde Heins Tod zu einem Spießrutenlauf. Jeder wusste, was passiert war. Die Würzburger „Main-Post“, das „Würzburger Volksblatt“, der „Stern“, die “Münchner Illustrierte“, „Die Bunte“ und andere Presseorgane und Magazine hatten mit bebilderten Sensationsberichten auf das Familiendrama aufmerksam gemacht und hierdurch Neugierige angelockt. Ich erlebte die mediale Berichterstattung als eine persönliche Katastrophe, fühlte mich mit der Familie an den öffentlichen Pranger gestellt.  Wir schämten uns. Die Würzburger „Main-Post“ schilderte am 24. September 1954 in ihrem Bericht unter dem Titel „Bei Schallplattenmusik tödliches Gift getrunken“ den Hergang. reißerisch so:

„Am Samstag hat sich ein junger Mensch das Leben genommen. Wir haben über diese Tatsache in unserer Montag-Ausgabe kurz berichtet und wollten es bei dieser Notiz bewenden lassen, wenn die polizeilichen Ermittlungen nicht eine furchtbare Tragödie im Hintergrund dieses Selbstmordes ergeben hätten. Der 16 Jahr alte Schüler, der als letzten Ausweg das Einnehmen von Gift sah, ist der mißratene Sohn einer anständigen Familie, der er schon immer viel Kummer bereitet hat. Heinz hatte am Tage vorher seine 81 Jahre alte Tante, der er 250 Mark gestohlen hatte, mit einem Pflanzenschutzmittel vergiften wollen, damit dieser Diebstahl nicht aufkommen sollte. Wie durch ein Wunder ging sein teuflischer Anschlag fehl. Der Kriminalpolizei ist der Bursche nicht unbekannt gewesen. Er gehörte einer Rotte von Halbwüchsigen an, die mehrere Diebstähle begangen, Autos geknackt hatten und auf dem besten Weg waren, Berufsverbrecher zu werden. Die Eltern versuchten ihren Sohn in einer Erziehungsanstalt zu bessern. Aber Heinz war wohl schon zu sehr auf die schiefe Bahn gekommen. Vor etwa drei Wochen aus der Anstalt zurückgekehrt, sann er, wie er zu Geld kommen könnte. Die alte Tante, die bei der Familie wohnt, hatte Geld. Er stahl es, kaufte davon einen Plattenspieler und Jazzplatten. Jazzmusik war seine große Leidenschaft. Dann reifte in ihm der Plan, die alte Frau aus dem Wege zu schaffen, damit sie den Diebstahl nicht bemerken sollte. Beim Mittagessen tröpfelte er unbemerkt ein Planzenschutzmittel in den Suppenteller der Frau. „Das riecht doch so komisch“, meinte die Tante, als Heinz, seine Schwester und die Mutter um den Tisch saßen. Heinz gab keine Antwort. Als seine Mutter einen Löffel kostete, tat er auch nichts, sie daran zu hindern, obwohl er wusste, daß die Suppe tödliches Gift enthielt. Seine Mutter musste sich sofort übergeben, die Suppe wurde weggeschüttet und es wurde weitergegessen. Noch ahnte niemand, daß hier ein Anschlag gegen das Leben einer alten Frau vorbereitet war. Später entdeckte die Tante, daß aus ihrer Tasche 250 Mark fehlten. Als Heinz weggegangen war, angeblich wollte er zu einem Freund, und der Vater kam, fiel es allen bei der Unterhaltung über das verschwundene Geld und den Vorfall beim Mittagessen wie Schuppen von den Augen. Heinz wollte die Tante umbringen! Der Junge blieb die ganze Nacht aus und rief erst am nächsten Morgen an. Ob alles in Ordnug sei, wie es der Tante gehe, wollte er wissen. Die Mutter tat, als sei nichts weiter vorgefallen. Er solle ruhig nach Hause kommen. Heinz kam aber nicht mehr. Er ging in ein Radiogeschäft, ließ sich mehrere Schallplatten geben und ging damit in eine Abhörkabine, wo er sie abspielen ließ. Der Geschäftsinhaber wurde stutzig, als die Musik plötzlich laut wurde. Er sah nach, fand die Tür der Kabine weit offen und den Jungen zitternd auf einem Hocker sitzen. Am Boden war eine Limonadenflasche mit einem kleinen Rest darin und ein Tintenglas, das, wie sich später herausstellte, auch noch Reste des gleichen Pflanzenschutzmittels enthielt, mit dem Heinz seine Tante hatte ermorden wollen. „Ich habe Gift getrunken“, sagte der Junge mit tonloser Stimme, „in fünf Minuten bin ich tot.“ Ein Kunde, der sich zufällig im Geschäft befand, steckte Heinz sofort einen Finger in den Mund, worauf sich der Bursche übergeben mußte. Aber es war zu spät, kurze Zeit nach seiner Einlieferung in ein Krankenhaus starb Heinz, obwohl die Ärzte alles daran gesetzt hatten, um ihn noch zu retten. Als dem Vater die Nachricht überbracht wurde, daß sein Sohn sich das Leben genommen hatte, sagte er: „Das war wohl das beste, ich hätte ihn ja doch wegen Mordversuchs anzeigen müssen.“ (Main-Post Nr. 221, 24.09.1954).

Hein starb erst einen Tag später an den grässlichen Wirkungen, die das Gift auf die inneren Organe hatte. Die Ärzte hatten, wie meine Schwester erzählt, meinen Eltern geraten, ihn sterben zu lassen.

Die Printmedien hatten „Das Drama von Würzburg“, wie es die „Münchner Illustrierte“ in großen Lettern tituliert hatte, in ihren Berichten noch mit drastischen Formulierungen und angeblich wörtlichen Zitaten ausgeschmückt. Die „Münchner Illustrierte“ hatte sogar zu einer großformatig nachgestellten Situation auf der abgegildeten Fotografie „Die Schallplatte des Todes“ laufen lassen und ein Coca Cola-Flasche und das angebliche Giftgläschen daneben gestellt. Bildkommentar: „Die Schallplatte des Todes drehte sich gespenstisch, als man den 16jährigen Heinz Mintzel fand. Eine verglommene Zigarette klebte zwischen seinen Fingern, das hübsche Gesicht war starr. Aus dem Lautsprecher dröhnte es: ,Cock a Doodl doo‘. “

Das Wort Trauma wird in solchen Fällen rasch im Munde geführt. Es war aber so, jeder einzelne der Familie war traumatisiert. Mein Vater und ich gingen als einzige Familienmitglieder vor seiner Beisetzung in das Leichenschauhaus, um einen letzten Blick auf ihn zu werfen. Er lag aufgebahrt im Raum. Sein blass-wächsernes Gesicht verriet nichts mehr von seinem dramatischen Todeskampf. Aus seinem linken Mundwinkel quoll eine dunkele, sirupfarbene Flüssigkeit der Verwesung. Ich war innerlich erstarrt, wechselte mit meinem Vater kein Wort und schaute unverwandt auf meinen Bruder. Er lag unerreichbar vor uns, als habe er nichts mehr mit uns zu tun. Die rituelle Formel „von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen!“ gewann in diesem Augenblick einen kosmischen Sinn. Wir verließen tief bedrückt den Raum. Das Bestattungsamt stellte für den letzten Blick auf den Verstorbenen eine „Leichengebührerhöhung“ von einer Deutschen Mark in Rechnung (Kostenaufstellung vom 20.09.1954).

Hein wurde in Würzburg beerdigt und nicht im Nürnberger Familiengrab beigesetzt. Meine Mutter wollte ihn, wie sie sagte, in ihrer Nähe haben und jederzeit an sein Grab gehen können. Der Friedhof lag gegenüber der Straße, in der wir wohnten. An den Inhalt der Predigt des Pfarrers kann ich mich nicht mehr erinnern, nicht an ein einziges Wort des Trostes. Viele Fragen blieben offen. War Hein bereits im Rummelsberger Landwirtschaftsbetrieb an das Gift herangekommen? Damals waren solche Mittel leicht zugänglich. Hatte er sich schon in Rummelsberg mit dem Gedanken getragen, sich das Leben zu nehmen? War es dann eine Übersprungshandlung gewesen, seine Tante zu vergiften, obwohl er ihr, wie viele Briefe bezeugen, herzlich zugetan war? Er hatte sie immer grüßen lassen und sich nach ihrem Befinden erkundigt. Ich glaube nicht, dass mein Vater sich darüber ernsthaft Gedanken machte. Seine rigiden Erziehungsmaximen gingen einher mit einer tiefen Verachtung der Psychologie. Meine Mutter hatte sich hingegen intuitiv um eine fachpsychologische Beratung bemüht und ein paar Adressen erhalten, war jedoch ohne Hilfe geblieben. Meine Eltern redeten sich ein, meinem Bruder seien ungünstige Charaktereigenschaften mit ins Leben gegeben worden. Unsere Eltern schrieben somit, um den Schock zu bewältigen und sich selbst zu entlasten, Hein selbst die Schuld an seinem Unglück zu. Im Jahr, in dem mein Bruder sich das Leben nahm, schrieb der Psychoanalytiker C. G. Jung: „Wenn wir an einem Kind etwas ändern wollen, sollten wir zuerst prüfen, ob es sich nicht um etwas handelt, das wir an uns ändern müssen.“

Die bitterste innere Verletzung und Demütigung, die ich nach der Berichterstattung über den Tod meines Bruders erfuhr, war das strikte Hausverbot, das die Eltern meiner späteren Frau über mich verhängten. Die Eltern Schaltenbrand drängten ihre Tochter, den Verkehr mit mir abzubrechen. Ich sei, wie die Untaten meines Bruders gezeigt hätten, kein ins Professorenhaus Schaltenbrand passender Freund. Ich käme nach allem, was man so höre, aus einer zweifelhaft beleumundeten Familie. Ich selbst sei ein schwieriger Fall und Vagabund. Der Umgang mit mir sei schädlich. Meine spätere Frau trotzte den üblen Nachreden und stand zu mir. Vom Herbst 1954 bis Anfang 1957 konnten wir uns nur heimlich treffen und schreiben. Meine Schwester, die zu jener Zeit in Würzburg eine Buchhandelslehre absolvierte, diente uns als Zwischenadresse, über die meine Briefe umgeleitet wurden. Weit über hundert Briefe stammen aus dieser Zeit, in der es noch keine digitale Kommunikation gab, die es ermöglicht hätte, unauffällig miteinander zu korrespondieren.

Tote kehren in Träumen zurück

Mein Bruder hatte auch ein empfindsames Gemüt. Diese Seite seiner zerbrechlichen Persönlichkeit war vernachlässigt und misshandelt worden. Der familiäre Alltag mit seinen Schroffheiten und Autoritätskonflikten hatte den Jungen erdrückt. Seine einfühlsame Seite war vier Jahre zuvor in den Augusttagen des Jahes 1950 zum Vorschein gekommen, als unser Großvater Mintzel im Sterben lag. Großvater war in seinen letzten Tagen aus seiner kleinen stickigen Kammer ins Kinderzimmer verlegt worden, wo ein großes, hölzernes Doppelbett stand. In dem alten Ehebett – es stammte aus dem ehemaligen Haushalt meines Großvaters – hatten Hein und ich in der Nachkriegszeit geschlafen. Wir beide hatten nun auf einer Seite zusammenrücken müssen, damit Großvater auf der anderen Platz hatte. Unsere Mutter hatte meinen Bruder und mich mit der Aufgabe betraut, nachts am Sterbebett zu wachen und zu rufen, „wenn es soweit sei“, und uns damit sicherlich psychisch überfordert. Wir hatten uns mehrere Nächte lang in der Nachtwache abgewechselt und dem Atmen des Großvaters gelauscht. Dieser starb am frühen Morgen des 30. August, nachdem Hein die Wache pflichtbewusst und still übernommen hatte. Hein war erst zwölf Jahre alt, als er neben dem sterbenden Großvater lag und dessen Todesstunde miterlebte. Großvaters letzte Atemzüge, ich höre sie noch heute, waren unerträglich. Ich nahm, um meine aufgewühlten Gefühle zu „versachlichen“, meine Armbanduhr und verfolgte auf dem Ziffernblatt den Sekundenzeiger. Nach drei schwächer werdenden Atemzügen starb er. In den nächsten Nächten meinte ich, meinen Großvater noch durch die Gänge der Wohnung schlurfen zu hören.

Meinen Bruder und mich hatten diese Tage innerlich tief verbunden. Wir hatten nach dem Hinscheiden unseres Großvaters in einem existenziellen Gespräch verabredet, dass wer von uns zuerst sterbe, sich beim anderen aus dem Jenseits melden und berichten solle. Ob diese Abmachung auf einem Jenseitsglauben beruhte oder nur eine Frage der Neugier war, ob es so etwas wie ein Jenseits geben könnte, kann ich nicht mehr beantworten. Ich glaube, dass mich damals Jenseitsvorstellungen beunruhigten. Hein meldete sich indes nicht. Stattdessen zeigte er sich Jahrzehnte lang in meinen Albträumen. Diese waren das verschlüsselte Jenseits, aus dem er hervortrat. Es scheint, als sei die Seele eines engen Familienangehörigen auch nach seinem Tod noch als Geist vorhanden, weil die innere Kommunikation mit ihm anhält. Der Verstorbene ist nach wie vor ein integraler Bestandteil des eigenen seelischen Beziehungssystems. Vielleicht rührt daher der uralte Geisterglaube. In Träumen sprach ich oft mit meinem Bruder, der in seiner Gestalt, seinen Eigentümlichkeiten und seiner Stimme so lebendig schien wie der Mensch, den ich aus den vertrauten Tagen unseres Miteinanderseins erinnerte. Es fühlte sich so an, als sei er wirklich da. Dahinter stand immer mein eingebranntes Schuldgefühl, als Bruder versagt zu haben. Sein Tod machte es unmöglich, Böses wieder gutzumachen.

Am 11. Januar 1996, rund 51 Jahren nach seinem qualvollen Tod, begegnete ich Hein nachts in einer typischen Nachkriegssituation wieder. Im Traum „kletterte ich mit ihm in den Nürnberger Ruinen umher. Wir schauten in offene Kellergewölbe bis in schuttbedeckte Winkel und Ecken hinein. Plötzlich rutschte mein Bruder über Geröll durch Engpässe hinab in einen halb verschütteten Raum. Er wurde von dem nachrutschenden Erdreich begraben. Ich konnte ihn nicht retten, und jeder Rettungsversuch wäre wohl vergeblich gewesen.“ (Notizen & Skizzen, Band 2, 11.01.1996). Dieser Albtraum verband zwei meiner Schreckensszenarien mit seinem Tod: Die Trümmerberge und ihre dunklen Höhlungen aus der Kriegszeit.

Am 17. April 1999: „Im Traum erlebe ich einen Streit mit meinem verstorbenen Bruder Heinrich (Hein). Wir raufen und schlagen uns auf einem Gehsteig. Ich treffe ihn so schwer, dass er taumelt und stürzt. Er schlägt vor mir auf der Bordsteinkante auf und bricht sich das Genick. Er ist tot. Im Traum scheine ich an seinem Tod folglich direkt schuld zu sein. Nach diesem Ereignis, das mich entsetzt, tritt im Traum meine Schwester in Erscheinung und wirft mir vor, den Tod Heins verursacht zu haben. Ich verteidige mich mit dem Hinweis, ich hätte dieses Ereignis nur geträumt, Hein sei doch schon lange tot. Ich befreie mich im Traum von dem Albtraum, indem ich das Geschehen als ein geträumtes erkläre.“ (Notizen & Skizzen, Band 6, 17.04.1999).

Aber heidschi bumbeidschi, schlaf lange,
es ist ja dein Muatter ausganga;
sie ist ja ausganga und kimmt neamer hoam
und laßt das kloan Biabele alloan!
Aber heidschi bumbeidschi bum bum,
aber heidschi bumbeidschi bum bum.
Der Heidschi bumbeidschi is kumma
Und hat ma mein Biabla mitgnumma;
er hat ma’s mitgnumma und hat’s neamer bracht,
drum winsch i mein‘ Biaberl a recht guate Nacht!
Aber heidschi bumbeidschi bum bum,
Aber heidschi bumbeidschi bum bum.

9. Schulschwänzer, Ausreißer, Gefängnisinsasse

Es war ein Gemisch unterschiedlicher Ursachen, das mich nach dem Krieg zu einem Schulversager werden ließ: direkte Kriegsfolgen wie Raumnot, Unterernährung und Zukunftsängste, schwierige familiäre Verhältnisse, die autoritäre Droh- und Prügelpädagogik meiner Eltern und eine heftig einsetzende Pubertät. Die Verhältnisse waren buchstäblich zum Davonlaufen.

In meiner Volksschulzeit, in den Jahren von 1941 bis 1945, hatte ich keine Schul- und Lernschwierigkeiten. Von 1943 an hatte ich sogar in jedem Schuljahr, trotz der Kriegsereignisse und trotz eines zweimaligen kriegsbedingten Orts- und Schulwechsels, nur noch gute und sehr gute Noten mit nach Hause gebracht. Ich war gern zur Schule gegangen, hatte große Freude gehabt am Schreiben und Rechnen wie generell am Unterricht. In der Rubrik Führung hatte immer eine „sehr gut“ gestanden. Ich kann mich an keine nennenswerte Aufmüpfigkeit oder sonst eine Verhaltensauffälligkeit erinnern. Die Volksschuljahre von 1943 bis zum Kriegsende waren die schönsten meiner Kindheit. Die Misere begann erst nach Kriegsende mit der Rückkehr in die Trümmer- und Elendswüste Nürnbergs.

Die humanistische Kadettenanstalt

Ich wurde Anfang Dezember 1945 in das Melanchthon-Gymnasium eingeschult, das für einen eingeschränkten Unterricht notdürftig wieder instand gesetzt worden war. Der Wechsel aus der oberpfälzischen Schulidylle in die graue, verstaubte Kadettenanstalt des Humanistischen Gymnasiums und die familiären Nöte machten mir schwer zu schaffen. Das dortigeLehrpersonal war überaltert und steckte selbst in Nöten. Da die meisten Lehrer Nazis gewesen und kalt gestellt worden waren, wurden statt ihrer „alte Krauterer“ aus ihrem Pensionsdasein zurückgeholt und Aushilfslehrer herangezogen. Die autoritativ-vorbildhafte, humanistische „Heile-Welt-Pädagogik“ stand in einem krassen Gegensatz zu unserer schrecklichen Alltagswirklichkeit. Als habe es den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben, als stünde noch das alte Nürnberg, als sei Ludwig Richters Kinderwelt noch gegenwärtig, setzten die Gymnasiallehrer ihr altes Unterrichtsprogramm fort. Die Schulbücher dazu mussten erst „entnazifiziert“ werden. Bis dahin schrieben die Lehrer den jeweiligen Stoff auf die große Wandtafel, und wir mussten die Texte in unsere Schulhefte übertragen. Diese notgedrungene Art der Stoffvermittlung war wenig ansprechend und im Vergleich zu heutigen Angeboten an Lehrmaterial katastrophal.

Die wenigen Volksschulen, die nicht oder nur gering zerstört waren, öffneten ihre Tore am 1. Oktober, die Oberschulen und Gymnasien aber erst Anfang Dezember 1945. Die engen räumlichen Verhältnisse der provisorisch renovierten Schulgebäude und die Engpässe beim Lehrpersonal ließen nur einen Schichtunterricht zu. Es gab nicht genügend Heizmaterial, um die Räume warm zu halten. Kaum hatte der Unterricht im Winter begonnen, musste er im Februar 1946 aus Kohlenmangel bereits wieder für vierzehn Tage eingestellt werden. Nach den „Kohlenferien“ wurden die Verhältnisse nicht besser. Am Morgen wurde der Unterricht klassenweise unterbrochen, um die US-amerikanische Quäkerspeisung an die ausgehungerten Schüler austeilen zu können. Meistens ging damit eine volle Unterrichtsstunde verloren. Ich war jedesmal erleichtert, wenn dadurch ein Fach ausfiel, in dem ich mich nicht vorbereitet hatte. Kurzum, im ersten Nachkriegsschuljahr 1945/46 konnte das Lehrprogramm für diesen Jahrgang nicht erfüllt werden. Wir mussten 1946/47 die erste Gymnasialklasse wiederholen. Es war kein individuelles Sitzenbleiben, sondern der allgemeine Verlust eines Schuljahres, der sich aus den ungeheuerlichen Nöten der Nachkriegssituation ergab. Bis zum dritten Gymnasialjahr lief dann für mich das Schulleben leidlich befriedigend ab, danach setzte die Leidensspirale ein, aus der ich nicht mehr herauskam.

Meine Mutter, die ihre fünf Kinder allein erziehen musste – mein Vater kümmerte sich wenig um uns -, war völlig überfordert, hatte bis zur Erschöpfung im Haushalt und mit unserer Versorgung zu tun. Sie war meinen Widerspenstigkeiten und Tricksereien hilflos ausgesetzt. Meine Tagebucheintragungen zeugen, so aufschlussreich sie heute über meine damaligen inneren und äußeren Nöte sein mögen, von einem erbärmlichen Unverständnis ihrer Situation. Es war gegenseitiges Unverständnis, was die Konflikte eskalieren ließ. Ich musste zu Hause viele Pflichten übernehmen, was zu Auseinandersetzungen und zu einem unbändigen Drang führte, dem Familienalltag zu entfliehen. Ich wurde zu einem notorischen Ausreißer und Schulschwänzer. Die Pubertät begann mächtig zu rumoren, ich begehrte gegen die väterliche Autorität auf, verweigerte von der Schule geforderte Leistungen und geriet nicht nach den Wünschen meiner Eltern. In Fächern, die mich interessierten, wie Deutsch, Geschichte und Kunst, erhielt ich gute Noten. Im Zeichenunterricht gehörte ich stets zu den Besten. In Fächern, die mich langweilten, versagte ich. Gute und schlechte Noten ließen sich bald nicht mehr ausgleichen. Die Prügel-Pädagogik meines Vaters bewirkte nur noch mehr Widerborstigkeit. Auch im Gymnasium schlugen die Lehrer, wenn wir die Vokabeln nicht oder zu schlecht gelernt hatten, mit einem Lineal auf unsere Köpfe ein. Ich simulierte Übelkeit, um nach Hause geschickt zu werden, und trieb mich irgendwo in der Stadt herum, lief über Trümmerberge, machte mir allerlei Gedanken über mich und die Welt und suchte nach Möglichkeiten, der Enge und den Konflikten des häuslichen Familienlebens zu entkommen. Meine Leistungen fielen rasch ab, der schulische Absturz war nicht mehr aufzuhalten. Mein 1950 geführtes Tagebuch enthält haarsträubende Notizen. Ich war zu jung und zu bockig, um begreifen zu können, dass ich, indem ich Fluchtillusionen nachhing, nur noch tiefer in meiner Misere versank.

In den Jahren 1950/51 wollte ich raus aus der Enge des Familien- und Schullebens, auf einem Schiff anheuern, nach Afrika, nach Polynesien, wohin auch immer, es sollte vor allem weit weg von zu Hause sein. Wasser, Meer, andere Länder, große Schiffe, kleine seetüchtige Boote- meine Tagträume waren voll sehnsüchtiger Bilder. Ich stöberte in Buchläden Literatur auf, die meine Fantasien von einem ungebundenen, abenteuerlichen Leben zur inneren Wirklichkeit werden ließ. Ich schrieb Briefe irgendwohin in die Welt, an Orte und Adressen, die ich mir aus alten Geografiebüchern und landesgeschichtlichen Werken holte, und bat darum, Brieffreundschaften zu vermitteln. Ein Buch hatte es mir besonders angetan: „Seeteufels Weltfahrt“ (1951) von Felix Graf von Luckner. Als Graf Luckner auf einer Vortragsreise 1953 in Würzburg sein Seemannsgarn sponn, war ich hingerissen. Was der „Seeteufel“ über seine Jugend erzählte, hörte sich an, als beschriebe er meine Situation: „Als ich nicht in die Quinta versetzt wurde, wie ich es nach vielen schlechten Zeugnissen immer wieder versprochen hatte, war die Geduld meines Vaters zu Ende. Ich bekam die wohlverdienten Prügel. Vater schrieb in dieser Beziehung keine schlechte Handschrift, aber ich war viel zu stolz zum Wehklagen und Schreien. Ich versuchte meine Schmerzen abzuschwächen, indem ich mir unausgesetzt eindringlich einredete: „Was geht mich das an, was hinter mir vorgeht.“ Vater aber sah diesen Zustand als ungebrochenen Trotz an und rums hatte ich wieder einen weg.“ (Luckner 1951, 6f).

Das erinnerte mich an den Vorsatz, den ich schon als kleiner Junge gefasst hatte: Ertrage stumm die Prügel deines Vaters. Mir war klar geworden, dass die Prügelorgien meines Vaters keine Ausnahme waren, sondern das pädagogische Credo der meisten Väter, Lehrer und Erzieher jener Zeit. Es hätte wohl einer sanfteren Pädagogik und behutsamen Menschenführung bedurft, um mich zu der Einsicht zu bringen, dass meine jugendlichen Träumereien wie Seifenblasen an der Wirklichkeit zerplatzen werden. Die Prügel meines Vaters bewirkte das Gegenteil.

Meine Revolte gegen den Schulbetrieb und meine Lehrerphobie amüsierten Mitschüler und Mitleidende, die sich, so schien es mir, dem Unterrichtsbetrieb anpassten und darauf bedacht waren, nicht aufzufallen. Ich zog oft den Zorn der Pädagogen auf mich. In den Augen einiger Klassenkameraden mag ich wohl zu einem extremen „Typus“ geworden sein, einem „hoffnungslosen Fall“. Diese Einschätzung hörte ich viele Jahre später aus dem Munde früherer Mitschüler, als ich sie alle beruflich überholt hatte und Assistenzprofessor geworden war. Für sie war es ein Wunder, dass ich es so weit gebracht hatte. Ich fragte mich wiederholt, wie es meinen Mitschülern trotz ähnlicher allgemeiner Lebensumstände möglich war, unauffällig die Schule zu durchlaufen, während ich fast zwanghaft revoltierte.

Ornithologisches Beobachtungsprotokoll, 1949

Was mich jedoch unabhängig von schulischen Leistungsnormen und Erwartungen fesselte, war das Beobachten, Schreiben, Zeichnen und Malen. Ich führte damals empirisch sachlich ornithologische Beobachtungshefte. Nach wissenschaftlichen Vorgaben notierte ich Ort, Zeitpunkt, Wetterlage, Vogelart, lateinischen Name, Gefieder, Verhaltensweise, Gesang, Nestbau, Färbung der Eier und andere Besonderheiten. In den Sommerferien 1949 fuhr ich mit dem Fahrrad zum Bodensee und besuchte mehrere Wochen die Vogelwarte Radolfzell, die damals auf Schloss Bodman beherbergt war. Zusammen mit den Ornithologen, beobachtete ich in den Schilfzonen Wasser- und Sumpfvögel. Wir beringten vor ihrem Abflug in den Süden über 2000 Schwalben. Ich war begeistert, wenn ein Wanderfalke im Sturzflug auf seine Beute schoss und eine Schwalbe griff. In der Schule konnte ich mit diesem Spezialwissen nicht punkten. Ich habe die Hefte aufgehoben und kann in der Rückschau mich selbst beobachten. Das ist mehr als ein Erinnern. Das ist Ausgrabung und Vergegenwärtigung, eine Art Altertumskunde meiner Persönlichkeitsentwicklung. Die Neigung, Vieles aufzuzeichnen und auch in Skizzen festzuhalten, machte es möglich, mich dem bedrückenden Alltag zu entziehen und mich in meine innere Welt zu verkriechen. Die in mir widerstreitenden mentalen Kräfte, die zwischen Verweigerung und Engagement hin und her gerissen waren, kamen so zur Ruhe. Ich fasste Selbstvertrauen und fühlte ein kreatives Potenzial in mir rumoren. In mir steckte, so deute ich heute meinen Entwicklungsgang, ein embryonaler Wissenschaftler, der in einer schwierigen Spätgeburt zur Welt kam.

Flucht bis in die Gefängniszelle 25

Eine Episode, es ist die spektakulärste aus dieser Zeit, möge genügen, um die Leidensspirale aufzuzeigen, die sich mit jedem Schuljahr weiter drehte. „Ertrag dein Leiden mit Geduld, denn dass du hier sitzt, ist deine eigene Schuld“, so war es auf die Wand der Zelle gekritzelt worden, in die mich die Polizei im Sommer 1950 eingesperrt hatte. Ich saß drei Tage lang im Stadtgefängnis Bremens in Zelle 25 in Haft. Wie war ich dorthin gekommen?

In verschiedenen Schulfächern war es üblich, in unregelmäßigen Abständen eine so genannte „Ex“, eine Extemporale, über den Stoff der letzten Lektionen schreiben zu lassen. Unser Geschichtslehrer war seinem Auftreten nach ein ehemaliger Offizier der deutschen Wehrmacht mit Allüren eines schneidigen Kommandeurs. Er kam mit flottem Schritt ins Klassenzimmer herein. Wir erwiesen pflichtgemäß unsere Referenz und setzten uns gehorsam wieder auf unsere Bänke. Da kam aus seinem Mund mit kerniger Stimme: „Wir schreiben heute eine Extemporale“. Das gefürchtete Wort ließ mich zusammenzucken, denn ich hatte den Stoff der letzten Stunden nicht gelernt. Wahrscheinlich handelte es sich um Lektionen über altgriechische Geschichte. Ich mochte diese Episoden aus dem alten Griechenland und hörte gern zu, wenn von ihnen die Rede war. Das hieß aber nicht, dass ich von Stunde zu Stunde die Lektionen lernte. Also musste ich dieses Mal bei meinem Banknachbarn spicken. Möglicherweise hatte der Lehrer schon während der Prüfungsarbeit meine Stielaugen beobachtet. Als er in der folgenden Unterrichtsstunde die korrigierten Arbeiten besprach, händigte er mir meine Arbeit aus und sagte: „Du hast abgeschrieben! Du hast eine Fünf!“ Ich log ihm ins Gesicht, nicht abgeschrieben zu haben. „Doch! Du hast abgeschrieben!“ „ Nein! Das habe ich nicht!“ Ein heftiges Wortgefecht folgte. Das Lehrer-Schüler-Drama eskalierte. Wahrscheinlich war es ein Schamgefühl, das mich hartnäckig abstreiten ließ, gespickt zu haben. In mir stiegen Aggressionen auf, ich wollte mich nicht unterkriegen lassen. Der Lehrer fühlte sich wohl in seiner Autorität herausgefordert und drohte mit „Arrest“, ähnlich dem heutigen Nachsitzen. Im mehrstufigen Strafarsenal der Gymnasien war der Arrest damals ein besonders hartes Strafmaß, das vom Rektor genehmigt und bestätigt werden musste, und natürlich zogen Lehrer und Rektor am gleichen Vollzugsstrick. Der „Übeltäter“ musste außerhalb der regulären Unterrichtszeiten zu einem festgesetzten Termin in die Schule kommen, wo er in einen Klassenraum eingesperrt und mit einer Aufgabe beschäftigt wurde.

Mein Geschichtslehrer hatte den verlogenen und widerständigen Schüler mit seiner Autorität zur Raison bringen wollen. Meine störrische Auflehnung und die im autoritären Denken befangene Holzhammer-Pädagogik des Lehrers verstärkten sich wechselseitig. Am Ende des Zusammenpralls war für mich der angedrohte Arrest zu einer Frage von Unterwerfung oder Freiheit geworden. Eine sanftere, psychologisch geschulte Pädagogik, ein Appell an mein Ehrgefühl, ein Lob für mein reges Interesse am Fach hätten den Konflikt womöglich entschärfen können. Die Eskalation endete für mich jedoch in einem Desaster.

Ich ging nach Hause und überlegte, wie ich der Strafe entgehen könnte. Pubertäre Schübe wischten rationale Handlungsimpulse beseite und der Plan war rasch gefasst. Ich studierte in einem alten Atlas die Route zur Nordsee, holte den Rucksack meines Großvaters hervor, packte einen Kanten Brot und Wäsche hinein, ein Hemd, ein Handtuch, eine Unterhose, ein Paar Strümpfe und einiges mehr, fuhr mit meinem Fahrrad, ohne eine Zettel zu hinterlassen, gegen Norden, um dem angeordneten Arrest-Termin zu entgehen. Mein Fluchtweg führte mich über Würzburg, Fulda, Hersfeld, Celle, Gifhorn und Verden nach Bremen. Die warmen Sommertage erleichterten dem Ausreißer die Tour auf dem alten, schweren Fahrrad, das noch nicht mit einer Gangschaltung ausgerüstet war. Aus jeder Etappe könnte ich eine kleine aufregende Geschichte erzählen, Angenehmes und Unangenehmes, ja sogar gefährliche Situationen. In der Rhön half ich eine Woche lang einer bäuerlichen Familie bei der Heuernte. Die Bauerntochter schlich sich in der ersten Nacht, in der ich in der Scheune schlafen musste, zu mir ins Heu. Der Bauer gab mir am Ende der Arbeitswoche ein paar Mark Taschengeld und eine Brotzeit mit auf den Weg. Dann war ich Gast der Adelsfamilie von Bülow, die mich für ein paar Tage auf ihrem Gut Triangel bei Gifhorn aufnahm. Ich aß an ihrem Tisch, schlief in einem kleinen Gästezimmer und erhielt Reiseproviant für die nächsten Tage. Die freundliche Aufnahme lässt mich schlussfolgern, dass ich nicht den Eindruck eines verwahrlosten Ausreißers machte. Für die Fragen, woher ich käme und wohin ich wolle und was der Grund dafür sei, so weite Strecken mit dem Fahrrad zurückzulegen, hatte ich mir eine ergreifende, aber glaubwürdige Geschichte ausgedacht: Ich müsse zu einem alten Onkel nach Bremen fahren. Meine Eltern hätten nicht genug Geld, um eine Reise zu bezahlen.

Es waren etwa fünf Wochen vergangen, als ich in Bremen ankam. Mein letztes Ziel war der Bremer Binnenhafen, wo große Handelsschiffe lagen. Ich trieb mich im Hafengelände herum und beobachtete, wie die Frachter be- und entladen wurden. Ich musterte die Seeleute, die von Bord gingen und die vom Landgang zurückkehrten. Welches Schiff würde bald auslaufen? Ein schwedischer Frachter schien bald die Taue einzuholen. Das Schiff hieß „Muskoe“. Ich nahm mir ein Herz und stieg über die ausgefahrene Bordleiter ans Deck. Keiner der Schiffsoffiziere und einfachen Seeleute fragte mich, was ich auf dem Schiff wolle. Sie schienen keine Notiz von mir zu nehmen. Vielleicht hielten sie mich für einen frisch angeheuerten Schiffsjungen. Niemand sprach mich an, niemand jagte mich von Bord, Ich schaute den Seeleuten bei der Arbeit zu, überlegte, wie ich mich einreihen und so vortäuschen könnte, irgendwie zur Mannschaft zu gehören. So verging der Tag. Als die Nacht hereinbrach, sah ich mich nach einem Winkel um, in dem ich mich verbergen und schlafen konnte. Jetzt würde sich zeigen, ob ich mit hinauskäme auf die hohe See, sei es als vermeintlicher Schiffsjunge oder in meinem Versteck als blinder Passagier. Niemand sollte mich in einen schulischen Arrest zwingen können. Ich wollte nicht mehr in die autoritäre Kadettenanstalt des Humanistischen Gymnasiums zurückkehren. Aus! Vorbei! Freiheit!

Mitten in der Nacht hörte ich lautes Gerede. Von Seeleuten geführt kamen zwei Polizisten an Bord, spürten mich in meinem Winkel auf, nahmen mich fest, brachten mich nach einem kurzen Wortwechsel über meine Identität von Bord und fuhren mich in einem Polizeiwagen zur Wache, wo ich in den nächsten Tagen mehrmals verhört wurde. Es hieß, der Schiffszimmermann habe in der Nacht seiner Frau erzählt, ein schmächtiger Junge sei an Bord gekommen, den er für einen Ausreißer halte. Seine Frau habe ihm geraten die Polizei zu benachrichtigen. Die Polizei fuhr mich zum Stadtgefängnis und steckte mich kurzer Hand und „sicherheitshalber“ in die Zelle Nr. 25. Diese Art der Sicherheitsverwahrung verstieß zwar gegen das Jugendstrafgesetz, aber die Polizei schien in dieser Nacht keine gesetzesgemäße Alternative zu haben.

In der Zelle saß bereits ein anderer jugendlicher Ausreißer, der es angeblich als blinder Passagier bis nach Afrika geschafft hatte. Am nächsten Morgen wurde ich von einer Polizistin „entlaust“, obwohl ich keine Läuse hatte. Mit einer großen Pumpe stäubte sie vorne am Kragen und hinten im Nacken ein weißes Desinfektionsmittel über meinen Körper. Das waren hygienische Vorsorgemaßnahmen, die jeder Neuankömmling über sich ergehen lassen musste. Die enge Zelle hatte die damals übliche karge Ausstattung: ein einfaches Bettgestell, eine Kloschüssel, einen Stuhl und einen kleinen Holztisch, ein Schränkchen, ein schmales Brett für wenige Hygieneartikel, eine Blechschüssel und einen Löffel. Ich lernte meinen Zellengenossen näher kennen. Er erzählte seine Geschichte, ich die meine. Ich konnte ein wenig mithalten. Auch er sei, wie er sagte, von einer Frau verpfiffen worden. Ich hatte in meiner Leidensgeschichte die Frau des Schiffszimmermanns vorzuweisen. Der angebliche Verrat hatte uns beide zu Opfern „weiblicher Perfidie“ gemacht. Wir erlitten in der Zelle 25 ein gemeinsames Schicksal.

Das Schönste in meinem neuen Domizil waren die Dekorationen auf den grau verputzten Wänden. Die früheren Insassen hatten auf den Wänden Sprüche und Flüche gekritzelt und tief eingeritzt. Sie hatten mit Strichlisten die Tage und Wochen ihrer Inhaftierung gezählt, kleine Graffitis und sexuelle Zoten hinterlassen. Das größte Dekor stellte eine nackte Frau dar, die mit satten Umrisslinien auf das Grau gezeichnet war. Als Wärter mittags uns mit Linsen- oder Erbsensuppe gefüllte Blechschüsseln in die Zelle hereinreichten, nahmen wir Ausreißer die nackte Frau ins Visier, genau gesagt, ihre Scham, und bespritzen sie mit Suppe, die über ihre Schenkel herunterlief. Wir setzten unsere Esslöffel als treffsichere Katapulte ein und hatten einen Heidenspaß. Die Wächter hatten dafür leider kein Verständnis und schimpften lauthals. Sie trennten uns Übeltäter, mein Mitbewohner wurde kurzer Hand in eine andere Zelle gesteckt. Ich blieb bis zu meiner Entlassung in Zelle 25 allein und dachte viel über meine Lebenssituation nach. Aus der Höhe eines vergitterten Fensters fiel ein fahler Schein auf mich herab. Mein Blick fiel plötzlich auf einen der Sprüche an der Wand, es war der zitierte: „Ertrag dein Leiden mit Geduld, denn dass du hier sitzt, ist deine eigene Schuld.“ Worte, die mir mein Leben lang in Erinnerung blieben.

Die drei Nächte, die ich in Gefangenschaft ausharren musste, waren für mich erstaunlich unterhaltsam. Meine Zelle lag offenbar auf der Seite zum Innenhof des Gefängnisses. In der Nacht standen viele Insassen unter ihren vergitterten Fenstern, die in den heißen Sommertagen leicht aufgeklappt waren. Von Zelle zu Zelle erscholl lautes Rufen. „Hans, hörst du mich?“ – „Fritz, wann kommst du raus?“ – „Hella, du Süße, wie geht es dir? – „Wenn ich rauskomme, mache ich dich zur Schnecke!“- Die Stimmen verrieten, dass auch Frauen einsaßen. Es hörte sich an, als würden in einer Voliere gefangene unsichtbare Nachtvögel verstörte Schreie ausstoßen.

Die Polizei hatte meinen Eltern mitgeteilt, ich sei aufgegriffen worden und könne nach den polizeilichen Ermittlungen aus dem Gewahrsam entlassen und nach Hause geholt werden. Mein Vater weigerte sich jedoch, wie nicht anders zu erwarten war, mich in Bremen abzuholen. Er wollte, dass ich von einer Aufsichtsperson des Bremer Jugendamtes nach Nürnberg begleitet werde. So geschah es. Die polizeilichen Recherchen bei den Stationen, wo ich auf meinem Fluchtweg nach Norden eingekehrt war, hatten ergeben, dass ich nichts ausgefressen hatte. Das Ergebnis entsprach den Tatsachen, ich hatte mir nichts zuschulden kommen lassen. Ein Aufpasser des Jugendamtes holte mich am Gefängnistor ab, brachte mich mit einem Schnellzug nach Nürnberg und übergab mich meinen Eltern. Entgegen meinen Erwartungen tobte mein Vater nicht und es setzte keine Prügel. Im Gegenteil, meine Eltern empfingen mich mit Kaffee und Kuchen. Offensichtlich waren sie heilfroh, dass ich unversehrt und ohne ein strafrechtliches Vergehen zurückgekehrt war. Die „Nürnberger Nachrichten“ berichteten, ich sei „als ein zweiter Karl May“ von einer abenteuerlichen Fahrt zurückgekommen. Das war ein erster zweifelhafter medialer Ruhm.

Was hatte ich also am Ende meiner „Irrfahrt in die Freiheit“ erreicht? Ich hatte meine Weigerung, eine Stunde Schularrest abzusitzen, mit drei Tagen Gefängnisaufenthalt bezahlt. Gegen den polizeilichen Freiheitsentzug war ich machtlos gewesen. Aber es kam noch schlimmer: Die Schule ließ mich wegen meiner Eskapaden und Versäumnisse nicht auf die nächste Klassenstufe vorrücken. Ich verlor ein Schuljahr. Ein bitteres Ergebnis. Ich erkannte, dass die Irrfahrt in die Freiheit keine Lösung für meine existenziellen Schwierigkeiten gebracht hatte.

Heute ist es keine Schande mehr, ein schlechter Schüler gewesen oder gar sitzengeblieben zu sein, obgleich es auch noch heute ungern zugegeben wird. Die starren Strukturen der Nachkriegszeit und der 1950er Jahre sowie die rigide autoritäre Praxis der älteren Pädagogik gehören der Vergangenheit an. Die Prügelstrafe wurde abgeschafft, auch die Strafe, für eine kleine Unfolgsamkeit in der Ecke stehen zu müssen, bis die Lehrkraft den „Sträfling“ aus der Schandecke holte. Der Kommandoton der Kriegsheimkehrer-Lehrerschaft und das autoritäre Gehabe der alten Gymnasialprofessoren ist einem konzilianteren Umgang mit Schülern gewichen. Doch noch immer ruft Sitzenbleiben Ärger, Scham und Tränen hervor. Aus dem Teufelskreis von schlechten Schulnoten, versiegendem Selbstwertgefühl und weiter absinkenden Leistungen herauszukommen, ist ohne glückliche Umstände und Hilfe nach wie vor schwer möglich. Viele „Versager“ machen wenig spektakuläre Karrieren, sie bleiben in der Berufswelt irgendwo hängen. Noch heute, nach mehr als sechzig Jahren, bedrängen mich Albträume mit Versagensängsten. Meine eigene Schulmisere und die Albträume wirkten sich auf meine spätere Rolle als Vater und Großvater aus: Ich versuchte geduldiger, einfühlsamer, weniger streng und vorsichtiger zu sein, wenn meine Töchter und Enkelkinder mit Schulproblemen nach Hause kamen oder unter Konflikten mit Lehrern litten.

Es war aber ein ganz anderer Schock, der mich kurz danach aus dem elterlichen Haus und aus der Schule trieb: der Tod meines Bruders Heinrich, von dem ich im nächsten Kapitel berichten werde.

8. Bildungsbürgerliche Erziehung zwischen patriotischer Sentimentalität und Gewalt

„Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung“

Politische Gesinnung und erzieherische Absicht meines Vaters kamen deutlich in seinen Geschenken zum Ausdruck. Wahrscheinlich war es im Jahre 1948 aus Anlass meines 13. Geburtstages, als mein Vater mir ein Büchlein schenkte, in dem über die patriotische Tat des Nürnberger Buchhändlers Johann Philipp Palm und dessen Hinrichtung berichtet worden war. Palm, ein geborener Württemberger, der sich in Nürnberg als Buchhändler niedergelassen hatte und Bürger der Stadt geworden war, hatte im Juni 1806 in seiner Verlagsbuchhandlung eine 144 Seiten umfassende Schrift mit dem Titel „Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung“ verlegt. Die anonyme Streitschrift hatte sich gegen die preußische Neutralitätspolitik seit 1795, gegen Napoleon I. und seine süddeutschen Verbündeten Napoleons sowie gegen die seit dem Krieg von 1805 andauernde französische Besatzung in deutschen Territorien gerichtet. Der Verfasser hatte beklagt: „Wenn aber, wie es dermalen leider geschieht, von Napoleon sanktionierte oder erweiterte Königreiche, diesem sich darüber so sehr verpflichten, dass sie ihre Staaten von französischen Kriegsvölkern aushungern, durch die schändlichsten Gelderpressungen in die bitterste Armut stürzen, und wie der Fall bei Preußen eintritt, von Verträgen sich losreißen, und zu Napoleons, des Welterschütterers, Werkzeugen gebrauchen lassen, dann ist gewiss die Stunde vorhanden, da das in Absicht seiner Einwohner kultiviertestes, seiner Lage nach glücklichste, seines Ranges erste und vorzüglichste, das Deutsche Reich dem Untergang, an dessen Rand es geführt ist, nimmer entfliehen kann.“ Preußen hätte, so der Verfasser, maßgeblich zur Erniedrigung Deutschlands beigetragen und Napoleon den „Schlüssel zu allen deutschen Provinzen“ ausgehändigt. In der zweiten Auflage der Streitschrift war der Verfasser noch weiter gegangen und hatte seiner Klage über die politischen Zustände einen Aufruf angehängt, in dem er zur Vereinigung der Truppen Sachsens, Preußens und Österreichs aufgerufen hatte, um Napoleon aus Deutschland zu vertreiben. Die französischen Militärbehörden hatten daraufhin, unterstützt von deutschen Kollaborateuren, den Nürnberger Verleger verfolgt, unter staatsrechtlich und polizeistaatlich zweifelhaften Umständen gefangen genommen und am 26. August 1806 in Braunau am Inn hingerichtet. Mein Vater hatte, dessen bin ich gewiss, Parallelen zur politischen Situation von 1945 und seiner Rolle am Nürnberger Militärgerichtshof im Sinn, als er mir dieses Büchlein auf den Gabentisch legte. Er wollte einen Patrioten aus mir machen.

Unbekannter Künstler, Hinrichtung Palms. Die Szene ist nicht richtig dargestellt, Palm waren in Wirklichkeit die Augen verbunden. Photo: Bezirksmuseum Braunau / Georg A. Thuringer

Ich war von der historischen Erzählung so begeistert und zugleich so tief erschüttert, dass ich die Nürnberger Buchhandlung Korn & Berg, die in der Altstadt am fast völlig zerstörten Hauptmarkt ihr Geschäft hatte, beauftragte, auf antiquarischen Wegen nach einem Original zu suchen. Sie wurde fündig. Der Stoff zog mich über Monate in seinen Bann. Ich begann ein Drama zu schreiben, erfand Dialoge, befasste mich mit der Theorie des Dramas, mit der Forderung nach Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Ein literarisch-dramaturgisches Talent kam allerdings nicht zutage. Das Manuskript, das ich bis heute aufbewahrt habe, verrät eher eine aufgewühlte Gemütsverfassung als schriftstellerische Begabung. In dramatischen Szenen zeichnete ich die Verfolgung, Verhaftung und Hinrichtung Palms nach, ohne zu glauben oder zu hoffen, dass da ein kleiner William Shakespeare, Gerhard Hauptmann oder sonst ein Dramatiker am Werk sei. Nein! Von solchen literarischen Höhenflügen träumte ich nicht! Mir war immer klar, dass ich nicht zum Romancier geboren war. Ich entdeckte schon im Alter von dreizehn Jahren das dokumentarische Schreiben für mich und beschrieb, was ich in freier Natur beobachtete. Die literarische Gattung des Sachbuches war das, was mir lag. Mein Bühnenstück über Palms Leben und Sterben blieb ein dilettantisches Fragment. Wenn ich mich ,,literarisch“ auszudrücken versuchte und zum Beispiel Verse schrieb, dann hatte das eine expressive Ventilfunktion. Ich wollte und musste das, was mich emotional bewegte, manchmal in Reime kleiden. Dabei ließ ich mich von Klassikern der deutschen und europäischen Literatur anregen, deren Werke in den Bücherregalen meines Vaters standen.

Ich entdeckte schon im Alter von dreizehn Jahren das dokumentarische Schreiben für mich und beschrieb, was ich in freier Natur beobachtete – ornithologisches Beobachtungsprotokoll, 1949

So stark das Schicksal Palms mich auch berührt und bewegt hatte, so wollte ich dennoch kein Held werden, schon gar nicht einer, der wegen seines Patriotismus hingerichtet wird. Aber ich fing an, mich für die jüngere Geschichte Deutschlands zu interessieren. Das väterliche Geschenk hatte zumindest die gewollte Wirkung nicht ganz verfehlt. Die bildungsbürgerliche Atmosphäre meines Elternhauses hat mich von Kindesbeinen an umweht. Sie blies nach allen Richtungen, nach dem kühlen Norden naturwissenschaftlicher Sachlichkeit, nach dem ästhetischen Süden von Kunst und Literatur, nach dem Osten der Religionen und nach dem Westen der Zivilisation. Meine innere Kompassnadel pendelte unruhig hin und her. Ich hatte mehrere Talente, was mich zeitlebens zu einem Grenzgänger und wissbegierigen Entdecker machte. Es gab in meinem Leben nicht nur eine potenzielle Entwicklungslinie, was mich schwierigen Entscheidungssituationen aussetzte. Nach allerlei Probeläufen fand ich erst spät den Weg in die Wissenschaft.

Eine autoritär verfasste Familie

So viele Anregungen die bildungsbürgerliche Atmosphäre in der Familie auch bot, die familiären Verhältnisse blieben labil, von beruflichen und wirtschaftlichen Ungewissheiten überschattet. Psychische und physische Gewalt  prägten den familiären Alltag. Nachdem die Nachfolgeprozesse am Nürnberger Militärtribunal zu Ende gegangen waren, traf meinen  Vater wieder das Los der „Verdrängten“, die auch als „Ennazifierungsentlassene“ bezeichnet wurden. Wie viele hunderttausend ehemalige Nazi-Mitläufer hatte er vorerst wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit keine Chance, wieder in den öffentlichen Dienst zurückkehren zu können. Der Artikel 131 des Grundgesetzes der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland schob einer Wiedereinstellung den Riegel vor. Er musste sich in den Jahren 1949/50 nach einer neuen Einkommensquelle umsehen und Arbeit unter seiner beruflichen Qualifikation annehmen. Dabei schickte er häufig meine Mutter vor, um etwas zu erreichen. Mehrmals setzte sie sich für ihn bei Behörden und bei prominenten Politikern ein. Kurz vor Ende der Prozesse vor dem Nürnberger Militärtribunal hatte sie sich an den damaligen bayerischen Justizminister gewandt, um Dr. Josef Müllers Gunst für eine  Einstellung meines Vaters in  den bayerischen Justizdienst zu gewinnen. Sie hatte wohl gehofft, dass seine Rolle als Verteidiger in den Kriegsverbrecher-Prozessen ins Gewicht fallen würde. Wie aus einem  Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums der Justiz vom 18. Februar 1949 an meinen Vater hervorgeht, war ihr Einsatz vergebens. Der Bescheid und die in dem Schreiben geäußerte Einschätzung machten in der Tat alle Hoffnungen zunichte, in absehbarer Zeit wieder im öffentlichen Dienst eingestellt zu werden.

„Betrifft Ihr Gesuch um Übernahme in den bayerischen Justizdienst.
Wie ihnen durch die Entschließung vom 13. 09. 1948 eröffnet und Ihrer Gattin wiederholt mündlich mitgeteilt worden ist, besteht keine Aussicht auf Ihre Verwendung im bayerischen Justizdienst. Solange nicht die früheren bayerischen Richter mit nicht erheblicherer politischer Belastung wiederverwendet sind, und die Flüchtlingsjuristen, die nach dem Gesetz übernommen werden müssen, angestellt sind, ist es unmöglich, Bewerbern, die aus der Verwaltung kommen, zu übernehmen. Ich habe gestern Ihrer Gattin ausführlich auseinandergesetzt, dass es mir unmöglich ist, Sie für eine Übernahme vorzuschlagen. Die Justizverwaltung kann nicht Beamte anderer Verwaltungen, die dort wegen ihrer politischen Belastung nicht mehr übernommen werden, aufnehmen. Die derzeitigen Personalverhältnisse werden auf lange Sicht andauern, so dass Sie sich auch künftighin keine Hoffnung machen dürfen. Es tut mir leid, Ihr Gesuch trotz Ihrer ungünstigen wirtschaftlichen Lage nicht berücksichtigen zu können. Ministerialdirektor Dr. Konrad“

Zunächst schlug sich mein Vater als Anwaltsassessor durch, mit anderen Worten, als juristische Hilfskraft. Im Mai 1949 eröffnete er dann eine eigene Anwaltspraxis, die er bis in das Jahr 1950 mit mäßigem Erfolg führte. Die Einnahmen waren unregelmäßig und schwankten erheblich. Das Familienleben litt schwer darunter. Gerade nach seiner anspruchsvollen und gut finanzierten Tätigkeit am Militärtribunal empfand mein Vater seine berufliche Situation als „verdrängter Beamter“ als demütigend. Sein Gemütszustand verfinsterte sich, seine tyrannischen Charaktereigenschaften verstärkten sich.  Schon wegen geringfügiger Anlässe geriet er außer Fassung. Spannungen zwischen den Eltern ließen selten eine anhaltende friedliche Stimmung aufkommen. Meine Mutter beklagte sich bei mir über die Unduldsamkeit und auch über Handgreiflichkeiten meines Vaters. Wir Kinder fürchteten uns vor seinem Zorn. Wenn er nach Hause kam und zu uns trat, ängstigten wir Kinder uns. Kein freundlicher Gruß, kein Lächeln, keine verbindliche Geste. Mit bohrendem Blick prüfte er die Schar. Schulfreunde fürchteten sich vor seinem strengen Blick, sie verließen gewöhnlich rasch den Raum und machten sich aus dem Staub.

An den  Einstellungen und Verhaltensweisen meines Vaters waren alle Komponenten des „autoritären Syndroms“  geradezu musterhaft abzulesen: Starres Festhalten an Konventionen, Machtorientierung, Unterwerfung unter starke Führerpersönlichkeiten, destruktive Neigungen und Zynismus. Er schnitt eiskalt Mitmenschen und Berufsgenossen und war ihnen gegenüber oftmals feindlich eingestellt, er setzte Mitmenschen und Mitarbeiter persönlich herab, er neigte dazu, sich über andere zu erhöhen und Macht auszuüben. Er erwartete, dass man seine Meinung teilte und die Welt so sah wie er. Er konnte aber auch, wenn aus seiner Vergangenheit bestimmte Personen auftraten, wenn gefeiert wurde oder rührselige Themen zur Diskussion standen, sentimental werden, mitunter sogar weich vor Rührung. Eine andere Seite seines Gemüts machte ihn aufgeschlossen und zugänglich. An Silvester stimmte er um Mitternacht zu Zuckerhut und Punch, wenn der Alkohol abgefackelt wurde, das patriotische Lied an, das 1814 am Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig von einem gewissen Johann Heinrich Ch. Nonne gedichtet worden war: „Flamme, empor!/Steige mit loderndem Scheine/auf dem Gebirgen am Rheine/glühend empor!//Siehe, wir stehn treu im geweihten Kreise/dich zu des Vaterlands Preise/brennen zu sehn!//Heilig Glut!/Rufe die Jugend zusammen/wachse der Mut!//Auf allen Höhen/leuchte das flammende Zeichen,/ daß alle Feinde erbleichen/wenn sie dich sehn…“ Ich fand das immer komisch.

Mein Vater folgte dem alten biblischen Grundsatz: „Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie!“ Er prügelte mich schon aus geringstem Anlass. Meine Mutter drohte, wenn sie sich nicht anders zu helfen wusste, mit der Autorität meines Vaters: „Warte nur, wenn Papa nach Hause kommt!“ Er war nach altem Recht der allein Erziehungsberechtigte und zum Prügeln gesetzlich ermächtigt. Er allein durfte beispielsweise die Schulzeugnisse unterschreiben, die Mutter hatte sich dem Diktat des Vaters zu fügen. Diese Rechtsgrundlagen für die häusliche Tyrannei der Väter sind heute so gut wie vergessen.

Bezwingung der väterlichen Allmacht

Wie es mir gelingen könnte, mich gegen meinen Vater zu behaupten, wurde zu einer Grundfrage meiner Persönlichkeitsentwicklung. Es kam, wörtlich gemeint, zu einer Art Zweikampf, den ich mit brachialer Gewalt für mich entschied. Die Tyrannei meines Vaters konnte, das behaupte ich auch heute noch, nur mit Gegengewalt gebrochen worden. Als er mich im Alter von etwa sechzehn Jahren wieder einmal verprügeln wollte, packte ich ihn bei den Armen und drohte zurückzuschlagen. Seither ließ er vom Prügeln ab. Er drohte mir nie wieder mit körperlicher Züchtigung. Das Gewaltspiel war zwar aus, aber die autoritäre Prägung wirkte fort

Erst sehr viel später wurde mir vollends klar, wie tief sich mir dieses „Gewaltspiel“, die damals praktizierte Züchtigungspädagogik und die Bezwingung der väterlichen Allmacht, als Handlungsmuster eingeprägt hatten. Die Auseinandersetzungen wirkten sich nachhaltig auf meinen Umgang mit Autoritäten aus. Ich wurde rebellisch gegen angemaßte, halsstarrige Autorität, die gesellschaftliche und institutionelle Machtpositionen ausnutzt, um auch zweifelhafte Zwecke durchzusetzen. Diese Empfindlichkeiten brachten mich rasch in eine Kampfstimmung und Abwehrhaltung – gegen autoritäre Lehrer, gegen akademische Platzhirsche, gegen einen Universitätspräsidenten, der mit fadenscheinigen Argumenten eine universitätspolitische Fehlentscheidung verteidigt. „Alpha-Tiere“ weckten in mir stets Kampfeslust und intellektuelle Gegenaktionen. Zu „Übervätern“ hatte ich immer ein zwiespältiges Verhältnis, nicht zuletzt zu einem allgewaltigen Gottesbild. In dieser psychologischen und mentalen Handlungsbereitschaft lauerte die Gefahr, in konkreten Auseinandersetzungen die eigene Kraft falsch einzusetzen oder an der falschen Front zu kämpfen. Die in der Sozialforschung seit den 1930er Jahren erforschten und weiterhin diskutierten Muster autoritärer Einstellungen und Verhaltensweisen (Erich Fromm, Theodor W. Adorno, Wilhelm Reich, Max Horkheimer und andere)  zu erkennen und zu durchschauen, war mir lange nicht möglich. Stattdessen entzog ich mich dem väterlichen autoritären Regime durch Verweigerung und Flucht. Es war ein langer, leidvoller Prozess. Erst Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre gelang es mir, aus dem emotionalen und mentalen Bannkreis des autoritären Sozialcharakters herauszutreten und mich als eine selbständige Person weiterzuentwickeln.

Die Rehabilitierung der 131er

Die berufliche Situation meines Vaters begann sich erst zu verbessern, als ihm 1951 die Rückkehr ins Beamtenverhältnis und damit in eine höhere Beamtenlaufbahn ermöglicht wurde, nachdem der Deutsche Bundestag einstimmig die Neuregelung des Artikels 131 im Grundgesetz verabschiedet hatte. Fortan konnten öffentliche Bedienstete, sofern sie im Zuge der Entnazifizierung nicht unter die Gruppen der „Belasteten“ oder „Hauptschuldigen“ gefallen waren, als Beamte in den öffentlichen Dienst zurückkehren. Mein Vater bewarb sich an die Wasser- und Schifffahrtsdirektion Würzburg und wurde zunächst im Rang eines Regierungsrates im Angestelltenverhältnis übernommen. Nachdem die Neureglung verabschiedet war, konnte er wieder ins Beamtenverhältnis übernommen werden. Er durchlief danach alle Dienstränge bis zum Leitenden Regierungsdirektor. Die finanzielle Lage der Familie war seither gesichert.

Die Neuregelung des Artikels 131 diente der raschen Wiedereingliederung der ehemaligen „Entnazifizierungs-Entlassenen“ in die Nachkriegsgesellschaft und der Entschärfung politisch-sozialer Spannungen. Die beabsichtigte Wirkung einer inneren Befriedung zeigte sich im individuellen Fall meines Vaters deutlich darin, dass er sich allmählich mit der zweiten deutschen Demokratie aussöhnte, obschon er manchmal in nächtlichen Gesprächen in eine Glorifizierung der frühen Nazi-Zeit zurückfiel. Dann erzählte er begeistert, dass er 1922 als Sechzehnjähriger an Hitlers „Marsch auf Coburg“ teilgenommen hatte, im Zentrum der Stadt in Schlägereien mit Kommunisten verwickelt gewesen und dafür 1932 mit dem Coburger Abzeichen „Mit Hitler in Coburg 1922-1932“ ausgezeichnet worden war. Der Mythos vom angeblich „guten Hitler“ wollte nicht aus seinem Kopf.

Tischmanieren und Menschenverachtung

Als die Jahre bitterer Not vorüber waren und wir aus dem Provisorium der „Wohn“-Küche wieder ins Esszimmer überwechseln konnten, kehrte auch dort wieder bürgerliche Ordnung ein. Der häusliche Mittagstisch und die Essensvorschriften unterstanden dem strengen Regime meines Vaters und der in diesen Dingen an meine Mutter delegierten Autorität. Geschirr, Besteck, Gläser und Servietten mussten sorgfältig aufgedeckt sein, die Reihenfolge des Bestecks genau beachtet, die Salatteller links von den Tellern, Trinkgläser rechts davon platziert sein. Nach jedem Gang wurden die Teller abgedeckt. Alles hatte leise zu geschehen. Geklapper war verpönt. Die Arme auf den Tisch zu legen, galt als unfein und wurde verboten. Nur die Hände durften zu beiden Seiten der Teller auf den Tisch platziert werden, und dies selbstverständlich nur frisch gewaschen. Wir mussten solange auf unseren Stühlen sitzen bleiben, bis die Eltern das Mahl für beendet erklärt hatten. Mein Vater kontrollierte alles und rügte jeden Verstoß gegen die Etikette, um uns gesellschaftsfähig zu machen. Zu den unumstößlichen Tischregeln gehörte auch, dass wir Kinder während der Mahlzeit zu schweigen hatten, es sei denn, Vater oder Mutter hatten uns zum Sprechen aufgefordert. Wollten wir etwas sagen, mussten wir fragen und einen Grund nennen. So war der Mittagstisch ein Ort des Schweigens. Jeder löffelte leise seinen Suppenteller leer. Essen und Trinken mussten möglichst geräuschlos vor sich gehen. Schlürfen war strikt untersagt. Die Regeln machten es fast unmöglich, uns am Tisch über Geschehnisse des Tages auszutauschen. Sie erstickten unser Mitteilungsbedürfnis, ersparten uns allerdings auch peinliche Fragen.

Mein Großvater war zur Zeit des strengen Tischregimentes meines Vaters fast achtzig Jahre alt. Er war in der entbehrungsreichen Zeit mager geworden. Seine wasserblauen Augen blickten müde in die Runde. Seine Hände zitterten, wenn er nach einem Gegenstand griff. Er knickte ein, wenn er sich vom Tisch erhob, er musste sich auf die Tischkannte stützen, um aufzustehen. Wir spürten, dass sein Leben zu Ende ging, ein Leben voll Bitternis und Entsagung. Ich schildere eine Szene, die ich nie vergessen werde: Ein Exerzieren der Tischregeln an einem fast Achtzigjährigen.

Mein Großvater sitzt mit uns am Mittagstisch. Wir essen schweigend unser Mahl und bemühen uns, die Löffel geräuschlos in die Suppe zu tauchen. Die Hand meines Großvaters, der links von mir am unteren Tischende sitzt, zittert. Er bückt sich über seinen Teller. Wenn er seinen Löffel zum Mund führt, tropft Suppe herunter. Er schlürft die Suppe zitternd ein. Die Stille am Tisch lässt sein Schlürfen lauter erscheinen, als es in einer gesprächigen Runde der Fall gewesen wäre. Mein Vater blickt streng auf den schlürfenden Alten. Er maßregelt seinen Vater und fordert ihn mit schneidender Stimme auf, anständig zu essen. Über seinen Teller geneigt versucht mein Großvater, seinem Sohn zu gehorchen. Es gelingt ihm nicht, seine Hand zittert, Suppe fließt vom Löffel, wieder kommt aus seinem Mund der verpönte Laut. Mein Vater droht dem Alten an, ihn vom Tisch zu verweisen. Mein Großvater blickt verstört auf, es gelingt ihm nicht mehr, die rigorose Tischregel einzuhalten. Mein Vater verweist ihn schroff des Tisches und schickt ihn in die Küche. Der alte Mann nimmt seinen Teller und verlässt das Esszimmer. Ich empfinde tiefes Mitleid mit meinem Großvater, muss aber schweigen, denn der Haustyrann ließe keine Widerrede zu. Vor den Augen seiner Familie verletzt er die Würde eines alten Menschen und setzt Tischmanieren ohne Rücksicht auf die physische und psychische Befindlichkeit eines alten Menschen mit autoritärer Gewalt zu einer menschenverachtenden Norm. Hätte er die großväterliche Schwäche nicht als Beispiel einer liebenden Ausnahme machen können? Drei Jahrzehnte später werden die Hände meines Vaters zittern. Er sieht schlecht. Seine physische Verfassung ermöglicht es ihm nicht mehr, die bürgerlichen Essvorschriften, die er einstmals so streng eingefordert hatte, selbst einzuhalten. Er schlürft und sabbert und verlangt, dass wir Verständnis für seine altersbedingten Einschränkungen haben. Ich habe in diesen Momenten immer daran denken müssen, wie übel er seinen Vater behandelt hatte.

7. Am US-Militärtribunal in Nürnberg (1947–1949) – „Kurierdienste“ für die Verteidigung

Zur Rolle meines Vaters als Verteidiger

Einmal im Leben stand mein Vater auf dem Podium der politischen Weltbühne. Im Oktober 1947 bot sich ihm die Chance, am US-amerikanischen Militärtribunal in Nürnberg in Prozessen gegen Kriegsverbrecher als Verteidiger mitzuwirken. In seinem bisherigen Berufsleben als Jurist war dies die größte Herausforderung und interessanteste Aufgabe, die er je hatte. Ich erinnere mich noch lebhaft an einzelne Ereignisse, weil mein Vater mich dann und wann im Rahmen seiner Arbeit mit Sonderaufgaben bedachte. Obwohl ich in dieser Zeit meinen Vater so gut wie nie am Tage antraf und ihn nur nachts in seinem Arbeitszimmer beim Aktenstudium sah, gab es Momente, in denen ich wiederum zu einem kleinen Zeitzeugen wurde. Ab und zu kamen Entlastungzeugen zu uns nach Hause und führten mit meinem Vater nächtelange Gespräche. Es war dann von „Kreuzverhören“ die Rede, die aber, so viel ich mithören konnte, freundlich waren und manchmal in einem Besäufnis endeten. Einmal nächtigte ein betrunkener Zeuge in unserer Badewanne. Ich erinnere mich noch an den Namen. Meine Mutter sagte am nächsten Morgen amüsiert zu mir: „Herr von Lepel ist heute Nacht in die Badewanne gefallen“. Gunther Carl Wilhelm Freiherr von Lepel, ein Militär und späterer Filmproduzent, war während des Zweiten Weltkrieges Hauptmann der Nachrichtentruppe gewesen.

Blick in den Gerichtssaal des Wilhelmstraßen-Prozesses; Walter Schellenberg in der zweiten Reihe, zweiter von rechts; Bild: USHMM, courtesy of Robert Kempner, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2039209

Die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse (20.11.1945–14.04.1949) umfassten den Prozess des Internationalen Militärtribunals gegen die Hauptkriegsverbrecher und die so genannten zwölf Nachfolgeprozesse (Fall I–XII) vor dem US-amerikanischen Militärgerichtshof. In den Folgeprozessen wurden Angehörige verschiedener Institutionen des Dritten Reiches vor Gericht gestellt, die sich an NS-Verbrechen beteiligt hatten: Diplomaten, Industrielle, Generäle, Ärzte, SS-angehörige Juristen und andere Gruppen. Allen Angeklagten standen Verteidiger zur Seite. Mein Vater war im Fall IX, dem sogenannten „Einsatzgruppen-Prozess“ (15.09. 1947-10.04.1948) an der Verteidigung von Otto Ohlendorf und Martin Sandberger sowie im Fall XI, dem „Wilhelmstraßen-Prozess“ (04.11.1947-14.04.1949), an der Verteidigung Walter Schellenbergs beteiligt. Jede Anstellung von Verteidigern und Hilfsverteidigern bedurfte der offiziellen Zustimmung des amerikanischen „Chief of Counsel for War Crimes“. Allerdings konnten die Verteidiger, allesamt deutsche Juristen, bei der Auswahl ihrer Hilfsverteidiger personelle Vorschläge unterbreiten. Wie kam mein Vater, der ein begeisterter Nazi gewesen war und auch nach dem Untergang des Dritten Reiches noch an die deutsche Volksgemeinschaft und an die guten Seiten des Führers geglaubt hatte, zu seiner Rolle als Hilfsverteidiger in den Nürnberger Prozessen? Warum ließ das amerikanische Gericht Verteidiger zu, von denen es gewusst haben muss, dass sie Anhänger des NS-Regimes gewesen waren?

Zulassung meines Vaters zu den US-Militärgerichtshöfen in Nürnberg; Dokument aus dem Prozess-Nachlass meines Vaters

Es waren Juristen-Netzwerke und glückliche Umstände, die den Weg ins Militärtribunal zugänglich machten. Mein Vater hatte unter Nürnberger Kollegen, die nach dem Krieg als Anwälte praktizieren und in ihren Kanzleien juristische Hilfskräfte einstellen durften, Helfer und Fürsprecher. So entwickelte sich aus seiner Bewerbung auf eine juristische Aushilfsstelle bei einem Rechtsanwalt über dessen Kontakte der Eintritt in einige der größten Mordprozesse der Weltgeschichte. Der Verteidiger des Angeklagten Otto Ohlendorf, Dr. Karl Gick, benötigte einen Assistenten und schlug kurz entschlossen beim Chief of Counsel meinen Vater als Hilfsverteidiger vor. Der Angeklagte Ohlendorf war der ehemalige Leiter der Staatssicherheits-Organisation im Reichssicherheitshauptamt und der Einsatzgruppe in Südrussland (1941/42). Er war für die Ermordung von rund 90.000 Zivilisten verantwortlich. Er wurde 1948 zum Tode verurteilt und am 7. Juni 1951 hingerichtet. Noch bevor die endgültige Zustimmung der zuständigen US-Instanz am 16.10.1947 eintraf, nahm mein Vater die Arbeit auf. So wurde also ein ehemaliges NSDAP-Mitglied und Bekenner der nationalsozialistischen Weltanschauung binnen zwei Wochen am Militärtribunal zugelassen.

Visitor’s Pass für Kurt O. Mintzel vom 20.10.1947, der ihm den Zugang zum Justizpalast erlaubte, um die Gespräche über seine Zulassung als Verteidiger zu führen.

Mit dem Verteidiger Dr. Karl Gick arbeitete mein Vater allerdings nur kurze Zeit zusammen. Schon am 15.12.1947 wechselte er zu Bolko von Stein über, der die Angeklagten Eduard Strauch und Martin Sandberger vertrat. Zwei Monate später trat mein Vater bei Dr. Fritz Riedinger unter Vertrag, der im Fall XI den Angeklagten Walter Schellenberg verteidigte. Die Gründe für den zweifachen Wechsel blieben mir unbekannt. Dr. Riedinger schloss mit meinem Vater am 20. Februar 1948 einen internen Arbeitsvertrag, in dem sie ihre Zusammenarbeit paritätisch regelten und die Bezüge und Honorare zu gleichen Teilen festsetzten. Jeder sollte monatlich 1.750,00 Reichsmark erhalten. Beide wollten im Fall XI im Vollstatus eines Verteidigers gleichberechtigt vor dem Gericht auftreten. Der Chief of Counsel stimmte zwar dem Personalwechsel zu, akzeptierte aber nicht die paritätischen Vereinbarungen. Mein Vater fungierte weiterhin offiziell als Hilfsverteidiger, obschon er Schellenberg gleichberechtigt im Sinne des mit Riedinger geschlossenen Untervertrages verteidigte. Der Fall XI nahm ihn über ein Jahr lang Tag und Nacht in Beschlag.

Der Angeklagte Walter Schellenberg (1910-1952), von Beruf Jurist, hatte nach dem zweiten Staatsexamen rasch eine steile NS-Karriere durchlaufen. Der SS-Führer war im engsten Umfeld des NS-Machtzentrums des Dritten Reiches, im Reichshauptsicherheitsamt, tätig gewesen. Er war in den Jahren 1939 bis 1944 vom SS-Standartenführer zum SS-Brigadeführer (1941) und danach zum Generalmajor der Geheimen Staatspolizei aufgestiegen. In den Jahren von 1939 bis 1941 war er für die polizeiliche Spionageabwehr im Inland zuständig und 1941 an der Zerschlagung der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ beteiligt. Nach dem Attentat auf Hitler vom 20.07.1944 war er zu Hitlers Geheimdienstchef avanciert. Bis zum Kriegsende hatte er dem Auslandsnachrichtendienst vorgestanden, einer NS-Institution, die ein Netz von Agenten unterhalten und mit ausländischen faschistischen Gruppen kooperiert hatte.

Mitwirkung von Verteidigern mit NS-Vergangenheit

Die Zulassung meines Vaters als Hilfsverteidiger zu einem Zeitpunkt, an der noch nicht einmal durch ein Entnazifizierungsverfahren gegangen war, stellte keine ungewöhnliche Besonderheit dar, sondern passte zu den US-amerikanischen Verfahrensregeln eines fair trial und due process.  Die Mitwirkung von Verteidigern mit NS-Vergangenheit war sogar ein vom Tribunal erwünschtes Kriterium für die Anstellung, solange sie im Sinne des Entnazifizierungsgesetzes von 1946 nur als „Mitläufer“ eingestuft worden waren. Der Anteil von ehemaligen NSDAP–Mitgliedern unter den Verteidigern betrug bis zu zwei Dritteln. (NMT = Nürnberger Militärtribunal 1950, 50) Unter den zugelassenen Verteidigern gab es sogar ehemalige Mitglieder der SA und SS. Die auffällige Häufigkeit von Parteizugehörigkeit hatte hauptsächlich zwei Gründe: Zum einen war der deutsche Justiz- und Verwaltungsapparat eng mit dem NS-Regime verflochten gewesen, so dass Parteimitgliedschaft die Regel gewesen war. (NMT 1950, 50f, 609; Doerries 2009, 251). Zum anderen wollten die Ankläger den Vorwurf entkräften, es handle sich bei den Prozessen um Siegerjustiz und Schauprozesse (NMT 1950, 18, 58, 607). Diesem Generalvorwurf, der in der deutschen Nachkriegsöffentlichkeit und in Juristenkreisen virulent war, wollten die US-amerikanischen Ankläger mit Prinzipien eines fair trial und due process entgegentreten. Sie verfolgten deshalb penibel Verfahrensregeln, die den Verteidigern im Prozessverlauf einen großen Freiraum zugestanden.

Die meisten Verteidiger waren folglich keine politisch neutralen Rechtsbeistände, sondern mit der Sache ihrer Mandanten verbunden. Unabhängig vom Einzelfall und von der Anklage bestand die Aufgabe eines Strafverteidigers im Sinne eines fair trial darin, alles anzuführen, was zu einer Entlastung seines Mandanten führen konnte, und alles zu unterlassen, was dem Angeklagten angelastet werden könnte. Die Rolle eines Verteidigers ließ sich ohne eine gewisse Parteilichkeit also nicht ausfüllen. Als Gegenspieler des Anklägers entwickelten die deutschen Anwälte Verteidigungsstrategien, die dem „Siegertribunal“ nicht nur die Legitimation absprachen, sondern auch die Anklagepunkte in Frage stellten und zu widerlegen versuchten. Diese Rolle brachte die Verteidiger somit nicht zwingend in einen inneren Konflikt mit ihrer NS-Vergangenheit. Allerdings schwelte unausgesprochen und unterschwellig die Auseinandersetzung mit der eigenen politischen Vergangenheit. Ich weiß sicher, dass mein Vater noch bis in die 1950er Jahre hinein die ehemaligen Alliierten allgemein und die Amerikaner in der US-amerikanischen Besatzungszone als Feinde und Okkupanten betrachtete. Seine Rolle als Verteidiger vertrug sich also mit seinen politischen Ansichten und seiner Gesinnung. Er kam, soweit ich es beurteilen kann, anscheinend in keinen grundsätzlichen Konflikt mit seiner politischen Weltanschauung. Er musste seine vom Nationalsozialismus geprägten Anschauungen nicht generell verraten oder ihnen abschwören. Zu den Angeklagten, die er vertrat, pflegte er ein verständnisvolles und im Falle Walter Schellenbergs ein fast freundschaftliches Verhältnis. Er wollte als Verteidiger die Siegerjustiz mit den ihm zugestandenen Rechtsmitteln unterlaufen und seine Mandanten, wie es in der Sprache schlagender Studentenverbindungen heißt, „herauspauken“.

Die ungeschriebenen „Gedanken und Notizen“

Bis heute kann ich mich nicht wirklich mit seinem Schweigen abfinden. Viel Frust macht sich darüber breit, dass mein Vater niemals Grundsätzliches und Biografisches über seine Rolle und Erlebnisse in diesem Jahrhundertprozess niederschrieb. Er, der trotz anstrengender Berufsarbeit und schwieriger Familienverhältnisse bis in die späten Nachtstunden hinein Geschichtswerke und historische Romane verschlungen hatte, blieb stumm. Man könnte den ungeschriebenen persönlichen Bericht für symptomatisch halten für das Schweigen und Verschweigen dieser Generation. Mein Vater äußerte sich später nur mehr in Gesprächen im kleinen Kreis über die Prozesse, und dies auch nur sporadisch und wenig tiefgründig. Dabei hätte er so viel berichten, dokumentieren und zeitgeschichtlich Bedeutendes, ja weltgeschichtlich Wichtiges mitteilen können. Warum hat ihn sein reges Interesse an historischen Vorgängen nicht dazu motiviert? Er hätte zu einem bedeutenden Zeitzeugen werden können. Ich habe es ihm später, als ich mich als Sozialwissenschaftler und Zeithistoriker mit der Entstehung und Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland und mit Bayerns Weg in die Moderne befasst habe, fast übelgenommen, seine Riesenchance nicht ergriffen zu haben.

Passierschein für Medizinalrat Felix Kersten und Begleitperson vom 19. April 1945, ausgestellt von SS-Brigadeführer, Generalmajor der Waffen-SS und Polizei Walter Schellenberg; Dokument aus dem Prozess-Nachlass meines Vaters

Mein Vater hatte als Verteidiger tiefe Einblicke in die NS-Todesmaschinerie erhalten. Die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen waren zu ungeheuerlich und abscheulich, um seine vom Nationalsozialismus geprägte politische Ideologie ungebrochen aufrechterhalten zu können. Seine inneren ideologischen Bindungen begannen sich zu lockern und abzuschwächen. Am Ende schien er sich mit der politischen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland versöhnt zu haben. Seine veränderte politische Einstellung führte in den 1960er Jahren zum Bruch mit Bundesbrüdern der schlagenden Burschenschaft „Frankonia“, die stark rechts ausgerichtet und zum Teil noch der NS-Ideologie hörig war. Die „Frankonia“ geriet auch später wiederholt ins Visier des Verfassungsschutzes (SZ Nr. 268, 20.11.2015, S. 49). Wahrscheinlich war die bittere Erkenntnis, sich in der Jugend und in frühen Mannesjahren politisch-ideologisch verrannt und falsche Opfer gebracht zu haben, der Grund dafür, dass er nie zu einem persönlichen Rechenschaftsbericht ansetzte.

Mein Vater war nicht der einzige unter den fast zweihundert Verteidigern und ihren Assistenten, der sich nicht mehr aufraffte, über seine Rolle und Arbeit zu berichten. Nur wenige bemühten sich später darüber zu schreiben. Unter ihnen waren der spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker (1920-2015) und Alfred Seidl (1911-1993). Letzterer wurde 1958 Mitglied des Bayerischen Landtags, avancierte 1974 zum Staatssekretär im bayerischen Justizministerium und 1977 zum bayerischen Staatsminister des Inneren. Seidl, eine politisch rechtsstehende Persönlichkeit, rollte nach seiner Pensionierung als ehemaliger Verteidiger den Fall Rudolf Heß aus seiner persönlichen Perspektive in Dokumentationen auf (Seidl, 1986, 1988). Richard von Weizsäcker beteiligte sich wie mein Vater als Hilfsverteidiger im Prozess gegen seinen Vater Ernst von Weizsäcker. Der „Diplomat des Teufels“, wie sein Vater genannte wurde, war wegen seiner aktiven Mitwirkung bei der Deportation französischer Juden nach Auschwitz angeklagt worden. Im Gegensatz zu meinem Vater nahm der vierzehn Jahre jüngere Richard von Weizsäcker später in Wort und Schrift zum Prozess und zu seiner Rolle öffentlich Stellung (Richard v. Weizsäcker, 1997; Spiegel online. Einestages; FAZ Nr. 54, 05.03.2005,S. 39). Er hielt die Anklage gegen seinen Vater für „ungerecht und unmoralisch“ und wollte die Familienehre wiederherstellen.

„Kurierdienste“ für die Verteidigung

Als ich 1978 im Rahmen des deutsch-amerikanischen OMGUS-Projektes in den USA in den National Archives arbeitete, wollte der damalige Archivar John Mendelsohn, der den Fall IX dokumentiert und mir Akten meines Vaters gezeigt hatte, nicht glauben, dass mit Personen, die zur Entlastung Schellenbergs Wichtiges beitragen konnten, abseits der amerikanischen Kontrollen Kontakte hergestellt worden waren. Mendelsohn war sich sicher, dass den strengen Kontrollen nichts entgangen sein konnte. Er war erstaunt, als ich ihm erzählte, dass mein Vater mich in solchen Fällen ab und zu als „Kurier“ eingesetzt hatte. Ich erinnere mich noch gut an den Ort und die Umstände.

Walter Schellenberg, so wie ich ihn von meinen „Kurierdiensten“ in Erinnerung habe; Bearbeitetes Bild, Grundlage: US Army photographers on behalf of the OUSCCPAC or its successor organisation, the OCCWC [Public domain], via Wikimedia Commons: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Walter_Schellenberg.jpg

Schellenberg war sterbenskrank. Aus diesem Grund war er nicht wie die anderen Angeklagten im Gefängnis des Nürnberger Justizpalastes in Gewahrsam, sondern unter strenger Bewachung in einem Gebäude der Innenstadt in medizinischer Behandlung. Vor dem Krankenzimmer saßen zwei schwarze amerikanische Bewacher, jeder mit einem Maschinengewehr bewaffnet. Sie kontrollierten jeden Vorgang. Selbstverständlich hatten nur autorisierte Personen wie die Verteidiger Zutritt zu den Gefangenen. Wie es meinem Vater gelungen war, mir freien Zugang zu verschaffen, weiß ich bis heute nicht. Er hatte mich mehrmals zu seinen Unterredungen mit Schellenberg mitgenommen, so dass ich den Bewachern als son of the attorney bekannt war. Ich habe meinen Vater leider niemals danach gefragt, wie mein Zugang zu Schellenberg möglich wurde. Jedenfalls konnte ich ohne besondere Umstände oder Formalien den Raum betreten und mich mit Schellenberg unterhalten.

Schellenberg residierte wie ein Monarch auf seinem Bett. Er war, wenn ich ihn besuchte, immer gut gestimmt, so schien es mir wenigstens. Ich trat an sein Bett und übergab ihm etwas. Er fragte nach meinen Interessen, wollte wissen, was ich gerade lese, und zeigte sich neugierig zu wissen, was ich so treibe. Als ich ihm erzählte, dass ich gerade die Bücher der Afrikaforscher Livingsten und Stanlay lese und gern einmal nach Afrika fahren würde, versprach er mir für den Fall, dass er freikommen werde, eine Reise nach Afrika. War es eine bloße Nettigkeit? Aus der Afrikareise ist nichts geworden. Schellenberg wurde 1950 begnadigt und starb 1952 in Trient (Paehler 2015, 29-56).

Mein Vater hatte mich ohne viele Worte zu einem „Kurier“ gemacht. Ich trug, wie das damals üblich war, eine kurze Lederhose, die an ihren Beinenden umgeschlagen war. Der Umschlag war so breit, dass man dahinter etwas Unauffällig verstecken konnte. Mein Vater benutzte meine freie Zugangsmöglichkeit für allerlei Botschaften an den Angeklagten. Er beauftragte mich, die auf kleinen Papierröllchen oder Zettelchen geschriebenen Informationen im Umschlag der Lederhose ins Krankenzimmer zu schmuggeln. Die schwarzen Bewacher ließen mich immer freundlich eintreten. Ich wusste selbstverständlich nichts über den Inhalt dieser „Kassiber“. Ein Schreiben meines Vaters vom 19.04.1948 lässt erahnen, um welche Botschaften es sich gehandelt haben könnte. Es bestätigt und dokumentiert einen der inoffiziellen Schleichwege und womöglich einen meiner „Kurierdienste“.

Nürnberg, den 19.04.1948. (Schreiben an Herrn Felix Kersten, Medicinalrad, Stockholm, Lennegatan 8)

„Sehr geehrter Herr Kersten,
ich komme heute im Auftrag unseres Freundes Schellenberg mit einer ganz besonderen Bitte zu Ihnen. Nach der Venlo-Affäre im November 1939 ist nach unserer Kenntnis der Chef des Informationsdienstes im niederländischen Generalstab Generalmajor van Oorchot seines Amtes enthoben worden. Für diese Tatsache benötigen wir nun möglichst umgehend ein Beweisstück in Gestalt eines Dokuments oder der Bekundung einer von diesem Vorgang unterrichteten Person.
Da wir selbstverständlich große Schwierigkeiten haben werden, ein solches Beweisstück irgendwie auf offiziellem Weg zu beschaffen, wende ich mich an Sie, mit der Bitte, in dieser Sache zu helfen. Denn Ihnen dürfte es ja wohl nicht so schwer sein, aus den Niederlanden das entsprechende zu beschaffen. Sie verstehen sicher, dass bei der Bedeutung der Aufhellung des Sachverhaltes im Zusammenhang mit dem Zwischenfall Venlo für das Schicksal Schellenbergs irgendwelche politischen oder sonstigen Gründe gegenüber der Gestaltung seines Schicksals zurückgestellt werden müssen. Die Beschaffung dieses Beweisstückes würde allerdings eilen und ich vertraue darauf, dass Sie dieser Situation Rechnung tragen werden.
Mit vorzüglicher Hochachtung.
Ihr sehr ergebener gez. Kurt O. Mintzel.“
(Aus dem Nachlass meines Vaters)

Mit “Frau General “Irene Schellenberg ans Krankenlager

Walter Schellenberg, SS-Brigadeführer, Generalmajor der Waffen-SS und Polizei und seine zweite Frau Irene Schellenberg, geb. Grosse-Schönepauck; Bild: Süddeutsche Zeitung / Enigma Archive

Mein Vater betraute mich gewissermaßen auch mit einem „Personenschutz-Dienst“. Er beauftragte mich die „Frau General“, Irene Schellenberg, ans Krankenlager ihres Mannes zu begleiten. Die zweite Ehefrau Schellenbergs, eine geborene Irene Grosse-Schönepauck, war eine wunderschöne Frau. Sie war die Tochter einer Polin. Heinrich Himmler hatte sein Einverständnis geben müssen, als Schellenberg sie 1940 heiratete. Bei ihren Besuchen bei uns war sie immer extravagant und körperbetont gekleidet. Sie hatte eine schlanke Figur, selbst auf buckeligem Kopfsteinpflaster konnte sie in ihren schmalen Schuhen auf hohen Absätzen noch elegant dahinschreiten. Ging sie aus dem Haus, trug sie einen schwarzen Hut mit geschwungener breiter Krempe. Ihre Erscheinung hatte etwas von einer Diva. In dem vom Bombenkrieg zerstörten Nürnberg erweckte sie, wenn ich sie durch die schmutzigen Straßen zu ihrem Mann begleitete, große Aufmerksamkeit. Die schlecht gekleideten Nachkriegsdeutschen merkten sofort, dass sie einer Dame von Welt begegneten, jedenfalls einer Person, der eine besondere Prominenz zuzuschreiben war.

Care-Pakete aus Schweden

Die Anstellung meines Vaters am Nürnberger Militärgerichtshof veränderte schlagartig die Situation der Familie. Mein Vater verdiente als Verteidiger fast das Doppelte des Gehalts, das er am Ende des Krieges als Oberverwaltungsrat bezogen hatte. Zusätzlich zu seinem Einkommen in Geld wurde er materiell entlohnt: Er bekam monatlich eine Stange Zigaretten der Marke Lucky Strike und durfte in der Kantine des Militärgerichtshofes essen. Die Kantine im Justizgebäude bot in der damaligen Notzeit außergewöhnlich gute Mahlzeiten, was die häusliche Lebensmittelversorgung entlastete. Die Verteidigung Schellenbergs führte 1948 nach Schweden zu Kontakten mit schwedischen Entlastungszeugen, vor allem mit Graf Folke Bernadotte, Carl Herslow und Alvar Möller. Mit Herslow, der bei uns zu Hause mit meinem Vater Fragen der Verteidigung Schellenbergs besprach, lernte ich noch einen prominenten schwedischen Verbindungsmann zum Dritten Reich persönlich kennen. Möller hatte nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler mit Walter Schellenberg Kontakt aufgenommen.

Herslow verbesserte über seine Verbindung zur „Deutschen Zündholzfabriken Aktiengesellschaft“ unsere Verpflegung mit Lebensmitteln. Alvar Möller, ein Topmanager der „Svenska Taendsticks Aktiebolaget“, der Schwedischen Zündholz Aktiengesellschaft, veranlasste vom Frühjahr 1948 an, dass wir monatlich ein großes Care-Paket mit Grundnahrungsmitteln erhielten. Die Sendungen enthielten Mehl, Schmalz, Dosenfleisch, Trockenmilch und andere hochwertige Genussmittel. Jedes Mal, wenn ein Paket angekommen war, versammelten wir uns in der warmen Küche, in der sich in diesen Notjahren das Leben hauptsächlich abspielte, und öffneten es unter großem Jubel. Diese Liebesgaben-Pakete, so wurden sie deklariert, machten der schlimmsten Hungerzeit ein Ende, wenngleich die kargen Jahre erst nach der Währungsreform vorüber waren. Ich bedankte mich für die Lebensmittelsendungen mit Malereien aus meiner Hand, wofür mir Alvar Möller im Auftrag von Herslow noch zum Weihnachtsfest 1951 hundert Deutsche Mark schenkte. Das war damals der halbe Monatslohn eines Arbeiters und erst recht für einen Fünfzehnjährigen enorm viel Geld.

So willkommen das hohe Einkommen meines Vaters auch war, die Kaufkraft der Reichsmark war gering. Es herrschte nach wie vor an allem Mangel, die Lebensmittel waren amtlich rationiert. Der Schwarzmarkt blühte, wer konnte, ging auf Hamsterfahrt. Die amerikanischen Zigaretten waren als Zahlungsmittel hoch begehrt. Bis zur Währungsreform (20.06.1948) kostete auf dem Schwarzmarkt eine Packung Lucky Strike bis zu 120 Reichsmark. Meine Eltern schickten mich vor Ostern 1948 mit etlichen Packungen in die Oberpfalz, um sie bei uns aus der Kriegszeit bekannten Bauern gegen Eier und Mehl einzutauschen. Mit gerade einmal dreizehn Jahren wurde ich auch auf diese Weise zum kleinen Mitversorger der Familie gemacht. Mit dem, was ich nach Hause brachte, buk meine Mutter den Osterkuchen. Mein Vater brütete über seinen Akten, meine Mutter hatte uns fünf Kinder und die Alten zu versorgen, mein Großvater war zu alt geworden, um noch beschwerliche Hamsterfahrten unternehmen zu können.

Entnazifizierung und Selbstverteidigung

Die „Entnazifizierung“ meines Vaters erfolgte in der ersten Hälfte des Jahres 1948, mitten in der Zeit also, in der er am Nürnberger Militärtribunal mit Dr. Riedinger die Verteidigung Schellenbergs übernommen hatte. Das Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 05.03.1946 sah fünf Gruppen von Verantwortlichen vor: Gruppe I Hauptschuldige, Gruppe II Belastete (Aktivisten, Militaristen, Nutznießer), Gruppe III Minderbelastete (Bewährungsgruppe), Gruppe IV Mitläufer und Gruppe V Entlastete. Die Spruchkammer IV Nürnberg hatte meinen Vater in erster Instanz im Frühjahr 1948 aufgrund der „Beweismittel“ und der „Klageschrift“ in die Gruppe der „Minderbelasteten“ eingeordnet und zu einem einmaligen Sonderbeitrag von 1000,00 Reichsmark verurteilt. Der Betrag sollte in einen Wiedergutmachungsfond einbezahlt werden. Die Spruchkammer hatte Mitgliedschaften und Ämter meines Vaters noch stark negativ bewertet: Seine Mitgliedschaft in der NSDAP von 1933 bis 1945, seine Tätigkeit als Führer der Altherrenschaft „Hesselberg“ in den Jahren von 1938 bis 1942 und als Gaureferent für Rechtsfragen und Scharführer der Hitlerjugend sowie seine Anwartschaft als Führer der SS. In diesen und anderen Tatbeständen hatte die Kammer – wie ich meine zurecht – Tatbestände einer wesentlichen Förderung des NS-Regimes erfüllt gesehen.

Mein Vater war ein viel zu gewiefter Jurist, um den Urteilsspruch der ersten Instanz hinzunehmen. Wer in die Gruppe der Minderbelasteten eingeordnet wurde, musste auch mit schwerwiegenden Folgen für seine Bürgerrechte und für sein weiteres Berufsleben rechnen. Er legte bei der Berufungskammer gegen das Urteil Widerspruch ein und brachte umfangreiches Beweismaterial vor, aus dem entnommen werden sollte, dass er nur ein „Mitläufer“ gewesen sei. Seine Verteidigungsstrategie war klar und konsequent: Alles, was ihn im Sinne des Entnazifizierungsgesetzes hätte belasten und das Urteil der ersten Instanz bestätigen können, wurde vertuscht, geleugnet oder bestritten. Alles, was ihn als bloßen „Mitläufer“ hatte erscheinen lassen können, wurde in ein positives Licht gerückt. Und selbst ein Mitläufer sei er „nur rein äußerlich in einem nominellen Sinne gewesen“. Er legte zum Beweis zahlreiche Entlastungsschreiben vor, damals „Persilscheine“ genannt. Sie waren von Personen aus seinem nachbarschaftlichen Umfeld, aus Freundschaftskreisen und aus seinem ehemaligen Berufsumfeld verfasst. Die Berufungskammer folgte in allen Punkten den Widerlegungsbeweisen meines Vaters und hob den Urteilsspruch der ersten Instanz auf. Aus dem Beweismaterial ginge klar und eindeutig hervor, so wurde nun argumentiert, dass der Betroffene „ein völlig objektiver, jederzeit hilfsbereiter, entgegenkommender Mensch“ gewesen sei, „der sich nur von sachlichen Gesichtspunkten leiten ließ und dem insbesondere die Parteizugehörigkeit (…) völlig gleichgültig war“. Er habe „in keiner Weise auf andere eingewirkt, etwa um sie zum Parteibeitritt zu bewegen (…) und (er sei) nie aktivistisch oder propagandistisch hervorgetreten.“ „Äußerlich habe der Betroffene dies schon damit dokumentiert, dass er kein Amt im Rahmen der Partei angenommen oder geführt habe. In gleicher Weise verhielt er sich militärischen Dingen gegenüber ablehnend“. Er habe „insbesondere den Krieg und seine zeitgeschichtlichen Auswüchse mit scharfen Ausdrücken wie Verbrechen, Wahnsinn und dergleichen verurteilt.“ Die Berufungskammer (habe) die Überzeugung gewonnen, dass der Betroffene am Nationalsozialismus nicht mehr als dem Namen nach teilgenommen und diesen nur unwesentlich unterstützt“ (habe).

Es wäre sicher informativ, an diesem Beispiel Punkt für Punkt diese Persilscheinpraxis zur Reinwaschung von braunen Flecken des Nationalsozialismus aufzuzeigen. Es war eine gängige Praxis, mein Vater war kein auffallender Sonderfall (Woller, 1986, S. 116ff). In seiner Selbstverteidigung und „Beweisführung“ konnte er gewiss auch seine Erfahrungen und sein Wissen als Verteidiger in den Kriegsverbrecherprozessen nutzen.

Die Spruchkammern waren mit zunehmender Dauer der Entnazifizierung zu „Mitläuferfabriken“ (Lutz Niethammer) geworden. Minderbelastete wurden von den Berufungskammern in der Regel als Mitläufer eingestuft und mit geringeren Geldbußen bestraft. 1948 hatte sich der Rehabilitierungsgedanke rasch durchgesetzt. Auch insofern hatte mein Vater im Juni 1948 bereits von der veränderten Situation profitiert. Dennoch gehörte er, wie es schon bald euphemistisch hieß, zu den „verdrängten“ Beamten, zu den „Entnazifizierungs-Entlassenen“, die wegen ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit nicht wieder im öffentlichen Dienst eingestellt wurden.

Jerusalem, 1948 – Der Mord an Graf Folke Bernadotte

An einem milden Spätsommertag des 17. September 1948 kam mein Vater unerwartet früh vom Justizpalast zurück. Er trat aufgeregt und erbost auf unseren Balkon. Graf Folke Bernadotte sei eben in Jerusalem von zionistischen Terroristen ermordet worden. Bernadotte hatte im Prozess gegen Schellenberg zu den Hauptentlastungszeugen gehört. Mein Vater hatte seine Verteidigung vor allem auf dessen eidesstattlichen Erklärungen aufgebaut. Ich hätte als dreizehnjähriger Schüler dieser Nachricht, wenn überhaupt, sonst wohl keine große Bedeutung beigemessen. Im Rundfunk wurde jeden Tag über Morde und Konflikte berichtet. Ich hätte Gewicht und Tragweite nicht einschätzen können, hätte mein Vater nicht darüber gesprochen.

Zwei Rückblenden: (http://de.wikipedia.org/wiki/Folke_Bernadotte, 04.04.2014)

Rückblende 1: Die Aktion „Weiße Busse“
Folke Bernadotte Graf von Wisborg (1895–1948) stammte aus dem Adelsgeschlecht Bernadotte und war somit ein Verwandter des schwedischen Königshauses. Nach dem Abitur hatte er die Offizierslaufbahn eingeschlagen. Nach seiner militärischen Ausbildung war er in den diplomatischen Dienst eingetreten. Am 1. September 1943 hatte er zunächst das Amt des Vizepräsidenten des Schwedischen Roten Kreuzes übernommen und in dieser Funktion für die Nachkriegszeit Pläne für humanitäre Hilfsmaßnahmen ausgearbeitet. Noch im Frühjahr 1945 hatte er Kontakt mit Heinrich Himmler aufgenommen und in Verhandlungen mit ihm erreicht, dass etwa 8.000 KZ-Häftlinge skandinavischer Herkunft und mit ihnen 10.000 bis 12.000 Juden und andere Personengruppen verschiedener Nationalität vor der Ermordung in den Konzentrationslagern gerettet wurden. An die 20.000 Häftlinge, vorrangig aus den Lagern Ravensbrück und Theresienstadt, wurden von rund 250 Helfern begleitet nach Schweden gebracht. Diese humanitäre Hilfs- und Befreiungsaktion, die mit weißen Fahrzeugen durchgeführt worden war, ging später unter dem Namen „Mission Weiße Busse“ in die Geschichte des Schwedischen Roten Kreuzes ein. Einer dieser Busse wurde später in die Jerusalemer Holocaust–Gedenkstätte Yad Vashem gebracht. Am 23. April 1945, wenige Tage vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, hatte Himmler, so wird berichtet, ohne Hitlers Wissen in illusorischer Verkennung der Absichten der alliierten Mächte und seiner eigenen Handlungsmöglichkeiten dem Mittelsmann Graf Bernadotte zugesagt, das Deutsche Reich werde vor den USA und Großbritannien kapitulieren, wenn es seinen Krieg gegen die Sowjetunion weiterführen dürfe. Bernadotte hatte dieses eigenmächtige Angebot Himmlers an die schwedische Regierung weitergereicht. (http://de.wikipedia.org/wiki/Folke_Bernadotte, 04.04.2014)
Walter Schellenberg, der als Geheimdienstchef Kontakte nach Schweden besaß und sich wiederholt in Schweden aufgehalten hatte, war in der „Mission Weiße Busse“ einer der deutschen Mittelsmänner gewesen, die mitgeholfen hatten, diese Rettungsaktion zu ermöglichen und erfolgreich durchzuführen. Im Wilhelmstraßen-Prozess gereichte diese Mitwirkung Schellenberg zu seiner Entlastung. Dr. Riediger und mein Vater hatten als seine Verteidiger Kontakt nach Schweden aufgenommen und erreicht, dass Graf Bernadotte Schellenberg entlastete. Der Anklagepunkt „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ wurde daraufhin fallengelassen (dazu Paehler 2015, S. 29-56).

Rückblende 2: Mord der zionistischen Attentäter und „Landräuber“
Im Mai 1948 hatten die zionistischen Einwanderer und Siedler in Palästina, das unter dem Mandat Großbritanniens gestanden hatte, den Staat Israel ausgerufen und damit den ersten Palästinakrieg provoziert. Bernadotte war am 20. Mai 1948 zum ersten Vermittler in der Geschichte der Vereinten Nationen (UN) gewählt worden. Er hatte in dieser Amtseigenschaft unter anderem die Gründung des Hilfswerkes der UN für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten angestoßen und sich für eine Anerkennung des Rückkehrrechtes der palästinensischen Flüchtlinge eingesetzt. Außerdem erreichte Bernadotte im Rahmen seines Auftrages, eine friedliche Entwicklung in Palästina zu fördern, einen dreißigtägigen Waffenstillstand. Er war davon überzeugt, dass die palästinensischen Flüchtlinge einen Anspruch auf ihre Heimat hätten. Darüber hinaus hatte Bernadotte einen Plan entwickelt, wonach die Stadt Jerusalem unter internationale Aufsicht gestellt und die Negev-Wüste an die Araber abgetreten werden sollte. Dieser Plan war bei den israelischen Staatsgründern auf erbitterten Widerstand gestoßen. Sie sahen ihre gewaltsame Landnahme und einseitige Staatsgründung gefährdet. Die sogenannte Terroristen-Gruppe Lechi machte kurzen Prozess: Sie erschoss Bernadotte und seinen Begleiter, den UN-Beobachter Andre Serot am 17. September 1948. (http://de.wikipedia.org/wiki/Folke_Bernadotte, 04.04.2014)
Die Sympathien meines Vaters galten, soweit ich das aus seinen Äußerungen heraushören konnte, der arabisch-palästinensischen Seite. Dahinter verbarg sich vermutlich ein Antisemitismus, den er nicht offen bekunden wollte. Welche Gedanken wurden wohl in jenen Tagen zwischen meinem Vater und dem Angeklagten Schellenberg ausgetauscht?

Gesuch um Amnestie für den Kriegsverbrecher Martin Sandberger, 22.11.1949

Auch nach dem Ende der Prozesse war mein Vater noch einige Zeit mit den Fällen befasst, mit denen er als Verteidiger zu tun hatte. Er schaltete sich in die Bemühungen der ersten deutschen Bundesregierung ein, für die Verurteilten beim Hochkommissar eine Amnestie zu erwirken. (siehe hierzu Earl 2015, S. 57ff)

Office of Military Government for Germany (U.S.); Reiseerlaubnis für Kurt Mintzel am 9. Januar 1948 nach Darmstadt, München, Würzburg zur Durchführung von Interviews mit Zeugen im Fall Martin Sandberger

Martin Sandberger (1911–2010), dessen Verteidiger er zusammen mit Bolko von Stein bis zum Ende des Prozesses im März 1948 gewesen war, hatte es nach seinem Studium der Rechtswissenschaften (1929–1933) in einer steilen NS-Karriere bis 1938 zum SS-Sturmbannführer (Major) gebracht. Im Oktober 1939 hatte ihn Heinrich Himmler zum Chef der Einwanderungszentralstelle Nord–Ost ernannt, deren Aufgabe es unter anderem war, deutsche Umsiedler nach ihrer Rassereinheit zu bewerten. Nach Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion war er neben Dr. Walter Stahlecker Führer des Einsatzkommandos 1a geworden und damit direkt für Massenmorde an Juden im Baltikum verantwortlich gewesen. Zur Belohnung war er 1941 zum Kommandeur der Sicherheitspolizei der Staatssicherheitsdienste in Estland ernannt worden. Bis zum Ende des Krieges hatte er noch weitere Spitzenämter im Reichssicherheitshauptamtes inne. Sandberger war vom US-amerikanischen Militärtribunal im März 1948 wegen Kriegsverbrechen zum Tod verurteilt worden. (Earl 2015, 57ff)

Mein Vater gehörte zu den ersten, die sich sofort nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland für eine Amnestie oder zumindest für eine Aufhebung der Todesstrafe einsetzten. (Earl, 2015, S. 57ff). Zu diesem Zweck wandte er sich im November 1949 mit folgendem Schreiben an den ersten Bundesminister der Justiz, an Dr. Thomas Dehler (FDP):

„Sehr verehrter Herr Bundesjustizminister,
Mein Mandant, Martin Sandberger (zurzeit im War Crime Prison in Landsberg/Lech), Sohn des Kaufmanns Karl Viktor Sandberger in Stuttgart/Illenbuch, wurde im April 1948 von einem amerikanischen Militärgericht in Nürnberg, ebenso wie die 13 seiner Mitangeklagten, zum Tode verurteilt.
Wie ich einigen Zeitungsnotizen entnahm, ist das Bundesjustizministerium im Begriff, mit den Dienststellen der Hohen Kommissare auch die Fragen der vor Militärgerichten der Besatzungsmächte verurteilten Deutschen zu erörtern. In diesem Zusammenhang bitte ich, Sandberger ganz besonders zur Amnestierung oder mindestens zu einer wesentlichen Herabsetzung der Strafe beim amerikanischen Hohen Kommissar in Vorschlag zu bringen. Einen Überblick über Sandbergers Fall in möglichst kurzer Form erhalten Sie aus der als Anlage 1 beigefügten Abschrift eines Berichtes, der an sich zur Orientierung amerikanischer Stellen bestimmt ist, aber doch auch die wichtigsten für Ihre Entschließung maßgeblichen Gesichtspunkte enthält. Falls Sie darüber hinaus die umfangreichen Schriftsätze und Beweismaterialien, die ich der ehemaligen amerikanischen Militärregierung, dem Herrn Hohen Kommissar und dem U.S. District Court in Washington eingereicht habe, wünschen, bitte ich, diese Unterlagen bei mir anfordern zu wollen.
Als Anlage 2 füge ich die Abschrift eines Briefes bei, den der ehemalige Beauftragte der Schwedischen Regierung und des Schwedischen Roten Kreuzes in Estland, Herrn Carl Mothan vor kurzem in der Sache Sandberger an den Herrn Kommissar gerichtet hat. Der Brief beweist nicht nur, dass Sandberger seiner inneren Einstellung nach keineswegs ein williges Werkzeug der Nazi-Politik war, sondern ist auch insofern von Interesse, als solche und ähnliche Gesichtspunkte von manchen Besatzungsgerichten weitgehend als ›mildernde Umstände‹ anerkannt wurden.

Mit vorzüglicher Hochachtung
gez. Kurt Mintzel“

Aus dem Inhalt dieses Schreibens lässt sich der Schluss ziehen, dass er sich auch nach Abschluss des Prozesses noch als Verteidiger Sandbergers betrachtete. Sicher war er mit dem Fall juristisch bis ins Detail vertraut, er kannte Anklageschrift, Verteidigungsschrift und Urteilsbegründung im Wortlaut. Hätte er sich aber deshalb Ende 1949 für einen der Haupttäter des Völkermordes im Baltikum einsetzen müssen? Was veranlasste meinen Vater, seinem ehemaligen Mandanten Sandberger zu bescheinigen, kein williges Werkzeug der Nazi-Politik gewesen zu sein? Wäre es meinem Vater nicht möglich gewesen, auszuweichen und sich nicht mehr weiter in den Fall einzulassen? Warum setzte er sich gleich bei der ersten Möglichkeit, die Aufhebung des Todesurteils zu betreiben, mit ganzer Kraft dafür ein? Warum nahm er sich ganz besonders des Falles Sandberger an?

Ein Motiv lässt sich möglicherweise aus der Tatsache erschließen, dass Sandberger an der Universität Tübingen zum Hochschulgruppenführer des NS-Studentenbundes avanciert und dann zum Bereichsführer Südwest des Reichsstudentenführers ernannt worden war. Mein Vater hatte von 1927 bis 1931 ebenfalls Rechtswissenschaft studiert, war der rechtsradikalen schlagenden Burschenschaft „Frankonia“ beigetreten und 1933 zum Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund übergetreten. Die studentenbündlerischen Ideale und Schwüre verpflichteten zur lebenslangen gegenseitigen Unterstützung. Auch solche gesinnungsmäßigen Gesichtspunkte könnten meinen Vater veranlasst haben, seinen ehemaligen Mandanten aus der Todeszelle herauszupauken zu wollen. Letztendlich war seine Initiative insofern erfolgreich, als Sandberger 1951 mit Hilfe zahlreicher prominenter Politiker der Bundesrepublik, darunter Bundespräsident Theodor Heuss und der Vizepräsident des Deutschen Bundestages Carlo Schmid, vom Hochkommissar John McCloy begnadigt wurde. Das Todesurteil wurde in lebenslange Haft geändert. Nach einem Revisionsprozess kam er 1958 endgültig frei und wurde Justiziar in einem württembergischen Wirtschaftsunternehmen. Sandberger verstarb als einer der letzten hochrangigen NS-Verbrecher 2010 im Alter von 98 Jahren in Stuttgart. (zur Biografie und Begnadigung neuerdings Earl 2015, S. 57ff). Viele alte Nazis kehrten in den fünfziger Jahren in hochrangige Ämter zurück. Auch mein Vater.